Interview zu Bluthochdruck: „Die gute Botschaft: Wir können selbst viel tun“
Bluthochdruck ist weit verbreitet – und bleibt oft lange unbemerkt. Prof. Dr. Anja Sandek, Kardiologin und Fachärztin für Innere Medizin am Centrum für Gesundheit der AOK Nordost, erklärt, welche Rolle Lebensstil, Stress und Hormone spielen, warum Frauen nach der Menopause besonders auf ihren Blutdruck achten sollten und wann ein Arztbesuch sinnvoll ist.
Bluthochdruck ist weit verbreitet – und bleibt oft lange unbemerkt. Prof. Dr. Anja Sandek ist Kardiologin und Fachärztin für Innere Medizin am Centrum für Gesundheit der AOK Nordost. Hier erklärt sie, welche Rolle Lebensstil, Stress und Hormone spielen, warum Frauen nach der Menopause besonders auf ihren Blutdruck achten sollten und wann ein Arztbesuch sinnvoll ist.
Prof. Sandek, Bluthochdruck ist trotz aller Informationen darüber immer noch weit verbreitet. Wie erklären Sie sich das?
Wie bei allen Erkrankungen spielt auch beim Bluthochdruck die Genetik eine Rolle. Eine zusätzliche Rolle spielt aber unser Lebensstil. Und das ist eine gute Nachricht, denn den können wir verändern. Die meisten von uns sitzen viel zu viel, bewegen sich zu wenig und essen zu ungesund und zu salzreich. Das kann zu Übergewicht führen, was ein Hauptrisikofaktor für Bluthochdruck ist. Alkohol begünstigt Übergewicht, da er viele Kalorien hat und hungrig macht. Stress sorgt dafür, dass sich Stresshormone im Blut bilden, die dazu führen, dass sich die Gefäße verengen. Das schafft auch Nikotin. Und dann passiert das, was wir als Effekt von einer Baustelle kennen: Aufgrund der Engstelle kommt es zum Stau und der Druck auf unser Blut steigt.
Was heißt das konkret für den Alltag?
Wir wissen, dass der Blutdruck mit jedem Kilo weniger am Körper runtergeht. Jedes Kilo zählt. Bewegung ist auch immer gut. Wir wissen aus vielen Studien, dass schon eine halbe Stunde am Tag viel bewirkt. Menschen, die das hinbekommen, können damit oft ihren Blutdruck und zudem auch deutlich ihr Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung senken. Dabei müssen es nicht immer gleich das Fitnessstudio oder der Yoga-Kurs sein. Es ist ein sehr guter Anfang, wenn Sie die Kinder zu Fuß zur Schule bringen und wieder abholen, in den Supermarkt laufen und den Einkauf mit bis zu zwei Kilo in jeder Hand in den vierten Stock tragen. Ohne Fahrstuhl. Auf Nikotin sollte ganz verzichtet und Alkohol keinesfalls täglich, sondern nur gelegentlich und in Maßen konsumiert werden.
Wie leicht ist so eine Änderung des Lebensstils – gerade beim Rauchen?
Das ist eine gute Frage. Sogar nach einem Herzinfarkt schaffen es nicht alle Raucherinnen und Raucher, endgültig die Finger von der Zigarette zu lassen. Dabei wissen wir, dass Rauchen einer der stärksten Risikofaktoren dafür ist, einen weiteren Herzinfarkt zu bekommen. Wer damit aufhört, senkt sein Risiko für einen weiteren Herzinfarkt oder Schlaganfall um etwa ein Drittel.
Aber ein anderer Lebensstil muss nicht gleich bedeuten, alles auf einmal zu verändern. Man kann klein beginnen. Alles, was man an gesunden Ansätzen einbaut, hilft. Wir sind schließlich keine Maschinen. Deshalb sind auch strenge Verbote bestimmter Lebensmittel nicht zielführend. Die Dosis macht das Gift. Wenn jemand gerne Schokolade isst, soll er oder sie das tun – aber eben möglichst wenig aufgrund des hohen Fettgehalts und am besten dunkle Schokolade. Die hat weniger Zucker, aber einen hohen Kakaoanteil. Kakao enthält sogenannte Flavanole. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die sich sogar positiv auf den Blutdruck und das Herz auswirken können. Und als Ausgleich für die Schokolade kann man mehr Möhren, Paprika und Salat essen. Dann verliert das Ganze diesen Verbotscharakter, der sehr dogmatisch ist und die Leute nur frustriert.
Wie kann denn ein Onlinecoach helfen?
Ein Onlinecoach hilft sehr gut. Wenn ich weiß, dass ich mein Gewicht reduzieren möchte oder mit dem Rauchen aufhören will, aber ich nicht weiß, wie, dann kann mir der Onlinecoach praktische Tipps geben, mich anleiten und motivieren dranzubleiben.
Nochmal zum Übergewicht als Hauptrisikofaktor: Gibt es nicht auch viele dünne Menschen mit Bluthochdruck?
Ja, das stimmt. Auch die Sache mit weniger Salz hilft nicht immer. Wir wissen, dass maximal die Hälfte der Patientinnen und Patienten auf eine Salzreduktion anspricht. Es gibt eben auch die genetische Komponente. Dennoch sind ein gesunder Lebensstil und Gewichtsreduktion effektive Instrumente, um bestehenden Bluthochdruck zu senken oder ihn gar nicht erst steigen zu lassen. Übermäßiges Essen oder zu viel Alkohol können auch ein Kompensationsmechanismus für psychische Belastungen sein. Da gilt es, Alternativen zu finden, wie man Stress anders abbauen kann. Zum Beispiel, indem man zu Karotte oder zuckerfreiem Kaugummi greift, wenn zwischendurch die Essgelüste kommen. Manchmal ist es nämlich gar nicht wirklich Hunger, sondern Anspannung. Durch die Kaubewegung kann Stress abreagiert werden.
Was macht Bluthochdruck so gefährlich?
Bluthochdruck löst viele Folgeerkrankungen aus, wie Verkalkung der Herzgefäße, Schlaganfall, Nierenprobleme, Wasser in den Beinen, Herzschwäche, Augenprobleme und auch ein erhöhtes Demenzrisiko. Das Heimtückische daran ist, dass Bluthochdruck leider nicht wehtut. Das ist ein bisschen wie mit dem sprichwörtlichen Krug, der so lange zu Wasser geht, bis er bricht. Bei Männern kommt der Herzinfarkt dann oft früher, bei Frauen etwa zehn Jahre später.
Warum kommt er bei Männern früher und bei Frauen später?
Eine Frau in der gebärfähigen Phase hat durch das Östrogen einen besonderen Schutz. Dieses weibliche Hormon sorgt dafür, dass sich die glatte Muskulatur der Gefäße entspannt. Die Gefäße werden weiter und dadurch sinkt der Druck.
Die Menopause ist deshalb ein ganz wichtiger Punkt im Leben einer Frau. Wir müssen den Moment abpassen, in dem der Östrogenschutz ausläuft und der Bluthochdruck anfängt, sich zu entwickeln. In dieser Phase kann nicht nur der Blutdruck langsam steigen. Auch das Cholesterin und der Blutzucker können sich erhöhen. Die Wechseljahre sind deshalb generell eine risikobehaftete Phase, in der wir unbedingt aufpassen müssen. Dafür ist ein Check-up ab 35 gut: Hier werden unter anderem Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker überprüft.
Sollten Frauen in den Wechseljahren deshalb Östrogen bekommen?
Nein, so einfach ist es nicht. Genau so wurde früher gedacht und entsprechend gehandelt. Studien haben aber gezeigt, dass wir das besser nicht tun sollten. Eine Hormonunterstützung sollte nur dann stattfinden, wenn die Beschwerden gar nicht zu ertragen sind, zum Beispiel bei schlimmen Schlafstörungen oder extremen Hitzewallungen. Und auch dann nur so lange, bis die Beschwerden abgeklungen sind.
Was wir nicht wollen, ist eine dauerhafte Hormontherapie. Das Östrogen, das viele Jahre schützend auf das Herz-Kreislauf-System gewirkt hat, unterliegt nach der Menopause anderen Regeln. Es ist bekannt, dass eine Hormonsubstitution dann sogar schädlich für das Herz-Kreislauf-System sein kann. Deshalb ist es wichtig, sich gut beraten zu lassen und nicht unkritisch Hormone einzunehmen, gerade bei familiärem Risiko für Bluthochdruck und Herzerkrankungen.
Sollte man sich ab einem bestimmten Alter regelmäßig beim Kardiologen durchchecken lassen?
Es ist gut, dass viele meiner Patientinnen und Patienten auf ihre Gesundheit achten. Es ist aber nicht notwendig, dass jede und jeder ab 50 beim Kardiologen einen Herz-Ultraschall machen lässt. Man sieht anhand des Herz-Ultraschalls nicht unbedingt, ob jemand Bluthochdruck hat. Man sieht damit auch nicht direkt in die Herzgefäße, die sogenannten Koronarien, ob sie verkalkt sind, ob der Bluthochdruck schon Spuren an ihnen hinterlassen hat oder ob ein Herzinfarkt droht. Dafür gibt es andere Untersuchungen, die auf entsprechenden Symptomen aufbauen.
Was sind das für Symptome?
Kopfschmerz, Schwindel, Nasenbluten, Brustschmerzen oder Brustenge bei körperlicher oder psychischer Belastung sind Alarmsignale für einen möglichen Bluthochdruck. Auch Luftnot oder Herzrasen bei Belastung sind Auffälligkeiten. Dann sollte eine Kardiologin oder ein Kardiologe hinzugezogen werden.
Wenn man dagegen körperlich sehr gut belastbar ist und sich auch sonst gesund fühlt, muss man nicht davon ausgehen, dass das Herz bereits krank sein könnte. Dann reicht es, beim Hausarzt die Vorsorgeprogramme wahrzunehmen – insbesondere den Check-up 35, bei dem Bluthochdruck erkannt werden kann, bevor Schäden entstehen.