#Vorsorge am 01.10.2020

Wohnen im Mehrgenerationenhaus: Ein Lebensmodell für mehr Gemeinschaft

Wenn Jung und Alt unter einem Dach hausen, ist die Rede vom Wohnen im Mehrgenerationenhaus. Auch in Baden-Württemberg ist das keine Seltenheit mehr. Welche Vorteile das Generationenwohnen und die Gemeinschaft bieten und für wen sich solch eine besondere WG anbietet, liest du hier.

Wenn Menschen sich dafür entscheiden, in ein Mehrgenerationenhaus zu ziehen, spielt der Wunsch nach mehr Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung im Alltag eine überzeugende Rolle. Und auch im Ländle wird Wohnen in Mehrgenerationenhäusern immer populärer. Kein Wunder, wirkt sich ein starkes soziales Umfeld doch positiv auf unsere Gesundheit aus: Liebe, Freundschaft, Geselligkeit und Gemeinschaft sind für viele Menschen wichtige Eckpfeiler fürs Glücklichsein. Andersherum: Wer einsam ist, wird schneller krank. So wurde in einer länderübergreifenden Meta-Analyse gezeigt, dass sich soziale Beziehungen enorm auf die Gesundheit des einzelnen auswirken, und zwar im gleichen Maße wie Rauchen oder Alkoholkonsum. Soziale Kontakte sind für unsere Gesundheit laut Ergebnis sogar wichtiger als regelmäßig Sport zu trieben. Das heißt, dass Personen mit angemessenen sozialen Kontakten statistisch länger leben. Höchste Zeit darüber nachzudenken, wie Einsamkeit, vor allem im Alter, vermieden werden kann. Ganz nach dem Motto „Gemeinsam gegen Einsamkeit“ findet sich im Mehrgenerationenhaus zusammen, was glücklich macht.

 

Nicht verwechseln: Mehrgenerationenhaus als Begegnungsstätte

Der Begriff Mehrgenerationenhaus ist nicht geschützt. So gibt es auch die Mehrgenerationenhäuser des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die mittlerweile in ganz Deutschland zu finden sind. Diese Häuser dienen allerdings als reine Begegnungsstätte. Sie stehen allen Menschen unabhängig von Alter oder Herkunft offen. Das Herzstück eines jeden Mehrgenerationenhauses ist dabei der Offene Treff. Er ist Caféstübchen, Kinosaal und Tanzpalast zugleich. Zudem finden hier abwechslungsreiche Veranstaltungen statt. Das 2017 verabschiedete Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus“ fördert inzwischen bundesweit 540 Projekte. Und das auch in Baden-Württemberg.

Hier findest du eine Übersicht mit Mehrgenerationshäusern in der Nähe.

Wohnen im Mehrgenerationenhaus: Was steckt dahinter?

Ein Haus, mehrere Generationen: Großeltern, Eltern und Kinder unter einem Dach – was früher ganz normal war, ist heute eher die Ausnahme. Grund ist der soziale und demografische Wandel: Durch eine sinkende Geburtenrate sowie eine erhöhte Mobilität durch das Arbeitsleben gibt es immer weniger zusammenlebende Großfamilien. Dabei werden Menschen immer älter und die Scheidungsrate steigt. Die Funktion der Familie, die jeher als gegenseitige Unterstützung diente, verschwindet daher zunehmend. Doch bleibt das Bedürfnis nach generationsübergreifender Gesellschaft oft bestehen. Meist sind es Menschen mittleren Alters, die sich nach einer lebhaften Umgebung mit jüngeren Menschen sehnen. Das müssen gar nicht unbedingt die eigenen Enkelkinder sein. Umgekehrt schätzen viele Singles und junge Familien Rat, Zeit und die Erfahrung älterer Mitmenschen. Die Lösung: generationenübergreifendes Wohnen?

Viele Menschen sehnen sich nach einem Wohnumfeld, das Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und soziale Kontakte ermöglicht – und das auch noch im hohen Alter. Ein Weg, um diesem Wunsch nachzukommen, ist das gemeinschaftliche Zusammenleben mehrerer Generationen in einer Wohnanlage oder in einem Quartier. Wohnungsunternehmen, Kommunen aber auch Privatpersonen reagieren zunehmend auf diese Nachfrage. Und auch der Bund, genauer das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert unter dem Dachprogramm „Soziales Wohnen im Alter" das Modellprogramm „Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben“. Die bundesweit 29 geförderten Wohnprogramme sollen zeigen, wie gemeinschaftliches Wohnen für alle Generationen geöffnet und zugleich der Zusammenhalt im Wohnumfeld gestärkt werden kann.

Wohnen im Mehrgenerationenhaus: Welche Vorteile entstehen, welche Nachteile können auftreten?

Ein Leben in Gemeinschaft kann zu Konflikten führen, aber auch entscheidende Vorteile bieten. Welche das sind, liest du hier…

Vorteile beim Mehrgenerationenwohnen
  • Geteilte Wohnkosten
  • Geteilte Verpflichtungen
  • Hilfe im Alltag durch andere Mitbewohner (z.B. beim Einkauf, im Haushalt)
  • Viele soziale Kontakte (Austausch, gegenseitige Unterstützung)
  • In vielen Wohnmodellen sind Wohnungen für Senioren barrierefrei
  • Mehr Mobilität und somit Freiheiten (z.B. durch Carsharing oder Fahrdienste)
  • Die eigene Lebenserfahrung wird wertgeschätzt
  • Kinderbetreuung durch ältere Mitbewohner
  • Unterstützung bei der Pflege durch jüngere Bewohner zu Hause möglich
  • Gemeinsame Freizeitgestaltung
  • Anderen helfen und sich einbringen
Nachteile beim Mehrgenerationenwohnen
  • Eingeschränkte Privatsphäre (Grenzen vorher klar abstecken)
  • Erwartungen können enttäuscht werden (z.B. das Aufkommen schlechter Gewohnheiten)
  • Konflikte können entstehen
  • Generationskonflikte und Meinungsverschiedenheiten
  • Streit bei der Kindererziehung oder im Haushalt

Mehrgenerationenwohnen in der Praxis: Die Gemeinschaft zählt!

In Baden-Württemberg gibt es viele Projekte für generationsübergreifendes Wohnen. Ein Beispiel ist das Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus in Stuttgart. Hier haben Menschen, egal welchen Alters, ein Zuhause gefunden. Ganz nach der Idee einer Großfamilie, findet man hier Bildungsstätte, Seniorenzentrum und Kindertagesstätte. Durch gemeinsame Aktivitäten und Begegnungen entsteht eine feste und aktive Gemeinschaft zwischen den Bewohnern. Zu den gemeinsamen Aktivitäten gehören u. a….

  • gegenseitige Besuche der Kita-Kinder und der Senioren
  • gemeinsames Musizieren, Singen, Theaterspielen, (Vor-)Lesen, Malen, Basteln und Werken,
  • Ausflüge, Spaziergänge und Bewegungsangebote
  • kulturelle Veranstaltungen innerhalb und außerhalb des Hauses
  • gemeinsames Kochen und Backen
  • gemeinsame Mahlzeiten und Kulturangebote
  • Treffpunkt und Ort des Austauschs für alle Generationen im Café HAAG
  • Frühlingsfest, Ostereiersuche, Familientag, Sommerfest im Wohnbereich, Martinsumzug, Nikolausbesuch, Adventscafé, Weihnachtsfeier,
  • Geburtstage, Jubiläen, Abschlussfeiern
  • Sommerfest mit Tag der offenen Tür

3 Fragen zum Alltag in einem Mehrgenerationenhaus an Daniela Rentschler, Generations- und Quartiersmanagerin

 

1. Frau Rentschler, warum ist das Wohnen im Mehrgenerationenhaus Anna Haag ein Gewinn für ihre Bewohner?

Der Alltag im Mehrgenerationenhaus ist ein Gewinn für alle Generationen und Menschen, die sich im Haus bewegen.

Schon allein durch die besondere Architektur leben wir in einem kleinen Mikrokosmos, in dem es alltäglich ist, Menschen, ob groß, ob klein, mit und ohne Behinderung z.B. beim Mittagessen in unserem Restaurant oder im Café zu begegnen und sich gegenseitig zu helfen. Ebenso die Begegnungen auf unserem Marktplatz, auf dem u.a. Konzerte oder Aufführungen stattfinden oder einfach „nur“ gebastelt, gespielt oder Pause gemacht wird, versprühen Dorfcharakter.

Wir gestalten jahreszeitliche, regelmäßige sowie spontane Aktivitäten gerne zusammen, da wir alle unter einem Dach sind, kurze Wege haben und von der Verschiedenheit der Menschen auf unterschiedliche Weise profitieren.

 

2. Welche Vorteile bietet das Zusammenleben mehrerer Generationen?

Die Senioren genießen den lebendigen Alltag hier im Haus und bleiben fit. Die Kinder lernen von Anfang an Rücksicht auf andere zu nehmen und die Jugendlichen entwickeln durch das Zusammenleben hier einiges an Sozial- du Persönlichkeitskompetenzen. Diese Effekte werden über das alltägliche Zusammenleben erzielt, aber auch über gezielte Projekte, wie z.B. unser von einem Theaterpädagogen geleitetes Theaterensemble, bestehend aus Senioren, Kindern und Jugendlichen.

 

3. Welches Feedback erhalten Sie von den Bewohnern?

Aus den zahlreichen Geschichten, die mir dazu einfallen, ein vielleicht besonders schönes Beispiel: Ein Senior kam vor einiger Zeit ins Haus, in einer nicht so positiven Gesamtverfassung. Nach und nach wagte er sich zu den Aktionen und Veranstaltungen dazu und ist mittlerweile überall im Haus unterwegs, bei jedem Fest, jedem Projekt und Aktion mitten drin. Laut seiner Aussage hat er „die Zeit seines Lebens“, da er nun nach einem Leben, das von viel Erwerbsarbeit geprägt war, wenig von der Familie und den Kindern mitbekommen hat. Nun hat er die Zeit und die Möglichkeit im Haus das soziale Zusammensein zu leben. Gespräche mit den Jugendlichen halten ihn fit und auf dem neuesten Stand, die Kinder rufen von weitem schon seinen Namen, wenn sie ihn sehen und winken wild. Nicht zuletzt beim Männerstammtisch kann er sich mit anderen Senioren und Ehrenamtlichen aus dem Stadtteil austauschen.

Weitere Informationen zum Thema Wohnen im Mehrgenerationenhaus findest du hier…

www.fgw-ev.de

www.wohnprojekte-portal.de

www.kompetenznetzwerk-wohnen.de

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Quellen

Daniela Rentschler, Generations- und Quartiermanagerin im Anna-Haag-Mehrgenerationenhaus, Stuttgart.

Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB (2010) Soziale Beziehungen und Mortalitätsrisiko: Eine metaanalytische Übersicht. PLoS Med 7 (7): e1000316. doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316

Schulte, E.: „Mehrgenerationenwohnen. Eine Antwort auf die Herausforderung des demografischen und sozialen Wandels?“, Diplomica Verlag GmbH, Hamburg 2008.

https://www.serviceportal-zuhause-im-alter.de/programme/modellprogramm-gemeinschaftlich-wohnen-selbstbestimmt-leben.html

https://www.mehrgenerationenhaeuser.de/mehrgenerationenhaeuser/was-ist-ein-mehrgenerationenhaus

https://www.mehrgenerationenhaeuser.de/programm/was-ist-das-bundesprogramm

https://www.serviceportal-zuhause-im-alter.de/programme/modellprogramm-gemeinschaftlich-wohnen-selbstbestimmt-leben.html

https://www.serviceportal-zuhause-im-alter.de/programme/dachprogramm-soziales-wohnen-im-alter.html

http://wohnprogramm.fgw-ev.de/modellprogramm/

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veröffentlicht am 01.10.2020
AOK-Expertin Familie und Beziehung

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