Bei Notfällen fehlt es oft an Tempo und Aufklärung
Zum Europäischen Tag des Notrufs haben medizinische Fachorganisationen, Hilfsverbände und Krankenkassen eine zügige Reform der Notfallversorgung angemahnt. Im Mittelpunkt stehen mehr Aufklärung über lebensbedrohliche Notfälle, eine bessere Patientensteuerung und bundesweit einheitliche Qualitätsstandards. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), die Deutsche Herzstiftung und die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nutzten den Tag für eine gemeinsame Aufklärungsaktion zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Sepsis. Diese Notfälle verursachen in Deutschland jährlich zusammen mindestens 165.000 Todesfälle.
Nach Einschätzung der Organisationen geht wertvolle Zeit vor dem Notruf verloren, weil Warnzeichen zu spät erkannt werden. Ulf Landmesser vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung betonte, beim Herzinfarkt sei die „Goldene Stunde“ entscheidend. Die „Door to Balloon Time“ dürfe in der Klinik nicht länger als eine halbe Stunde dauern. Beim Schlaganfall erreicht laut Darius Nabavi von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nur etwa jeder Zehnte innerhalb einer Stunde eine Klinik. Das liege bei über 350 zertifizierten Stroke Units nicht an fehlenden Strukturen, sondern an zu später Alarmierung.
Auch bei der Sepsis sehen die Initiatoren erheblichen Informationsbedarf. Ruth Hecker vom APS erklärte: „Sepsis ist eine lebensbedrohliche Komplikation, die aus jeder Infektion entstehen kann.“ Die Wissenslücke koste „täglich hunderte Menschenleben“. Hecker forderte, Sepsis in Leitstellen systematisch mitzudenken und Notrufe besser zu strukturieren.
Der Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums zur Notfallreform sieht mehr Patientensteuerung, die digitale Vernetzung der Rufnummern 112 und 116 117, standardisierte Abfragesysteme sowie Integrierte Notfallzentren vor. Pierre-Enric Steiger, Präsident der Björn Steiger Stiftung, nannte dies „einen Schritt in die richtige Richtung“. Zugleich kritisierte er die derzeitige Leitstellenstruktur als „Steinzeitsystem“ und verwies auf einen internationalen Rückstand bei Digitalisierung und Standardisierung. Er warnte vor Widerständen der Länder, da der Rettungsdienst bislang weitgehend in deren Zuständigkeit liegt.
Auch die Krankenkassen erhöhen den Druck. Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen, erklärte, das Verfahren müsse „zügig verabschiedet“ werden. Rückhalt zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes: 78 Prozent der Befragten befürworten darin ein standardisiertes Ersteinschätzungsverfahren.
Der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland begrüßte das Ziel, „jedes Hilfeersuchen ernst zu nehmen und systematisch an die richtige Behandlungsstelle zu steuern“, mahnte jedoch klare Regelungen zu Zuständigkeiten und Finanzierung an. Die Johanniter verlangten „eine schnelle und zugleich umfassende Reform der Notfallversorgung.“ (sr)
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