Artikel Versorgung

Das nächste Level der Gesundheits-KI

12.03.2026 Tim Ende 7 Min. Lesedauer

Schon jetzt nutzen Millionen Menschen KI-Chatbots für Fragen rund um ihre Gesundheit. Mit ChatGPT Health hat OpenAI in den USA nun eine neue Version vorgestellt, die künftig mit Hilfe von Daten aus Gesundheitsakten und Fitness-Trackern stark personalisierte Empfehlungen geben und sogar bei der Vor- und Nachbereitung von Arztgesprächen genutzt werden kann. Handelt es sich dabei um ein Vorbild in Sachen KI und Digitalisierung für das deutsche Gesundheitssystem, um Kosten zu reduzieren und die Versorgung zu verbessern?

Im Hintergrund sitzt eine Person an einem Laptop, schaut aber auf ein Smartphone. Daüber schwebt sozusagen ein Hologramm von einem Menschen, neben dem Gesundheits-Icons und Werte angezeigt werden.
ChatGPT Health soll mithilfe von Gesundheitsdaten personalisierte Empfehlungen geben und Arztgespräche begleiten.

Statt per Suchmaschine nach Informationen zu forschen, wird inzwischen immer häufiger die Hilfe von KI-Chatbots wie ChatGPT, Perplexity und Gemini in Anspruch genommen, um Antworten auf Fragen rund um die Gesundheit zu bekommen. Allein OpenAI zählt nach eigenen Angaben 230 Millionen Menschen wöchentlich, die Fragen zu Gesundheitsthemen auf ChatGPT stellen. Doch obwohl Chatbots inzwischen solide Antworten liefern können, basieren ihre Angaben auf allgemeinen Gesundheitsinformationen, sodass Nutzerinnen und Nutzer die Antworten stets auf ihre eigene Situation reflektieren müssen.

Chatbot berät vor Arzttermin

In den USA möchte OpenAI genau das ändern und hat nun eine auf personalisierte Gesundheitsratschläge spezialisierte Version seines Chatbots mit dem Namen „ChatGPT Health“ angekündigt. Die Idee: Nutzerinnen und Nutzer geben ihre persönlichen Gesundheitsdaten etwa aus elektronischen Patientenakten in den extra abgetrennten Bereich innerhalb des Chatbots ein. Außerdem können sie ihre Fitness-Tracker oder die Accounts von Gesundheits- und Sport-Apps wie „Apple Health“ oder „Peloton“ mit der KI verbinden. 

Diese nutzt die Daten dann, um gezielte Ratschläge etwa zur Ernährungsverbesserung oder zu Bewegungsroutinen zu geben. Zudem soll sie Patientinnen und Patienten auf Arztgespräche vorbereiten und bei der Nachbetrachtung helfen, indem sie etwa Testergebnisse analysiert und dabei hilft, sie zu verstehen.

Foto: Eine Frau in hellem Shirt hält ein Smartphone in der Hand, darüber angedeutet stehen Sprechblasensymbole.
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15.12.2025Änne Töpfer5 Min

Chance von KI-Assistenten für die Versorgung

Zwar ist die Einführung von ChatGPT Health zunächst nur in den USA und auch vorerst nur für eine kleine Gruppe von Benutzerinnen und Benutzern vorgesehen. Dennoch stellt sich vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, einer alternden Gesellschaft und einer zunehmenden Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland die Frage, inwiefern solche persönlichen KI-Assistenten künftig dazu beitragen könnten, die Versorgung der Patientinnen und Patienten auch hierzulande zu verbessern.

Fehlnutzung im Gesundheitssystem durch KI vermeiden

Foto: Porträt von Dr. Martin Roesler, Arzt im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes
Dr. Martin Roesler, Arzt im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes

Von einem positiven Nutzen solcher KI-Anwendungen in der Versorgung ist Dr. Martin Roesler, Arzt im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes und Experte in Sachen KI im Gesundheitswesen, überzeugt. „Wir haben in Deutschland eine hohe Anzahl an Fehlnutzungen im Gesundheitssystem“, so Roesler. 

Alltagsfragen, für die es nicht unbedingt einen Arzt brauche, würden in der Arztpraxis oder beim Kinderarzt geklärt. „Und da sehe ich erst mal die Stärke von so einer Beratung durch eine Gesundheits-KI, wenn sich künftig ein Teil der Bevölkerung mit geringerer Gesundheitskompetenz mit ihren Fragen dorthin wendet.“ So könnten unnötige Arztbesuche künftig vermieden werden, führt Roesler weiter aus.

Stärke in der Vor- und Nachbereitung von Arztgesprächen

Die Stärke einer solchen persönlichen Gesundheits-KI liegen laut Roesler in der Vor- und Nachbereitung des Arztgesprächs und in der Umsetzung der Informationen, die der Arzt gegeben hat. „In der Regel geht es ja bei den meisten Gesundheitsverbesserungen und Interventionen darum, seinen Lebensstil zu modifizieren“, sagt Roesler. „Das heißt, Kilos zu verlieren, Stress abzubauen und sich ausreichend zu bewegen.“ Sprachmodelle wie ChatGPT Health böten große Möglichkeiten, diese Empfehlungen in praktische Lebensführung und Gewohnheitsbildung zu übersetzen. „Ich glaube, mittelfristig wird es eine KI geben, die ‚mithört‘ und bei der Arzt-Patienten-Interaktion unterstützt oder etwa dem ärztlichen Nachtdienst in der dünn besetzten Rettungsstelle als Reflexionspartner dient“, erläutert Roesler. 

Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) geht in seinem Positionspapier zur Digitalisierung davon aus, dass der Einsatz von KI künftig Leistungserbringer wie Ärztinnen und Ärzte in der Anamnese, der Dokumentation und der Befundung unterstützen kann und dadurch „bisher gebundene personelle Kapazitäten“ freigesetzt werden können. Die Digitalisierung könne „der Schlüssel für die nachhaltige Verbesserung unseres Gesundheitssystems“ sein, so GKV-SV-Vizechefin Stefanie Stoff-Ahnis.

Einführung von ChatGPT Health in Deutschland „grundsätzlich denkbar“

Foto: Porträt von Stefan Heinemann, Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule und Sprecher der Ethik-Ellipse Smart Hospital der Universitätsmedizin Essen
Prof. Dr. Stefan Heinemann, Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule in Essen

Dass es in Deutschland zu einer so starken Verknüpfung von persönlichen Gesundheitsinformation und einer privatwirtschaftlich betriebenen KI wie ChatGPT Health kommen wird, hält Stefan Heinemann, Professor für Wirtschaftsethik an der FOM Hochschule und Sprecher der Ethik-Ellipse Smart Hospital der Universitätsmedizin Essen, grundsätzlich für denkbar. Notwendig seien allerdings „sehr enge rechtliche Voraussetzungen und klar definierte, streng regulierte Bedingungen“, betont der KI-Experte, der sich auf die ökonomische und ethische Perspektive der digitalen Medizin und Gesundheitswirtschaft spezialisiert hat. Es seien zahlreiche Voraussetzungen wie Datenschutz, eine aktive Autorisierung durch die Versicherten und auch Vorgaben aus dem europäischen KI-Rechtsrahmen zu beachten. Unter diesen Voraussetzungen könne ein flächendeckender Einsatz von KI „mittelfristig zu einer spürbaren Effizienzsteigerung beitragen“, ist Heinemann überzeugt. „Auch in der Diagnostik oder bei der Entscheidungsunterstützung sind Produktivitätsgewinne denkbar und ja auch bereits in diversen Projekten konkret realisiert.“

Verantwortung muss beim Menschen bleiben

Voraussetzung sei jedoch, dass die Verantwortung beim Menschen verbleibe, Transparenz gewährleistet sei und Patientensicherheit oberste Priorität habe, verdeutlicht Heinemann. „KI sollte Ärztinnen und Ärzte entlasten und Patientinnen und Patienten informieren, nicht jedoch autonome medizinische Entscheidungen treffen oder professionelle Expertise ersetzen“, rät der KI-Experte. 

Das unterstreicht auch Experte Roesler vom AOK-Bundesverband und betont: „Wir sind Anhänger der evidenzbasierten Medizin, also dass es wissenschaftlich begründete Richtlinien gibt, wie eine Gesundheitsversorgung stattfinden sollte.“ Bei privaten Plattformenanbietern stünden ökonomische Gesetzmäßigkeiten im Fokus und es könne passieren, dass Nutzerinnen und Nutzern etwa durch Werbung Gesundheitsleistungen angeboten würden, die nicht unbedingt der aktuellen Evidenz entsprächen. „Das ist eine Gefahr“, so Roesler. 

Und auch in Halluzinationen der KI, die zu Fehlern in der Beratung führen können, liegen Gefahren für Nutzerinnen und Nutzer. Um das zu verhindern, schlägt Heinemann ein „mehrstufiges Sicherheitssystem“ vor, in dem etwa eine verbindliche menschliche Aufsicht vorgesehen sein sollte, wenn KI in klinisch relevanten Kontexten eingesetzt wird.

Medizinische Analyse eines menschlichen Körpers auf einem transparenten Bildschirm.
Gesundheitsdaten und Künstliche Intelligenz (KI) bergen großes Potenzial für zielgenaue Prävention und Versorgung. Im Vergleich zur Datennutzung anderer Länder holt Deutschland nur langsam auf. Gleichzeitig gibt es bereits heute praxistaugliche Anwendungen.
10.02.2026Hilke Nissen6 Min

Akzeptanz schaffen, Gesundheitskompetenz ausbauen

Zudem weist Heinemann auf mögliche Zielkonflikte zwischen dem solidarisch organisierten Gesundheitssystem in Deutschland, das auf Zugangsgerechtigkeit und den Schutz vulnerabler Gruppen aufgebaut ist, und den Zielen großer KI-Plattformen hin. Es könnten Spannungen entstehen, etwa wenn Gesundheitsdaten als ökonomische Ressource betrachtet würden oder wenn personalisierte Modelle zu „indirekter Risikoselektion“ führten. Damit Gemeinwohlziele nicht untergraben werden, brauche es klare regulatorische Vorgaben, Transparenzpflichten und gegebenenfalls staatliche oder gemeinwohlorientierte Alternativen. „Ebenso wichtig ist digitale Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeit von Patientinnen und Patienten wie auch von medizinischem Personal, KI-Systeme kritisch und reflektiert zu nutzen“, um die Akzeptanz zu erhöhen.

KI dringt in alle Lebensbereiche vor

Trotz berechtigter Bedenken und noch viel Regulierungsbedarf zeigt das Beispiel ChatGPT Health, wie rasant der Fortschritt in der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz voranschreitet und wie sie in alle Bereiche unseres Lebens vordringt. Zudem erfreuen sich KI-Anwendungen einer immer größeren Beliebtheit und werden von einem Großteil der Bevölkerung – auch in Deutschland – genutzt, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage aus dem November 2025 zeigt. 65 Prozent der Befragten gaben an, KI regelmäßig zu verwenden und 85 Prozent haben dabei schon einmal auf ChatGPT zugegriffen. 

Es ist wohl deswegen nur noch eine Frage der Zeit, bis Gesundheit-KIs auch hierzulande marktfähig sein werden. Stefan Heinemann ist sich sicher: „ChatGPT Health in Deutschland wird wohl kommen, die Frage ist nur wie.“

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