#Gesundheit am 08.11.2021

ImPuls: So kann Bewegung ein Leben verändern

Im Rahmen des Programms machen die ImPuls-Teilnehmenden Lauftrainings in kleinen Gruppen.
ImPuls

Sport und Bewegung können dabei helfen, die Symptomatik von psychischen Erkrankungen deutlich zu verbessern. Aus diesem Grund unterstützt das Bewegungsprogramm „ImPuls“ Betroffene dabei, körperlich aktiv zu werden und Sport in ihren Alltag zu integrieren. Martina Gutbrodt hat im Mai 2021 an der Studie teilgenommen. Nur fünf Monate später kann sie sagen: „ImPuls hat mein Leben verändert.“

Posttraumatische Belastungsstörung, Borderline-Syndrom, Depressionen, Angststörungen: Martina Gutbrodt leidet seit Jahrzehnten unter verschiedenen psychischen Erkrankungen. Bis das erkannt wurde, musste die gelernte Krankenschwester und studierte Pflegemanagerin viele Kämpfe bestreiten, ambulante sowie stationäre Behandlungen wurden zu einem Teil ihres Lebens. Seit einigen Monaten ist Martina sehr stabil. Grund dafür ist unter anderem ihre Teilnahme an „ImPuls“ – einem gruppentherapeutischen Bewegungsprogramm der Universität Tübingen. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Frau Gutbrodt, wie kamen Sie mit ImPuls in Kontakt?

Das habe ich meiner ambulanten Therapeutin zu verdanken. Sie hatte die Flyer in ihrer Praxis ausliegen, als ich zu einer Therapiestunde dort war, und mir einen davon mitgegeben. Ich war sofort interessiert, da ich schon immer gerne mit Sport angefangen hätte, aber bei jedem Versuch Schwierigkeiten hatte – weil ich nicht durchhalten konnte oder wieder symptomatisch wurde. Von ImPuls war ich direkt angetan, weil ich dachte: „Mensch, endlich ein Programm, bei dem auch die psychische Erkrankung gesehen und bei dem man begleitet wird.“

Ich habe schon viele Sportarten und Kurse ausprobiert und auch in Kliniken hatte ich immer wieder Bewegungstherapien. Aber ein Sportprogramm, das systematisch für psychisch Erkrankte aufgebaut ist, war mir neu. Also habe ich im Reha-Zentrum in Göppingen angerufen und durfte zu dem Vorgespräch kommen. Ich füllte einen Fragebogen aus, war geeignet und hatte das wahnsinnige Glück, in einer sehr aktiven Gruppe zu landen.

Wie haben Sie die erste Theorie-Sitzung bei ImPuls empfunden?

Vor der ersten Einheit war ich sehr, sehr aufgeregt. Aufgrund der Ängste habe ich mit Gruppen immer etwas Probleme – vor allem mit neuen Gruppen. Und auch mit Zweifeln, im Sinne von: „Schaffe ich das Programm? Bin ich fit genug? Bin ich überhaupt in der Lage, das durchzuhalten?“ Ich war einfach mit meiner persönlichen Situation sehr beschäftigt, als ich dort angekommen bin. Aber all das hat sich sehr schnell aufgelöst.

Unsere Therapeutin in Göppingen, Luise Engst, ging auf die Ängste und Zweifel von jedem Einzelnen ein und half uns dabei, sie auszuräumen. Und dann war eigentlich schon ein gemeinsames Arbeiten möglich. Die Unsicherheiten und die Aufregung haben sich sehr schnell erledigt, weil die Atmosphäre einfach so angenehm war. Ich fühlte mich sehr schnell sehr wohl und am richtigen Ort.

Inwieweit gab es Raum für den persönlichen Austausch und wie haben Sie ihn empfunden?

Es war ein sehr offenes Sprechen miteinander möglich. Wir waren zu fünft in der Gruppe und haben uns zu Beginn direkt darauf geeinigt, dass alles, was wir besprechen, in diesem Raum bleibt. Und dadurch, dass alle sich geöffnet haben, fiel es auch mir nicht schwer. Jeder hat sein Päckchen mitgebracht, jeder kam mit unterschiedlichen Voraussetzungen dort an, aber trotzdem hatten wir alle etwas gemeinsam. Es war einfach wohlwollend und annehmend – auch von Frau Engst.

Wie war es für Sie, als dann ab der zweiten Woche das Lauftraining losging?

Da hatte ich wieder ganz schön Muffensausen. Aber wir haben das Training nach einem Intervallprogramm gemacht – also mit Gehpausen dazwischen. Dadurch war es gut zu bewältigen, auch für die, die körperlich eingeschränkt waren. Jeder konnte nach seiner persönlichen Fitnessgrundlage mitlaufen oder entsprechend längere Gehpausen machen.

Es war nicht überfordernd, aber es war fordernd. Das fand ich sehr positiv, vor allem weil Frau Engst wirklich nach jedem Einzelnen geschaut und darauf geachtet hat, dass keiner zurückbleibt oder das Gefühl entwickelt, alleine zu sein. Sie hat jeden individuell mitgenommen. Dadurch habe ich mich sehr gut und gesehen und unterstützt gefühlt.

Es war nicht überfordernd, aber es war fordernd.
ImPuls-Teilnehmerin Martina Gutbrodt

Wie hat die Unterstützung der Therapeutin in Hinsicht auf die Motivation funktioniert?

Bei mir war die Motivation, etwas zu tun, bereits da. Ebenso aber auch die Ängste, dass ich es nicht schaffe. Ich war nämlich nie sportlich. Es war also schon eine Herausforderung. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich zu viel mehr in der Lage war, als ich dachte, weil man mich da abgeholt hat, wo ich stand – sowohl im Hinblick auf meine körperliche Fitness als auch auf meine Ängste. Allein dadurch kam viel Motivation. Und man konnte auch sehr viel Fachliches fragen, etwa wie hoch der Puls sein soll, wie man mit Seitenstechen oder Schmerzen umgeht. Es war diese Kombination aus fachlicher Kompetenz und Fürsorge.

Wir hatten vor den Trainings immer noch Theorieeinheiten und haben auch nach dem Laufen besprochen, wie es für den Einzelnen war. Es gab also immer Raum, um psychische Hindernisse, körperliche Beschwerden oder allgemeine Schwierigkeiten anzusprechen.

Inwieweit haben Sie es geschafft, den Sport nach den Präsenzeinheiten im Alltag beizubehalten?

Ich habe mich jetzt in einem Fitnessstudio angemeldet, das seinen Schwerpunkt auf Reha-Sport legt – durch meine Fibromyalgie bin ich körperlich immer wieder sehr eingeschränkt. Dorthin gehe ich dreimal die Woche und mache das auch weiterhin – einfach, weil ich gemerkt habe, dass es mir unglaublich guttut, mich zu bewegen. Ich habe gemerkt, dass ich etwas kann und dass auch der Körper etwas leistet. Ich bin sehr motiviert, es funktioniert gut, das Gefühl danach ist super.

Was mir im Nachhinein betrachtet bei ImPuls wirklich geholfen hat, war es, Motivationshindernisse anzusprechen. Wir hatten ein oder zwei Einheiten, in denen es nur darum ging, zu klären: Was könnte mich davon abhalten, Sport zu machen und wie gehe ich damit um? Wir haben diese Situationen ganz explizit benannt und aufgeschrieben und dann in der Gruppe eine Möglichkeit erarbeitet, was man dann dagegen tun kann.

Um welche Art von Hindernissen handelt es sich dabei – und wie können Sie sie überwinden?

Es ist zum Beispiel sehr schwierig, mich zum Sport zu motivieren, wenn ich starke körperliche Schmerzen habe. Die Lösung dafür ist aber ganz simpel: Ich ziehe meine tollen, neuen Sportsachen an, in denen ich mich gut fühle, und fahre ins Fitnessstudio. Das ist noch keine körperliche Anstrengung. Wenn ich dann dort bin und merke, es geht wirklich nicht, fahre ich eben wieder nach Hause. Das ist aber noch nie eingetreten, denn wenn ich erst einmal angekommen bin, denke ich mir: Gut, ich kann jetzt wenigstens für fünf Minuten auf den Crosstrainer. Und bei der Fibromyalgie ist es so, dass die Schmerzen schwinden, wenn der Körper sich erwärmt.

Ein anderes Hindernis ist Müdigkeit. Sie tritt vor allem dann ein, wenn ich durch die Schlafstörungen wieder eine Nacht durchgemacht und nicht geschlafen habe. Aber auch in diesen Situationen ziehe ich meine Sportklamotten an, fahre ins Studio und schaue, was geht. Ich höre ganz einfach auf meinen Körper.

Gab es einen Punkt, an dem Sie fast aufgegeben hätten?

Zweimal konnte ich nicht teilnehmen, weil ich körperlich krank war. Aber von der Motivation oder der Begeisterung für die Studie her – nein, nie. Ein kurzer Knackpunkt bei mir war, als die Präsenzeinheiten vorbei und ich quasi auf mich alleine gestellt war. Das war ein Umbruch, weil man vorher alles gemeinsam macht und an die Hand genommen wird – und auf einmal fällt all das abrupt weg. Den Sprung in diese Eigenständigkeit fand ich für mich persönlich schwierig. Ich hätte mir vielleicht gewünscht, dass die Begleitung vor Ort etwas länger angedauert hätte. Ein Monat mehr mit persönlicher Begleitung hätte mir gutgetan. Da wir aber so viel mit Motivation gearbeitet hatten, hat mich das wieder aufgefangen.

An meinem Schrank hängen zwei Fotos von mir, die ich gemacht habe – einmal vor dem Sport und einmal nach dem Sport. Nur von meinem Gesichtsausdruck. Auf letzterem bin ich so fröhlich und so strahlend. Man sieht mir an, wie gut mir die Bewegung getan hat. Natürlich kommt es mal vor, dass man keine Lust hat oder müde ist – aber jedes Mal, wenn ich das Foto sehe, möchte ich genau dieses Gefühl wieder erleben.

Mir hilft es außerdem, feste Tage einzuplanen. So wird der Sport zu einem Termin. Für mich habe ich den Trick entdeckt, eine Einheit mehr einzuplanen, als angeraten ist. So habe ich einen Puffer und nie das Gefühl, zu wenig geschafft zu haben, falls bei einer Einheit mal was dazwischenkommt.

Welche positiven Effekte hatte Impuls auf Ihre psychische Erkrankung?

Ganz enorme. Es gibt ganz klar messbare Veränderungen: Ich nehme sehr viele Psychopharmaka, damit ich stabil bin, und ein Medikament konnte ich jetzt vor drei Wochen absetzen – das ging die letzten Jahre nie. Für mich ist das wahnsinnig viel. Außerdem bin ich insgesamt stabil. Die Auswirkungen meiner Posttraumatischen Belastungsstörung sind deutlich schwächer geworden. Ich schlafe gut, viel tiefer. Ich habe ein ganz anderes Verhältnis zu meinem Körper bekommen. Durch die Fibromyalgie war mein Körper für mich immer verbunden mit Schmerz und unangenehmen Empfindungen. Jetzt merke ich, dass mein Körpergefühl viel positiver geworden ist.

Ich nehme sehr viele Psychopharmaka, damit ich stabil bin, und ein Medikament konnte ich jetzt vor drei Wochen absetzen – das ging die letzten Jahre nie.
ImPuls-Teilnehmerin Martina Gutbrodt

Haben Sie im Vorhinein mit diesen Auswirkungen gerechnet?

Nein. Ich hatte mir erhofft, dass ich ein bisschen fitter werde. Dass ich einen Sport finde, den ich durchhalten kann. Der mir dabei hilft, meine Tage und Wochen zu strukturieren. Aber dass es eine solche durchschlagende Wirkung haben würde – auch langfristig – das hätte ich nie erwartet. Ich bin wirklich begeistert von dieser Studie. Durch diese auch psychische Begleitung von Frau Engst kam ich nie an den Punkt, zu sagen, das sei es nicht wert oder lohne sich nicht. Es ist ja jetzt doch schon einige Monate her bei mir und unterm Strich kann ich wirklich sagen, dass sich in meinem Leben etwas auf eine sehr positive Weise geändert hat.

Welchen Menschen würden Sie ImPuls ans Herz legen?

Jedem, der bereit ist, eine Veränderung in Kauf zu nehmen und seine Komfortzone zu verlassen. Jedem, der ein anderes Körpergefühl entwickeln oder psychische Stabilität erreichen möchte. Es gibt auch keinen Grund, wegen fehlender körperlicher Fitness Zweifel zu haben: Ich rauche, ich habe nie zuvor Sport gemacht – und trotzdem hat man mich genau dort abgeholt, wo ich war. Und jetzt geht es mir deutlich besser als noch vor einem halben Jahr.

Jetzt geht es mir deutlich besser als noch vor einem halben Jahr.
ImPuls-Teilnehmerin Martina Gutbrodt

Natürlich muss man selber dranbleiben, aber es ist ein ganz toller Anstoß und ein unheimlich guter Grundstein, um in Bewegung zu kommen. Weil auch die psychische Situation mitbedacht wird, was bei sonstigen Sportprogrammen nicht der Fall ist. Bei denen geht es primär um Leistung – und da bleibt man mit einer psychischen Erkrankung einfach auf der Strecke. Das ist bei ImPuls ganz anders. Mir wurde kein Konzept aufgedrückt, sondern es wurde mit mir auf Augenhöhe ein für meine persönliche Situation passendes Konzept erarbeitet. Das fand und finde ich ganz toll.

Die andere Seite

Wie Experten das Programm empfinden, erfährst du in unserem entsprechenden Artikel. Lies hier, welche Erfahrungen ImPuls-Therapeutin Luise Engst gemacht hat.

Sport für die Psyche

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