Postinfektiöse Erkrankungen: Krankheitslast wahrscheinlich größer als bekannt
Hoffnung für Hunderttausende Kranke: Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) hat heute offiziell den Start der „Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“ ausgerufen. Danach soll in den kommenden zehn Jahren eine halbe Milliarde Euro in die Erforschung von ME/CFS, Long Covid und Co. fließen. Ein Steuerungskreis unter Vorsitz ihres Staatssekretärs werde erstmals im Februar tagen, um über Zeitplan und Mittelvergabe zu beraten, kündigte Bär an. Ziel der Dekade sei es, Mechanismen, Biomarker und Therapien zu identifizieren. Dabei sollen Forscher, Pharmaindustrie und Betroffene eingebunden werden.
Die Zahl der von ME/CFS- und Long-Covid-Betroffenen wird auf 1,5 Millionen geschätzt. Offizielle Daten fehlen ebenso wie Therapien. Die Erforschung wurde lange vernachlässigt. Infektionen seien bisher vor allem als „etwas Akutes“ aufgefasst worden, sagte die Epidemiologin Annette Peters vom Helmholtz Zentrum München. Sie geht davon aus, dass die Krankheitslast in der Bevölkerung „größer“ sei, „als wir bisher abschätzen können“. Darauf deuteten Daten aus der Nako-Langzeit-Studie hin. Demnach hätten 40 Prozent der Befragten nach einer Corona-Infektion über Symptome berichtet, 15 Prozent davon über schwere. Laut einer Analyse von Risklayer summierten sich die gesellschaftlichen Folgekosten allein 2024 auf 63 Milliarden Euro – und damit 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Bär trat Sorgen von Betroffenen entgegen, dass die Dekade vor allem psychosomatische Ansätze in den Fokus nimmt. Postinfektiöse Syndrome wie ME/CFS seien gravierende Erkrankungen. Das reiche von schwerer Erschöpfung bis hin zu kompletter Bettlägerigkeit. Dazu kämpften Kranke und ihre Familien mit „extremen Lohneinbußen“. Die Betroffenen würden „mitten aus dem Leben gerissen“, schilderte die Infektiologin Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt ihre Erfahrungen aus der Praxis.
„Wir tun alles, damit Behandlungsoptionen entwickelt werden können, die Heilung erlauben oder das Leid der Betroffenen deutlich lindern können“, versprach Bär. Ziel der Dekade sei es, die Mechanismen der Krankheit zu verstehen, Biomarker zu identifizieren und Therapien zu entwickeln. Vehreschild verwies auf die Bedeutung von Biomarkern. Bisher seien ME/CFS oder Long Covid Ausschlussdiagnosen. Kranke müssten einen belastenden Ärztemarathon durchlaufen. Zugleich halte sich die Pharmaindustrie zurück, weil sie ohne Biomarker am Erfolg von Studien zweifle.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ME/CFS – also Myalgische Enzephalomyelitis und Chronisches Fatigue Syndrom – bereits 1969 als neuroimmunologische Multisystemerkrankung klassifiziert. Dennoch finden Betroffene bis heute nur schwer Hilfe und werden oft psychologisiert. Seit die Zahl der Erkrankten durch Corona steigt, deutet sich ein Umdenken an. Politiker und Mediziner erkennen zunehmend den Handlungsbedarf an. (cm)
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