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Primärversorgung: Borchardt gegen „Hausarzt-Zwang“

29.01.2026 3 Min. Lesedauer

Das von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) geplante Primärversorgungssystem stößt auf viel Rückhalt, umstritten sind aber die Details. Die CDU-Gesundheitspolitikerin Simone Borchardt warnte, digitale Instrumente dürften dabei weder den direkten Zugang zum Hausarzt blockieren noch Zwang erzeugen. „Primärversorgung ist kein Hausarztzwang, sondern ein intelligentes Steuerungssystem“, sagte sie heute G+G. Ziel sei es, Praxen von Bagatellfällen zu entlasten und Patienten früh in den richtigen Versorgungspfad zu lenken. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) setzt dabei auf eine digitale Ersteinschätzung. Digitalisierung sei „der Schlüssel für die nachhaltige Verbesserung unseres Gesundheitssystems“, sagte die Vize-Vorsitzende Stefanie Stoff-Ahnis G+G. Kritik kommt hingegen von Fachärzten und von Sozialverbänden.

Der GKV-SV schlägt ein Navigationstool vor, das als App auf dem Handy zugänglich ist. Über diese App oder telefonisch über 116 117 könnten Patienten eine Ersteinschätzung einholen. Das könne auch bedeuten, dass zum Beispiel bei einem leichten Infekt Bettruhe und nicht unbedingt ein Arztbesuch empfohlen wird. Der GKV-SV sieht in der App großes Potenzial. So könnten chronisch Kranke über die App künftig auch Folgerezepte erhalten. Perspektivisch solle es in bestimmten Fällen auch möglich sein, „ohne einen Kontakt zu einem Arzt oder einer Ärztin eine Überweisung direkt zum Facharzt zu bekommen“, so Stoff-Ahnis.

Andere Länder wie die Niederlande oder Polen gehen diesen Weg bereits. Dort werden Patienten zunehmend vor dem ersten Arztkontakt über Telefon oder mithilfe von Chatbots oder Symptom-Checkern eingestuft. Je nach Dringlichkeit werden sie an Apotheke, Video-Sprechstunde, Arztpraxis oder Notaufnahme verwiesen. Auch Warken denkt in diese Richtung. Sie sieht ein „digitales beziehungsweise telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sowie die Weiterentwicklung der Terminvermittlung“ als zentrales Element der Reform an.

Ein Team von Medizinkräften steht an einem Tisch und bespricht sich.
Das im schwarz-roten Koalitionsvertrag vereinbarte Primärarztsystem reicht Verbänden nicht weit genug, sie fordern eine umfassende Primärversorgung. Österreich ist hier bei der Umsetzung schon einen großen Schritt weiter. Der Leiter der Abteilung für Primärversorgung und Versorgungskoordination der Gesundheit Österreich GmbH gibt gegenüber G+G…
22.07.2025Irja Most7 Min

Kritik kommt von Fachärzten und Patientenvertretern. Der HNO-Arzt Klaus Holler vom Bayerischen Facharztverband warnte vor einem „Flaschenhals“, müssten Patienten für jede Überweisung den Hausarzt aufsuchen. Bereits heute fehlten bundesweit 5.000 Hausärzte, sagte er im „Deutschlandfunk“. „Der beste Ansatz wäre, wenn man den Patienten selbst entscheiden lässt“, so Holler. „Die Leute sind nicht so hilflos und lost in unserem Gesundheitssystem, dass sie nicht wissen, wo sie hingehören.“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz befürchtet sogar „ein ambulant-ärztliches Versorgungs-Chaos“, sollte ein digitales Tool erste Anlaufstelle sein. Warken bleibe eine Antwort schuldig, wie digital unerfahrene Patienten eingebunden werden. „Täglich Millionen dieser Patienten zur Nutzung der kassenärztlichen Hotline 116 117 zu zwingen, kann nur im Supergau enden“, so Vorstand Eugen Brysch. Leidtragende wären hochbetagte oder pflegebedürftige Menschen. (cm)

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