Nach Berliner Stromausfall: Mehr Bevölkerungsschutz gefordert
Der jüngste Stromausfall in Berlin hat eine Debatte über Defizite im Bevölkerungsschutz ausgelöst. Der Vorfall zeige, „wie wichtig Ausweichmöglichkeiten und eine ausreichende Bevorratung an Materialien zur Bewältigung solcher Lagen sind“, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Hermann Gröhe, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch Wirtschafts-, Ärzte- und Pflegeverbände sehen erheblichen Nachholbedarf.
Auslöser war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Berliner Südwesten. Rund 45.400 Haushalte, 2.200 Gewerbekunden, vier Krankenhäuser und 74 Pflegeeinrichtungen waren betroffen. Die Kliniken wurden bereits am Sonntag wieder ans Netz angeschlossen. Am Mittwoch wurden auch die Haushalte wieder Schritt für Schritt mit Strom versorgt.
Gröhe forderte für Deutschland mindestens zehn mobile Betreuungsmodule, um jeweils 5.000 Menschen unabhängig versorgen zu können – „mit Wasser, Energie und Gesundheits- sowie sozialen Angeboten“. Bislang seien jedoch nur anderthalb Module ausfinanziert. Zudem sprach er sich für flächendeckende Kurse zur „Ersten Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ aus. Das Thema müsse am besten schon in der Schule behandelt werden. Außerdem müssten mehr Pflegeunterstützungskräfte für den ehrenamtlichen Einsatz in Krisensituationen ausgebildet werden, so der ehemalige Bundesgesundheitsminister.
Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Holger Lösch, verwies auf hybride Bedrohungen und gezielte Angriffe auf Kritische Infrastrukturen (KRITIS), die „längst Realität“ seien. Nötig sei eine Sicherheitsarchitektur, die der hybriden Bedrohungslage gerecht werde. Transparenzpflichten müssten überprüft werden, da sie nicht dazu führen dürften, dass „Angriffsflächen eröffnet oder Verwundbarkeiten für potenzielle Angreifer sichtbar werden“. Den Entwurf des KRITIS-Dachgesetzes hält er für unzureichend.
Die weit verbreiteten Sorgen um die Stabilität der Gesundheitsversorgung werden befeuert durch die aktuelle Weltlage. Bei hybrider Kriegsführung, etwa einem Ausfall von Strom oder Wasser, sei Deutschland derzeit „blank“, sagte Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Auch auf einen Angriff mit Tausenden Opfern, nach dem zur Versorgung Verwundeter auch die Praxen gebraucht würden, sei die Bundesrepublik „nicht ansatzweise vorbereitet“. Als Vorbild nannte er Israel, wo Klinikabteilungen in Tiefgaragen verlegt werden könnten – samt Sauerstoffanschlüssen.
Nach Ansicht von Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt hat der Stromausfall gezeigt, wie verwundbar Deutschland ist. Zu lange sei vernachlässigt worden, ob Notfallkreisläufe „schnell einschaltbar und benutzbar sind“. Gerade das Gesundheitswesen sei auf eine funktionierende kritische Infrastruktur angewiesen. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe fordert eine stärkere Einbindung von Pflegefachpersonen in die Krisenvorsorge. Ihnen sei es zu verdanken gewesen, dass es in Pflegeeinrichtungen in Berlin nicht zu schwerwiegenden Zwischenfällen gekommen sei, betonte DBfK-Präsidentin Vera Lux. (sr)
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