Sozialverband fordert bessere Orientierung für Patienten
Weniger Hürden, mehr Übersicht: Der Sozialverband Deutschland (SOVD) dringt auf eine Reform der ambulanten Versorgung. „Deutschland braucht eine Primärversorgung, die Menschen Orientierung gibt, Barrieren abbaut und den Zugang zur medizinischen Versorgung verbessert“, betonte der Verband in seinem heute veröffentlichten Konzeptpapier. Statt Patientinnen und Patienten stärker zu steuern, sollten strukturelle Barrieren abgebaut und gesundheitliche Chancengleichheit gestärkt werden. Die Bundesregierung arbeitet zurzeit an einem Gesetzentwurf für ein Primärversorgungsmodell, das Hausaztpraxen eine zentrale Rolle bei der Koordinierung der Versorgung zuweist.
Künftig soll vor einem Facharztbesuch in der Regel der Hausarzt oder die Hausärztin aufgesucht werden. Der SOVD macht sich für ein Primärversorgungssystem mit mehreren Zugangswegen stark. Hausärztliche Versorgung, interprofessionelle Teams und niedrigschwellige Beratungsangebote müssten dabei eng verknüpft und durch eine strukturierte Ersteinschätzung ergänzt werden. Gleichzeitig brauche es verbindliche Barrierefreiheit, den Abbau sozialer Ungleichheiten beim Zugang zur Versorgung sowie eine stärkere Gemeinwohlorientierung des Gesundheitswesens. „Nicht die Patientinnen und Patienten müssen besser gesteuert werden – das Versorgungssystem muss einfacher, gerechter und verlässlicher werden“, betonte SOVD-Vorstandschefin Michaela Engelmeier.
Auch der AOK-Bundesverband pocht auf eine Weiterentwicklung der hausärztlichen Versorgung zu einer teambasierten interprofessionellen Primärversorgung, die durch eine strukturierte, vorgeschaltete Ersteinschätzung ergänzt wird. Damit werde Primärversorgung nicht „zum neuen Nadelöhr“, sondern „zur primären, verlässlichen und kompetenten Anlaufstelle“ für Patienten, sagte AOK-Vorständin Carola Reimann mit Blick auf bereits seit Jahresbeginn laufende Fachgespräche im Bundesgesundheitsministerium. In der Primärversorgung könnten sich Kassenpatienten darauf verlassen, „dass sie nach ihrem Bedarf und ihrer Dringlichkeit Zugang zur fachärztlichen Versorgung erhalten, ohne lange Wartezeiten und ohne Diskriminierung gegenüber Privatversicherten“.
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch forderte heute erneut ein Ende der Ungleichbehandlung gesetzlich und privat Versicherter. Kassenpatienten „müssen zukünftig deutlich schneller einen Termin beim Facharzt erhalten“, sagte er in der „Berliner Morgenpost“.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht hingegen noch Diskussionsbedarf beim geplanten Primärversorgungsmodell. Angesichts von 5.000 nicht besetzten Hausarztsitzen seien gar nicht ausreichend Primärärzte vorhanden. Der Einsatz anderer Gesundheitsberufe zur Erbringung ursprünglich ärztlicher Leistungen bedeute „Abstriche bei der Qualität“. (at)