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Politiker blicken bei Primärversorgung nach Skandinavien

16.02.2026 3 Min. Lesedauer

Für die Einführung eines Primärversorgungssystems muss Deutschland nach Einschätzung von Gesundheitspolitikern der schwarz-roten Koalition im Bereich Digitalisierung deutlich zulegen. Nach einer Reise von Mitgliedern des Bundestags-Gesundheitsausschusses nach Norwegen und Finnland sagte die Gremiumsvorsitzende Tanja Machalet (SPD) zu G+G, beide Staaten seien in diesem Bereich insbesondere mit Blick auf die Datenübermittlung zwischen den Systemen „deutlich weiter“. „Da können wir in Deutschland sehr viel von lernen.“ Auch der CSU-Gesundheitsexperte Hans Theiss betonte: „Der Grad der Digitalisierung im dortigen Gesundheitswesen ist sehr beeindruckend.“

Die elektronische Patientenakte (ePA) finde in den beiden skandinavischen Ländern weite Verbreitung und sei mit Gesundheitsapps, inklusive digitaler Terminvereinbarung, gekoppelt, sagte Theiss zu G+G. Die norwegische und finnische Bevölkerung besitze zudem generell ein hohes Vertrauen in den Staat, „so dass Datenschutzbedenken dort deutlich geringer ausgeprägt sind als in Deutschland“. SPD-Kollegin Machalet verwies darauf, dass Finnland bereits Mitte der 2000er Jahre eine ePA eingeführt habe. „Alle Daten stehen daher umfassend im System zur Verfügung.“

Laut Machalet ist in Norwegen und Finnland der Zugang zum Facharzt beziehungsweise zum Krankenhaus nur nach Aufsuchen der Primärversorger wie Hausärzte und Gesundheitszentren möglich. Dort werde zunächst eine Ersteinschätzung durch nicht-ärztliches Fachpersonal vorgenommen und ermittelt, ob eine ärztliche Behandlung notwendig sei. „Dies ist auch das Ziel, das wir mit der Einführung eines Primärversorgungssystems verfolgen.“ 

Positive Effekte einer Primärversorgung in Norwegen und Finnland seien eine effiziente Steuerung im System, die Vermeidung von Doppel- und Mehrfachuntersuchungen und eine bessere Behandlung in der Spezialversorgung, da die fachärztliche Versorgung am Krankenhaus angedockt sei, erläuterte Machalet. „Hausärzte sind durch medizinisches Fachpersonal, das die Ersteinschätzung und einfache Behandlungen erbringt, deutlich entlastet.“ 

Illustration: Viele Menschen auf verschiedenen Ebenen, laufen, stehen, darunter ein Mensch im Rollstuhl und einer mit Blindenführhund. Links eine Untersuchung beim Facharzt/Vertragsarzt im Sitzen, rechts eine z.B. im Krankenhaus im Liegen.
Eine verbindliche Primärversorgung steuert Patientinnen und Patienten schnell und effizient durchs Gesundheitssystem. Dabei übernehmen in breit aufgestellten Praxisteams verschiedene Gesundheitsberufe ihren Teil des Aufgabenspektrums.
24.07.2025Sabine Richard11 Min

Auch Theiss sieht als Vorteile eine „effektivere, zielgerichtete Steuerung der Patienten“. Der Unionspolitiker warnt allerdings, es dürften „keine neuen Flaschenhälse in der Terminvermittlung“ entstehen, damit das Primärversorgungssystem gut funktioniere und Akzeptanz finde. Notwendig seien „genügend Primärärzte, ein gewisses Maß an Delegation von Aufgaben, eine gute digitale Ersteinschätzung und eine kluge Definition von Ausnahmen“. So könnten etwa die Augenheilkunde und spezielle chronische Erkrankungen ausgenommen werden. 

Machalet verwies darauf, dass sich die Menschen in Deutschland darauf einlassen müssten, dass sie nicht mehr direkt den Zugang zum Facharzt hätten, sondern zunächst ihren Primärversorger aufsuchen müssten. Das werde sicherlich eine Herausforderung. In Norwegen und Finnland sei die Akzeptanz hier gegeben. „Es bedarf auch bei den Ärzten eines Umdenkens, dass medizinisches Fachpersonal mehr Kompetenz erhält“, fügte die SPD-Parlamentarierin hinzu. Eine zentrale Voraussetzung für die Reform sei, dass das System der Ersteinschätzung „auf qualitativ hohem Niveau“ funktioniere und „zeitnah“ die Weiterleitung zum Facharzt erfolgen könne.

Der Fachdialog zur Einführung eines Primärversorgungssystems wurde im Januar durch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gestartet. Um die Digitalisierung auszubauen und das Potenzial der ePA besser auszuschöpfen, hat sie vor wenigen Tage eine Digitalisierungsstrategie vorgestellt. (sev)

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