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Teil-AU: Verbände fürchten höheren Druck auf Beschäftigte

08.04.2026 3 Min. Lesedauer

Der Vorschlag der Reformkommission zur Einführung von Teilkrankschreibungen mit stufenweiser Einordnung der Arbeitsunfähigkeit (AU) stößt bei Arbeitnehmer- und Sozialverbänden auf scharfe Kritik. Sie warnen, dass dadurch der Druck auf Arbeitnehmer steigen könnte, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. Es sei fraglich, „wie freiwillig sich jemand überhaupt für eine Teilkrankschreibung entscheiden kann, wenn im Arbeitsleben und in der Praxis wirtschaftliche Zwänge oder hierarchische Strukturen für enormen Druck sorgen“, sagte Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), G+G.

Teilkrankschreibungen brächen mit dem Prinzip, dass Kranke sich vollständig auskurieren, und verschärften das Problem des Präsentismus, so Piel weiter. „Es würden in der Folge viel mehr Beschäftigte krank am Arbeitsplatz erscheinen.“ Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VDK, betonte gegenüber G+G, dass eine Teilkrankschreibung in vielen Berufen kaum praktikabel sei – etwa für Fahrerinnen und Fahrer im öffentlichen Verkehr, Beschäftigte in der Pflege, im Einzelhandel oder im Handwerk. Es komme vielmehr darauf an, bewährte Instrumente wie das Betriebliche Eingliederungsmanagement zu stärken. 

Die Finanzkommission Gesundheit hatte die Teilkrankschreibung als eine von 66 Maßnahmen zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) vorgeschlagen. Die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit solle demnach durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte in „enger Abstimmung mit der betroffenen Person“ in Schritten von 100, 75, 50 oder 25 Prozent erfolgen. So könne ein teilweiser Verbleib im Arbeitsprozess und eine schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz erleichtert werden. Teil der Empfehlung ist parallel zur Teilkrankschreibung auch ein stufenweises Krankengeld.

Die Grünen blicken „mit einer abwägenden, grundsätzlich offenen Haltung auf den Vorschlag eines Teilkrankengeldes“. Einerseits sei es wichtig, dass Menschen nach längerer Erkrankung behutsam wieder in den Job einsteigen können, sagte die Bundestagsabgeordnete Linda Heitmann G+G. „Gleichzeitig darf kein Druck zu einem zu frühen Wiedereinstieg entstehen, der das Risiko einer Chronifizierung erhöht.“ Für eine praxistaugliche Umsetzung brauche es klare medizinische Leitlinien, differenziert nach Krankheitsbildern und Tätigkeiten.

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Durch die Teilkrankschreibung könnten, so die Finanzkommission Gesundheit, die „sozialen und finanziellen Belastungen im Krankheitsfall deutlich reduziert“ und die solidarisch finanzierten Krankengeldausgaben stabilisiert werden. Von 45 Millionen extra Arbeitstagen hatte auch der Volkswirt Nicolas Ziebarth in der „G+G Wissenschaft“ gesprochen, wenn es gelänge, „nur zehn Prozent der gut 900 Millionen Fehltage in Halbtagskrankschreibungen umzuwandeln“.

Von großen oder sehr großen Problemen durch krankheitsbedingte Ausfälle im vergangenen Jahr berichten 41 Prozent der Unternehmen, wie eine noch unveröffentlichte Forsa-Umfrage im Auftrag der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ergab. Zwar wurde der Aspekt der Teilkrankschreibung dort nicht abgefragt, allerdings registrierten 44 Prozent der befragten Unternehmen seit 2019 steigende Arbeitsunfähigkeitsquoten. 63 Prozent plädieren deshalb für die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, 52 Prozent halten die Wiedereinführung eines Karenztages für sinnvoll. (tie)

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