Ein Beratungsnetz, das auffängt

In Baden-Württemberg arbeiten die Pflegekassen eng mit den Pflegestützpunkten und den Kommunen zusammen, um Betroffenen bei Fragen rund um die Pflege passende Unterstützung zu bieten. Das Beispiel zeigt, wie Kooperationen helfen, einen konkreten Mehrwert für die Menschen vor Ort zu schaffen.

Bild: Zwei Frauen in einer Gesprächssituation.

Pflegebedürftigkeit Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) vom 27. November 2015 wurde der Begriff der… verändert den Alltag grundlegend. Eine fachkundige, persönliche Beratung kann Betroffenen und Angehörigen helfen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden und passende Unterstützungsangebote vor Ort zu finden. Genau das ist die Idee der Pflegestützpunkte Die Pflege- und Krankenkassen richten zur wohnortnahen Beratung, Versorgung und Betreuung der… in Baden-Württemberg, die inzwischen in allen 44 Stadt- und Landkreisen eine wichtige Säule der Pflegeversorgung darstellen.

Die Pflegestützpunkte sind für viele Menschen die erste Anlaufstelle bei Fragen rund um die Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… . Dabei geht es nicht nur um Leistungen der Pflegeversicherung Die Pflegeversicherung wurde 1995 als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt. Ihre Aufgabe… , sondern auch um Hilfen im Alltag, Unterstützung bei Formalitäten oder der Suche nach externer Hilfe. Die Beratung erfolgt durch die Mitarbeitenden der kommunalen Träger, gegebenenfalls auch unter Einbindung der Pflegekassen wie die AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Baden-Württemberg. Sie findet entweder vor Ort, per Telefon oder in Einzelfällen auch bei den Betroffenen zu Hause statt – und das kostenlos und unabhängig.

Im Fokus steht dabei immer, dass pflegebedürftige Menschen selbstbestimmt über ihre Pflege entscheiden können. Ziel ist es, ein möglichst langes und sicheres Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.

Ziel:
Sicherstellung einer flächendeckenden, qualitätsgesicherten Pflegeberatung für Pflegebedürftige und ihre An- und Zugehörigen.

Träger:
Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg in gemeinsamer Verantwortung mit den Pflegekassen- und Krankenkassen, darunter die AOK Baden-Württemberg.

Zielgruppe:
Pflegebedürftige Menschen sowie ihre An- und Zugehörigen sowie Bürgerinnen und Bürger mit Informationsbedarf.

Ansatz:
Kommunal verankerte Pflegestützpunkte als zentrale, barrierefreie Anlaufstellen für individuelle und personenzentrierte Pflegeberatung.

Umsetzung:
Landesweit einheitliche Beratungsstruktur auf Grundlage des § 7c SGB XI mit gemeinsamen Qualitätsstandards, Geschäftsstelle, Steuerungsgremium und regionaler Ausgestaltung durch die Kommunen.

Mehrwert:
Stärkt die gemeinsame Verantwortung von Kommunen und Pflegekassen, verbessert die Orientierung im Pflegefall.

Einheitliche Beratungsstandards

In Baden-Württemberg betreiben die Stadt- und Landkreise gemeinsam mit den zehn Pflege- und Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… , darunter auch die AOK Baden-Württemberg, die Pflegestützpunkte. Grundlage ist ein Rahmenvertrag aus dem Jahr 2018. Er legt fest, dass die Beratung nach gemeinsamen Qualitätsstandards erfolgt und vorhandene Ressourcen gezielt genutzt werden. Diese Standards gelten inzwischen in mehr als 100 Pflegestützpunkten der 44 Stadt- und Landkreise im Land.

Verantwortlich für die Umsetzung der Pflegestützpunkte sind die Stadt- und Landkreise. Sie sorgen dafür, dass die Anforderungen des Rahmenvertrags nach § 7c SGB XI eingehalten und die vereinbarten Ziele erreicht werden. Gemeinsame Strukturen, regelmäßiger fachlicher Austausch und eine landesweit koordinierte Geschäftsstelle unterstützen die Zusammenarbeit.

So entsteht ein Netzwerk, das pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen eine verlässliche wohnortnahe Beratung, Versorgung und Begleitung bietet und die Begleitung pflegebedürftiger Menschen dauerhaft absichern soll.

Regionale Besonderheiten

Gleichzeitig bleibt Raum für regionale Lösungen. Denn Pflegebedarfe unterscheiden sich je nach Region deutlich. Während zentrale Qualitätskriterien verbindlich festgelegt sind, können die Pflegestützpunkte ihre Angebote an die jeweiligen örtlichen Strukturen und Bedürfnisse anpassen. Die Pflegeberaterinnen und Pflegeberater vor Ort kennen die Versorgungssituation in ihren Regionen meist sehr genau und können Betroffene entsprechend individuell unterstützen. Das entspricht auch der Vorstellung der AOK-Gemeinschaft, nach weniger starren, zentralisierten Vorgaben und mehr regionalen Lösungen in der Pflege.

Die gesetzliche Grundlage für die Zusammenarbeit wurde bereits 1994 mit der Einführung der sozialen Pflegeversicherung geschaffen. Die §§ 7a und 7c des Elften Sozialgesetzbuches (SGB XI) verankern den Anspruch auf individuelle Pflegeberatung Bei der Pflegeberatung handelt es sich um eine individuelle Beratung und Hilfestellung durch eine… und sehen Pflegestützpunkte als zentrale wohnortnahe Beratungsstellen vor. Mit dem Pflegestärkungsgesetz III wurde dieses System 2017 weiter gestärkt: Das sogenannte Initiativrecht ermöglicht es Kommunen seitdem, Beratungs- und Versorgungsstrukturen aktiv mitzugestalten.

Erfolgreiche regionale Beratungsnetze

Dass sich dieser Ansatz einer konstruktiven Zusammenarbeit von regionalen Pflege- und Krankenkassen mit den Sozialträger vor Ort bewährt hat, zeigt die Entwicklung vieler Standorte. Die Pflegestützpunkte haben sich in ihren Regionen etabliert und gelten vielerorts inzwischen als fester Bestandteil der kommunalen Pflegeversorgung. 

So feierten die Pflegestützpunkte der Landkreise Lörrach und Rems-Murr jüngst ihr 15-jähriges Bestehen. Nach Angaben der Landratsämter haben sich die Einrichtungen in dieser Zeit als „unverzichtbar“ für die Beratung und Unterstützung pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen erwiesen.

„Institutionelle Nähe ist ein absoluter Gamechanger“

Karin Gaiser ist Spezialistin für die Pflegeinfrastruktur bei der AOK Baden-Württemberg. Sie beschäftigt sich bereits seit Jahren intensiv mit der Versorgungsgestaltung und mit der Frage, wie regionale pflegerische Versorgung sinnvoll unterstützt werden kann.

Wie profitieren Pflegebedürftige und Pflegende von den Pflegestützpunkten?

Die Pflegestützpunkt-Struktur in Baden-Württemberg ist eine Ergänzung des Angebots der Pflegeberatung der Pflegekassen. Durch die Übertragung von Verantwortung an die Stadt- und Landkreise im Land wurde erreicht, passende Beratungsstrukturen, die zur Region passen, weiterzuentwickeln. Und ganz entscheidend ist, dass eine „institutionelle“ Nähe entstanden ist. Davon profitieren ganz direkt die Bürgerinnen und Bürger, denn die Zusammenarbeit zwischen den Stadt- und Landkreisen sowie den Pflegekassen hat einen regelrechten Aufschwung erfahren. Es entsteht mehr und mehr ein gemeinsames Verständnis. Wir ziehen also an einem Strang. Und genau das braucht es in Zeiten knapper Kassen. Die Herausforderungen rund um die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung können wir nur gemeinsam bewältigen. 

Wie werden die Pflegestützpunkte durch die Menschen vor Ort angenommen und was wäre nötig, um noch mehr Menschen zu einem Beratungsgespräch dort zu motivieren?

Die Inanspruchnahme von Beratung in der Pflege muss sich insgesamt verbessern. Und daran arbeiten wir auch in Baden-Württemberg. Dabei geht es auch um die Frage der Gestaltung von Öffentlichkeitsarbeit: Wie erfährt der Ratsuchende, dass es diese Beratungsmöglichkeit gibt und wo diese Angebote sind? Daran arbeitet die Kommission Pflegestützpunkte bereits seit einem Jahr, gemeinsam mit den 44 Stadt- und Landkreisen. Umgesetzt werden soll ein abgestimmtes Konzept, mit dem Ziel, 2026 die Beratungsangebote durch einheitliche Logos, gemeinsame Pressearbeit und Flyer bekannter zu machen, zum Beispiel auch bei den Ärztinnen und Ärzten, damit sie die Information an ihre Patientinnen und Patienten weitergeben können. Auch hier gilt, unsere Kraft und Ressourcen zu bündeln. Wenn jeder Landkreis für sich in die Entwicklung geht, ist das nicht effizient.   

Welche Impulse setzt die Zusammenarbeit von Pflege- und Krankenkassen sowie Stadt- und Landkreisen für eine zukunftsgerichtete, auf regionale Lösungen ausgerichtete Pflege?

Die bereits erwähnte institutionelle Nähe ist ein absoluter „Gamechanger“. 2018 haben wir gemeinsam mit den Kommunen mit dem Aufbau von Pflegestützpunkten begonnen. Das war der Beginn unserer erfolgreichen und wichtigen Zusammenarbeit. Es entstand ein gegenseitiges Verständnis und die Erkenntnis, dass wir zusammen ganz viel erreichen können – im Sinne der Bürgerinnen und Bürger. Und Beratungsstrukturen solo zu betrachten, wäre ein großer Fehler. Denn wenn die Versorgung nicht sichergestellt ist, zum Beispiel aufgrund defizitärer regionaler Pflegeinfrastruktur, wird die Pflegeberatung mehr und mehr belastet. Wir müssen ganzheitlich und systemübergreifend agieren.