Widerstand gegen ein Aus der telefonischen AU wächst
Die Debatte um eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung (AU) nimmt Fahrt auf und sorgt für eine Kontroverse innerhalb der Ärzteschaft. Mehrere Kassenärztliche Vereinigungen (KV), darunter Bayern und Berlin, sprachen sich dafür aus, die Regelung beizubehalten – und stellten sich damit gegen den Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Dieser hatte die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unterstützt, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, um Missbrauch vorzubeugen. Diese Argumentation bezeichnete der Vorstand der KV Bayern als „nicht haltbar“.
Die telefonische Krankschreibung sei „kein Automatismus, sondern Teil einer ärztlichen Entscheidung, die auf Kenntnis der Krankengeschichte und der individuellen Situation der Patientinnen und Patienten“ beruhe, erklärten die KV-Vorstände Christian Pfeiffer, Peter Heinz und Claudia Ritter-Rupp. Telefonische und Video-Sprechstunden sollten weiterhin möglich sein – „jedoch klar auf die Behandlung bereits in den Praxen bekannter Patientinnen und Patienten begrenzt“. Der Vorstandsvorsitzende der KV Berlin, Burkhard Ruppert, sprach von einer „praxisnahen und sicheren Ergänzung“, die unnötige Kontakte bei leichten Erkrankungen reduziere und Ressourcen schone. Der Vorstandsvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus Beier, bezeichnete die aktuelle Kritik an der Telefon-AU im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland als „Märchen, das die Arbeitgeberverbände hartnäckig verbreiten“.
Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) fordert in einem Papier, aus dem die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zitiert, eine Abschaffung der Regelung. „Mit ihr macht man es Blaumachern viel zu einfach.“ Die Lohnfortzahlung solle zudem nicht je Krankheit, sondern insgesamt auf sechs Wochen im Jahr beschränkt werden.
Nach Einschätzung des Geschäftsführers des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Helmut Schröder, tragen telefonische AUs kaum zu einem Anstieg der Krankmeldungen bei. Von 26,4 Millionen Krankschreibungen im Jahr 2024 gehen laut WIdO gerade mal 145.000 auf telefonische Kontakte zurück. Statt einer Abschaffung forderte Schröder, die Prävention zu stärken, unter anderem über bessere Gesundheits- und Ernährungserziehung und Betriebliches Gesundheitsmanagement.
Rückhalt für die Regelung kommt auch aus der Politik. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, versprach, es werde mit seiner Partei „eine Politik gegen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ nicht geben. Die Reformvorschläge des Kanzlers bezeichnete er als „ein Stakkato an Vorschlägen aus der neoliberalen Mottenkiste der Neunzigerjahre“. Auch aus Sicht des gesundheitspolitischen Sprechers der Grünen-Fraktion, Janosch Dahmen, leistet die Regelung „keinen messbaren Beitrag zur Entlastung unseres Sozialstaates“. Merz‘ Vorschlag nannte er ein „politisches Placebo“, das davon ablenke, „dass Gesundheitsministerin Warken bis heute keine Antwort auf die echten Kostentreiber im Gesundheitssystem hat“.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte nach der Äußerung von Merz eine Überprüfung der Regelung angekündigt. Diese war 2021 während der Corona-Pandemie geschaffen worden. (ts)
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