Wie Märchen Menschen mit Demenz stärken
Mit Märchenstunden in Pflegeeinrichtungen stärkt die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland die kognitiven Fähigkeiten von demenzkranken Bewohnerinnen und Bewohnern. Auf diese Weise wird nicht nur ihre Lebensqualität verbessert. Die Märchenstunden regen auch zu mehr sozialer Interaktion an – und können damit zugleich die Beschäftigten im Pflegealltag entlasten.
Wohl jeder Mensch verbindet mit dem Satz „Es war einmal …“ eine persönliche Erinnerung. Was bei vielen ähnlich sein dürfte, ist die Erwartung, was nun folgt: eine Märchenerzählung. Denn kaum ein Satz ist für eine literarische Form so prägend wie dieser für das Märchen.
Das mag einer der Gründe sein, warum Märchen auch bei Menschen mit Demenz immer wieder positive Momente auslösen können. Viele von ihnen kennen die Geschichten noch aus ihrer Kindheit und verbinden sie mit vertrauten, positiven Erinnerungen.
Genau hier setzt das Projekt „Es war einmal … Märchen und Demenz“ der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Rheinland-Pfalz/Saarland an, das im Frühjahr 2023 gestartet ist. Es findet in Zusammenarbeit mit dem Anbieter „Märchenland“ statt, der die Tradition des Märchens als Weltkulturerbe erhalten möchte und nach eigenen Angaben jedes Jahr mehr als 2.000 Veranstaltungen rund um Volkserzählungen ausrichtet.
Ziel:
Förderung von Lebensqualität, Wohlbefinden und kognitiven Fähigkeiten demenzerkrankter Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen durch regelmäßiges Märchenerzählen.
Träger:
AOK Rheinland-Pfalz/Saarland
Partner: Märchenland – Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung GmbH
Zielgruppe:
Demenzerkrankte Menschen in stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland.
Ansatz:
Psychosoziale Präventionsmaßnahme mit niedrigschwelligem, emotionalem Zugang über bekannte Märchen, Rituale und Erzählstrukturen.
Umsetzung:
Hybrides Angebot aus analogen Märchenstunden durch professionelle Demenzerzählerinnen und -erzähler, digitalen Märchenstunden und begleitenden Arbeitsmaterialien für die Einrichtungen.
Mehrwert:
Stärkung sozialer Interaktion, Aktivierung des Langzeitgedächtnisses und Förderung des Wohlbefindens; zugleich soll das Angebot den Pflegealltag entlasten. Geplant ist eine Reichweite von rund 160 Einrichtungen bis 2027.
Langzeitgedächtnis wird aktiviert
In der hybrid angelegten Präventionsmaßnahme können demenzkranke Bewohnerinnen und Bewohner stationärer oder teilstationärer Einrichtungen an vier regelmäßigen Märchenstunden teilnehmen. Durchgeführt werden die Erzählungen von professionell geschulten Demenzerzählerinnen und -erzählern.
Neben den analogen Erzählstunden kommen digitale Märchenstunden und thematisch abgestimmte Arbeitsmaterialien zum Einsatz. Die digitalen Märchenstunden umfassen eine Serie von acht Folgen, die jeweils 45 Minuten lang sind. Sie beginnen und enden mit der gleichen Musik und wiederkehrenden Ritualen. Diese vertrauten Elemente können helfen, das Langzeitgedächtnis der demenzkranken Menschen zu aktivieren.
Depressionen vorbeugen
Der einfache, niedrigschwellige Zugang der Märchenstunden unterstützt die psychosoziale Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… bei Menschen mit Demenz und kann damit ihre psychische Gesundheit stärken. Zugleich werden kognitive Fähigkeiten angesprochen – ein wichtiger Baustein, um Lebensqualität zu erhalten und depressiven Symptomen vorzubeugen.
Das Märchenerzählen hat darüber hinaus einen weiteren Vorteil, der sich auch im Alltag der Pflegeeinrichtungen bemerkbar machen kann: Durch die gemeinsam verbrachten Stunden wird die Einbindung in die Gemeinschaft gefördert. Auf diese Weise kann auch herausforderndes Verhalten von Menschen mit Demenz reduziert werden – eine mögliche Entlastung für das Pflegepersonal. Es ist damit eine Präventionsmaßnahme, von der alle Seiten profitieren können.
Emotionaler Erfolgsfaktor
In Rheinland-Pfalz und im Saarland zeigt sich bereits, dass das Märchenerzählen in Pflegeeinrichtungen gut angenommen wird. „Obwohl wir auch regelmäßig kulturelle Veranstaltungen wie Theater besuchen, mit Märchen erreichen wir die Bewohnerinnen und Bewohner sehr viel besser und das trägt sehr zum Wohlbefinden bei“, sagt Nicole Burgard, Sozialdienstleitung in der Arbeiterwohlfahrt (AWO), in deren Seniorenzentrum in Idar-Oberstein das Projekt „Es war einmal … Märchen und Demenz“ bereits umgesetzt wurde.
Zentral ist bei dem Projekt auch die Umsetzung in der jeweiligen Einrichtung. Sie kann auf eigene Weise kreativ gestaltet und an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. In Idar-Oberstein wurde etwa eine Märchenstunde im Grünen unter dem Motto „Märchenhaft im Garten“ veranstaltet, bei der Schneewittchen in Szene gesetzt und erzählt wurde.
„Mit der wirkungsvollen Maßnahme haben wir beste Erfahrungen gemacht und es ist schön zu sehen, wie die an Demenz Erkrankten bei dem Thema Märchen aufblühen“, sagt Silke Fischer, Geschäftsführerin von Märchenland – Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… .
„Demenzkranke kamen zur Ruhe“
Mehr als 160 Einrichtungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland profitieren während der Laufzeit des Projekts, das noch bis 2027 angelegt ist, von den positiven Effekten des Märchenerzählens. Das Projekt wird jährlich evaluiert. Eine wissenschaftliche Begleitstudie zum Projekt „Es war einmal … Märchen und Demenz“, das bereits in anderen Regionen Deutschlands durchgeführt wurde, zeigte jedoch, dass mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden die Veranstaltungen erkennbar positiv erleben.
Studienautorin Prof. Dr. Ingrid Kollak von der Alice Salomon Hochschule Berlin sagt, dass Menschen mit Demenz, wenn sie durch freies Märchenerzählen angesprochen würden, aufmerksam zuhörten und zur Ruhe kämen, „obwohl sie sonst beständig auf und ab gingen, oder sie reagierten aktiv, selbst dann, wenn sie sich häufig apathisch zeigten“.
Flexible Umsetzung gesetzlicher Vorgaben
Das Beispiel aus Rheinland-Pfalz/Saarland zeigt neben den positiven Effekten für die Bewohnerinnen und Bewohner auch, wie gesetzliche Vorgaben kreativ, flexibel und angepasst an regionale Gegebenheiten umgesetzt werden können.
Mit dem Projekt setzt die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland Anforderungen des Präventionsgesetzes um. Seit 2015 sind die Pflegekassen dazu verpflichtet, Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung auch in stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen zu stärken.
Damit steht das Projekt zugleich beispielhaft für eine Haltung, die die AOK-Gemeinschaft seit Langem vertritt: Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… braucht weniger starre Vorgaben und mehr Spielräume für flexible Konzepte, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und den Bedingungen vor Ort orientieren.