Krankenkassen: Psychotherapeuten werden weiter gut honoriert
Trotz der morgen in Kraft tretenden Honorarkürzung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden deren Leistungen nach Angaben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) „weiterhin gut“ vergütet. Laut des Verbandes liegt der „Jahresverdienst bei einer Vollzeittätigkeit künftig über 190.000 Euro“ und damit sei „keine Veränderung bei dem künftigen, im internationalen Vergleich sehr guten Versorgungsangebot für die Versicherten“ zu erwarten, betonte der GKV-SV.*
Der Erweiterte Bewertungsausschuss (EBA) hatte Anfang März eine Kürzung der Honorare um 4,5 Prozent ab 1. April beschlossen. Dem EBA gehören Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-SV sowie unparteiische Mitglieder an. Zugleich werden Zuschläge für die Finanzierung von Personalkosten der Praxen rückwirkend zum 1. Januar um 14,25 Prozent erhöht. Das Honorar für eine Stunde Einzeltherapie liegt laut GKV-SV ab April bei 114,54 Euro; Gruppentherapien würden höher vergütet. Daraus ergebe sich eine absolute Absenkung bei Vollzeittätigkeit um lediglich 2,3 Prozent, rechnete der Verband vor. Damit liege das Vergütungsniveau noch immer über dem der ärztlichen Vergleichsgruppe.
Die Honorardebatte lenke vom eigentlichen Kernproblem ab, nämlich den Zugang zu psychotherapeutischen Leistungen vor allem für Schwerkranke zu erleichtern, kritisierte der Spitzenverband. Hierfür müsse eine angemessene Anzahl an Sprechstunden sowie die Hälfte der Behandlungsplätze an die Terminservicestellen gemeldet werden, forderte er. Jedoch liege der Anteil der Psychotherapeuten, die nur in Teilzeit oder noch weniger Stunden arbeiteten, bei 72 Prozent. Dadurch stehe für GKV-Versicherte erheblich weniger Behandlungszeit zur Verfügung.
Darüber hinaus müssen nach Ansicht des GKV-SV steuernde Elemente stärker in der Versorgung verankert werden. Er verwies zudem auf die gute psychotherapeutische Versorgung durch die GKV im internationalen Vergleich: „Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für bis zu 300 Therapiestunden vollständig. In vielen anderen Ländern sind diese Leistungen meist deutlich stärker begrenzt oder müssen privat bezahlt werden.“
Gegen die Kürzung ihrer Honorare waren Psychotherapeuten in den vergangenen Wochen in mehreren deutschen Städten auf die Straße gegangen. Laut „Tagesspiegel“ reichte die KBV gestern beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg ihre angekündigte Klage ein. KBV-Chef Andreas Gassen wertete die Honorarabstriche als „fatale Entscheidung“, die zulasten psychisch kranker Menschen gehe und die Psychotherapeuten massiv benachteilige. (bhu)
Unsere Meldung hat viele, teils auch verärgerte Reaktionen, insbesondere von Psychotherapeutinnen und -therapeuten, hervorgerufen. Die Meldung basiert auf Angaben des GKV-Spitzenverbandes. Die genannten Zahlen stammen aus den Beschlussunterlagen des Erweiterten Bewertungsausschusses.
* Transparenzhinweis: Wir haben den zweiten Satz des Einstiegs nachträglich angepasst, um die Quelle der Zahlen noch deutlicher zu kennzeichnen.
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36 Kommentare
Gregor Jansen
Es ist vollkommen ausgeschlossen als niedergelassener Psychotherapeut 190000€ Jahresgehalt zu erwirtschaften. Das ist eine Fantasiezahl, die mit der Realität nichts zu tun hat. Ich gehe davon aus, dass der GKV-Spitzenverband das weiß. Seit Jahren werden Psychotherapeuten mit unhaltbaren und unbelegten Vorwürfen von Seiten der Krankenkassen konfrontiert. Gleichzeitig gibt es mehr Vorschriften und Verwaltungsaufwand - aktuell in NRW eine verbindliche Testphase für ein Qualitätsmanagement-Verfahren, das vom wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als vollkommen unsinnig, teuer und zeitaufwendig beurteilt wird. Es wird Psychotherapeuten also nicht nur das Honorar gekürzt, sondern auch effektiv Zeit genommen, die sinnvollerweise in die Behandlung von Patienten investiert werden könnte. Es ist ein großes Ärgernis, dass immer wieder mit Zahlen argumentiert wird, die bei weitem nicht erwirtschaftbar sind. Das ist einem fairen Austausch nicht angemessen und dient offenbar dazu die Bevölkerung hinters Licht zu führen.
Patricia Dill
Bisher habe ich mich bemüht, jedem gesetzlich Versicherten, der anruft, einen Termin zu geben. Das werde ich mir jetzt nicht mehr leisten können.
Teo Hoffmann
Liebes AOK-Team,
die von Ihnen mit Zahlen begründete Argumentation hält einem Faktencheck nicht stand. Tatsache ist, dass Psychotherapeut:innen die mit Abstand am schlechtesten bezahlte Facharzt-Gruppe sind. Psychotherapeut:innen verdienen die Hälfte des Durchschnittverdienstes von Haus- und Fachärzt:innen: https://www.bptk.de/pressemitteilungen/absenkung-der-psychotherapeutischen-honorare-inakzeptabel/ Sie vergleichen die Maximalauslastung einer Psychotherapiepraxis (nur 2-5% aller Praxen erreichen diesen Wert) aus 2026 mit dem durchschnittlichen Einkommen der am schlechtesten verdienenden Fachärzt:innen aus 2024 (Quellen dazu s. u.). Sie kürzen, weil Sie sparen müssen und nehmen dafür eine Verschlechterung der Versorgung Ihrer Beitragszahler:innen in Kauf. Es wäre schön, Sie würden einfach dazu stehen. Gleichzeitig erhöhen sich die Vorstände der gesetzlichen Krankenkassen Ihre Gehälter deutlich (https://www.merkur.de/wirtschaft/die-vorstaende-aus-trotz-krise-bei-den-krankenkassen-diese-riesen-gehaelter-zahlen-sich-zr-94212055.html) und auch die Gehälter der Mitarbeitenden des GKV-Spitzenverbandes steigen in 2025 und 2026 um insgesamt 10,5%: https://www.gds.info/gkv-spitzenverband-verguetungsrunde-2024-verhandlungsergebnis-in-der-dritten-runde/
Letzteres wäre in Ordnung für mich, wenn nicht bei der Psychotherapie gekürzt und gleichzeitig bei sich selbst um 10,5% (!) erhöht werden würde! Und wer zahlt für die steigenden Gehälter? Natürlich die Versicherten!!
Das Gehalt einer gesamten Berufsgruppe im laufenden Betriebsjahr 3 Wochen nach Bekanntgeben um 4,5% zu kürzen – anstatt die Gehälter lediglich nicht zu erhöhen – ist sehr unverschämt und einmalig in der Geschichte des modernen Gesundheitssystems. Gleichzeitig die eigenen Gehälter zu erhöhen und die Kürzungen dieser Berufsgruppe und den betroffenen Patient:innen, deren Versorgung sich dadurch verschlechtert, als „Ablenkung vom Kernproblem“ und als nicht tragisch zu verkaufen, ist eine Verdrehung der Tatsachen und skandalös!
Zu den Quellen im Detail: Sie erwähnen ein Einkommen von 190.000€. Dies erreichen nur 2-5% der Psychotherapie-Praxen bei 52-55 Wochenarbeitsstunden (https://www.aerzteblatt.de/news/kassen-psychotherapeuten-konnen-auf-190000-euro-jahresumsatz-kommen-2b8e1847-b3fb-44ff-abd2-b7413a653ad4). Sie vergleichen die Maximalauslastung (43 Wochen im Jahr mit 36 Stunden Einzeltherapie) einer Psychotherapiepraxis mit dem „durchschnittlichem Ertrag […] der unterdurchschnittlich verdienenden Facharztgruppen“. Dabei werden außerdem Daten der Psychotherapeut:innen von 2026 mit Daten der Fachärzt:innen von 2024 verglichen! https://www.dptv.de/aktuelles/meldung/honorarkuerzung-hintergrundinformationen/ Es ist folglich unseriös und falsch zu schreiben: „Damit liege das Vergütungsniveau noch immer über dem der ärztlichen Vergleichsgruppe.“
Zur Teilzeit: Ja, viele Psychotherapeut:innen arbeiten auf einem halben Kassensitz. Das bedeutet aber nicht, dass bei zwei halben Kassensitzen, nicht mehr geleistet wird als bei einem ganzen Kassensitz. Sie leisten nämlich mindestens genau so viel oder mehr: https://www.psychotherapieverbund.de/gegendarstellung Hinzu kommt, dass 75% der Psychotherapeut:innen Frauen sind. Warum arbeiten mehr Frauen in Teilzeit? Genau, weil sie mehr unbezahlte Carearbeit übernehmen und so dafür sorgen, dass unser System nicht komplett zusammenbricht!
„2,3% weniger Honorar“: auch das ist irreführend!! Die Strukturzuschläge wurden 2025 um 14% gesenkt (https://www.aerzteblatt.de/news/psychotherapie-leistungsvergutung-bleibt-stabil-zuschlage-sinken-6502a411-6c95-460d-b8f7-34df3d61ccf1) und nun wieder um 14,25% erhöht. Hier lediglich von 2,3% Kürzungen zu sprechen sieht sehr nach Augenwischerei aus. Angestellte in Praxen mit flexiblen Gewinnmodellen (was bei Psychotherapeut:innen häufig ist) erhalten außerdem nichts von den Strukturzuschlägen! Und: 4,5% vom Bruttolohn sind mehr als 4,5% vom Nettolohn, auch dies ist wichtig ist zu berücksichtigen. Bei den entsprechenden Praxen gibt es da nämlich sehr viele Abzüge, die noch hinzukommen (Miete, Rente, Krankenkassenbeiträge,…).
Dass Psychotherapeut:innen Schwererkrankte nicht genauso therapieren würden, ist ebenfalls ein Mythos: https://www.dptv.de/aktuelles/meldung/mythos-leichte-faelle-oft-wiederholt-laengst-widerlegt/#:~:text=%E2%80%9EEs%2520ist%2520ein%2520Mythos%252C%2520dass%2520Psychotherapeut*innen%2520nur,Gebhard%2520Hentschel%252C%2520Bundesvorsitzender%2520der%2520Deutschen%2520PsychotherapeutenVereinigung%2520
Und dass die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland sehr gut ist, weiß ich zu schätzen! Wir sind aber auch weltweit auf Platz 3 (fast Platz 2) bei den Ausgaben für Gesundheit: https://www.bpb.de/themen/gesundheit/gesundheitspolitik/549730/ausgaben-und-finanzierung-des-gesundheitssystems/ Nur weil der Zustand in anderen Ländern im Bereich Psychotherapie schlechter ist, heißt ja nicht, dass er bei uns künftig auch schlechter sein muss.
Ich bitte Sie dringend die genannten Falschaussagen nicht zu wiederholen. Die Überschrift Ihres Artikels ist sehr irreführend.
Vielen Dank und freundliche Grüße
Teo Hoffmann