#Corona am 17.03.2022

Entwicklungspsychologie: Was macht Corona mit unseren Kindern?

Kinder und Corona: Ein kleines Mädchen sitzt während der Pandemie gelangweilt zu Hause an einem Tisch.
Stocksy / sofie delauw

Psychotherapeutin Michaela Willhauck-Fojkar erklärt im Interview, welche Auswirkungen die Pandemie auf Kleinkinder während ihrer ersten Lebensphasen haben kann.

Die Bedeutung der ersten Lebensjahre ist in der Entwicklungspsychologie kaum zu überschätzen. Kinder lernen in diesen Jahren sich selbst und andere zu verstehen und Beziehungen aufzubauen. Was bedeutet das aber für Vorschulkinder, die während der Corona-Pandemie kaum etwas anderes als ein soziales Miteinander mit Maske und Abstand kennenlernen?

Wir fragen Michaela Willhauck-Fojkar, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin aus Mannheim, welche Auswirkungen das Aufwachsen in der Corona-Krise für Kleinkinder hat, welche Erfahrungen sie langfristig prägen werden und wie Eltern ihrem Kind über die schwere Zeit hinweghelfen können.

Porträt von Michaela Willhauck-Fojkar
Michaela Willhauck-Fojkar

Frau Willhauck-Fojkar, was bedeutet es für Kleinkinder, in der Corona-Krise aufzuwachsen?

Generell muss man sagen, dass die Situation nicht für alle Kinder gleich ist. Es macht einen großen Unterschied, unter welchen Rahmenbedingungen ein Kind aufwächst. Für manche war es anfangs vielleicht sogar schön, da die Eltern durch das Arbeiten im Homeoffice mehr Zeit und Aufmerksamkeit für sie hatten. Problematisch ist es wiederum für Kinder, deren Familien nicht zu Hause arbeiten können oder aufgrund geringer finanzieller Mittel, Existenzängsten und dem Fehlen eines größeren sozialen Netzwerks zusätzlichen Stressoren ausgesetzt sind. Der dadurch entstehende psychische Stress wirkt sich auf Kleinkinder besonders stark aus, da sie sich in allen Sachen an den Erwachsenen orientieren.

Psychischer Stress wirkt sich auf Kleinkinder besonders aus, da sie sich in allen Sachen an den Erwachsenen orientieren.
Michaela Willhauck-Fojkar

Ein weiterer Aspekt ist die Situation in den Kindergärten. Besonders am Anfang der Pandemie herrschte dort eine maximale Vorsicht. Deshalb konnte für viele Kinder eine normale Eingewöhnung in Begleitung ihrer Eltern nicht stattfinden. Sie mussten die Kleinen quasi an der Tür abgeben. So konnte der schrittweise und behutsame Trennungsprozess von den Eltern in der gewünschten Form nicht stattfinden. Dadurch bestand die Gefahr einer großen Unsicherheit.

Viele Eltern wollten ihren Kindern diese Erfahrung nicht antun, sodass ich zum Teil Kinder in meiner Praxis sitzen habe, die mit vier oder fünf Jahren immer noch nicht regelmäßig im Kindergarten gewesen sind. Wesentliche Erfahrungen, die man in dem Alter normalerweise sammelt, fallen dadurch weg.

Wie wirkt sich das auf ein Kind aus?

Wie bereits erwähnt, ist es für Kinder in einem gesunden und sozial gut aufgestellten Familienumfeld weniger problematisch. Diese können beispielsweise im eigenen Garten spielen und zumindest in einem überschaubaren Rahmen draußen Kontakte mit Freunden knüpfen. Kinder, die während der Pandemie in beengten Wohnverhältnissen im kleinsten Familienkreis leben, lernen dagegen, dass sie besonders vorsichtig sein und von Fremden Abstand halten müssen.

Verstehen die Kinder, warum bestimmte Vorsichtsmaßnahmen während der Pandemie nötig sind?

Generell gilt hierbei wie bei allen Verhaltensweisen, die Kinder lernen müssen: Je klarer ich als Erwachsener sowohl in meiner Vorbildfunktion als auch in meinen Handlungsanweisungen bin, desto normaler ist es für das Kind. Man muss nicht erklären, was Aerosole sind. Eine einfache Aussage wie „Wir tragen die Maske, damit unsere Freunde nicht krank werden“ reicht völlig aus. Besonders kleine Kinder stellen sich bei vielen Dinge gar nicht die Frage, warum sie etwas tun sollen und orientieren sich an den Erwachsenen. Deshalb ist es umso wichtiger, dem Kind völlig selbstverständlich zu vermitteln: „Ich weiß, was ich tue!“

Gibt es auch etwas Positives, das Kinder aus der Pandemie mitnehmen können?

Ein positiver Effekt in dieser Zeit ist sicherlich, dass in einigen Fällen beide Elternteile öfter zu Hause sind und dementsprechend mehr Zeit für ihre Kinder haben – sofern sie nicht permanent gestresst sind. Der zweite Punkt ist die Entwicklung einer gewissen Kreativität. Wie können wir anders als vor der Pandemie soziale Kontakte halten? Wie veranstalten wir online ein Familien-Kaffeetrinken? Die Oma kann ihrem Enkel zum Beispiel ein Buch per Videokonferenz vorlesen oder beim Bauklötze-Auftürmen zugucken. Diese Kreativität gepaart mit viel Aktivität an der frischen Luft sorgt dafür, dass besonders die kleinen Kinder am wenigsten vermissen.

Hat sich während der Pandemie ein anderes Verständnis von Nähe bei Kindern entwickelt?

Wichtig hierbei ist, ob das Kind überhaupt eine Bindungs- oder Beziehungserfahrung zu jemandem gemacht hat. Wenn ich eine enge Bindung zu einem Menschen erlebe, bin ich prinzipiell immer wieder in der Lage, Beziehungen zu anderen zu knüpfen. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern dem Kind ermöglichen, auch während der Pandemie Kontakte innerhalb der Familie zu halten, bei denen nicht alle durch eine Maske verhüllt sind. Das Kind muss lernen, Gesichter und deren Mimik zu lesen. Ist dies gewährleistet, können Kinder ein normales Verständnis von Nähe entwickeln.

Woran können Eltern erkennen, dass die Situation ihr Kind belastet?

Zu den Hauptstörungsbildern, die sich momentan über die Altersgruppen hinweg zeigen, zählen Ängste, depressive Verstimmungen bis hin zu depressiven Erkrankungen sowie verschiedene Formen von Essstörungen. Damit es dazu gar nicht erst kommt, muss man aufkommende Ängste von Beginn an ernst nehmen.

Es ist bei Kindern normal, dass sie Angst vor neuen, unbekannten Situationen haben. Wichtig hierbei ist es, diese Angst irgendwann überwinden zu können – auch mit entsprechender Unterstützung der Eltern. Ist dies nicht gegeben, können sie Ängste wie beispielsweise Trennungsangst in die nächsten Entwicklungsjahre mitschleppen.

Generell ist es für das spätere Leben wichtig, bereits in jungen Jahren zu lernen, dass sich Angst aushalten lässt.
Michaela Willhauck-Fojkar

Ein klassisches Beispiel ist im Bett der Eltern schlafen, was jedes Kind gerne macht. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem es lernen muss, nachts allein klarzukommen. Generell ist es für das spätere Leben wichtig, bereits in jungen Jahren zu lernen, dass sich Angst aushalten lässt und man damit zurechtkommen kann.

Kinder in der Pandemie: Eltern bei Therapie mit einbeziehen!

Zeigen Kinder ein auffälliges Verhalten, das über längere Zeit bestehen bleibt, kann eine Psychotherapie nötig sein. Entscheidend für deren Erfolg ist die Bereitschaft der Eltern, in die Behandlung eingebunden zu sein. Eine Beratung über den Umgang mit Symptomen sowie die mögliche Beseitigung belastender Faktoren im Alltag ist ratsam. Meist ist es hilfreich, auch das soziale Umfeld zu informieren.

Welche Tipps können Sie Eltern geben, um ihren Kindern den Corona-Alltag etwas angenehmer zu gestalten?

Mittlerweile ist ja zum Glück wieder mehr möglich. Mein erster Tipp lautet daher: Unbedingt rausgehen! Während des Lockdowns habe ich den Familien Anregungen gegeben, wie sie gemeinsame Aktivitäten in der Wohnung gestalten können. Ein schönes Beispiel dafür ist der sogenannte „Räuberabend“: Die Kinder bauen eine Räuberhöhle und erstellen eigene Regeln dafür, während die Eltern einen Picknickkorb vorbereiten. Dabei können sich alle verkleiden und anschließend als Räuberbande durch die Wohnung stromern und schauen, wo man etwas zu essen stehlen kann. So lässt sich auch in einem begrenzten Umfeld ein kreativer Abenteuerspielplatz für die Kinder gestalten.

Eltern müssen sich zwischendurch unbedingt Oasen gönnen, um ihre Ruhe zu haben.
Michaela Willhauck-Fojkar

Ganz wichtig ist darüber hinaus, zu schauen, ob es zumindest eine andere Familie gibt, in der das Kind einen Spielpartner treffen kann. Damit es lernt, dass zum Beispiel Spielsachen geteilt werden, man sich streitet und sich auch wieder versöhnt. Also normale alltägliche Dinge im sozialen Miteinander. Eltern wiederum müssen sich zwischendurch unbedingt Oasen gönnen, um ihre Ruhe zu haben. Und wenn es nur eine halbe Stunde ist, in der das Kind einen ausgesuchten Film guckt. Für die eigene Ausgeglichenheit sind solche kurzen Momente der Entspannung enorm wichtig, damit ein für alle schädlicher Stress gar nicht erst aufkommt.

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    veröffentlicht am 17.03.2022
    AOK-Expertin „Psyche und Seele“

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