Fokus auf der Krankheitsvermeidung
Deutschland hat großen Nachholbedarf in der Prävention. Das zeigt der Vergleich mit anderen europäischen Ländern, die mit geringeren Gesundheitsausgaben eine niedrigere Krankheitslast verzeichnen. Nun aber gewinnt die Prävention in der Gesundheitspolitik an Bedeutung, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Finanzierungsprobleme im Gesundheitswesen.
Für Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ist es keine neue Erkenntnis, dass Deutschland bei Prävention und Gesundheitsvorsorge mehr tun könne und mehr tun müsse. Denn Prävention sorge dafür, „dass Erkrankungen verhindert werden können, dass sie abgemildert werden können, dass Menschen länger möglichst gesund altern können“, sagte die Ministerin auf dem ersten Deutschen Präventionsgipfel Anfang März. So stelle dieser Kongress „auch die wesentliche, die entscheidende Frage, nämlich welche Potenziale wir derzeit bei der Prävention nicht realisieren“.
Das betrifft vor allem die nicht übertragbaren Krankheiten. Hierzu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder auch psychische Störungen. Sie werden vor allem durch ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum verursacht. Mehr als 90 Prozent der Todesfälle in Deutschland entfallen auf diese Krankheiten. Laut „Public Health Index“ (PHI) schneidet Deutschland bei der Umsetzung von wissenschaftlich empfohlenen Maßnahmen zur Prävention dieser Risikofaktoren sehr schlecht ab.
Ministerin Warken will nun Präventionsangebote etwa in Apotheken ausbauen. Sie ist auch grundsätzlich offen für Forderungen aus der Wissenschaft, darunter Werbeeinschränkungen für ungesunde Lebensmittel oder Abgaben auf gesundheitsschädliche Produkte wie Alkohol, Tabak und stark zuckerhaltige Getränke. Allerdings hält sie diese nur mit einer breiten ressort- und parteiübergreifenden Zustimmung für umsetzbar. Eine Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger lehnte sie auf dem Präventionsgipfel ab.
Auf dem Kongress stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erfolgreiche Präventionsmaßnahmen aus anderen europäischen Ländern vor. Im Vordergrund standen die Rahmenbedingungen für eine gesündere Lebensweise der Bevölkerung. In den Niederlanden sank durch eine entschlossene Tabakpolitik die Raucherprävalenz um etwa 30 Prozent. In Litauen ging der Alkoholkonsum zurück, weil alkoholische Getränke nicht mehr überall und jederzeit verfügbar sind. In Großbritannien sank durch höhere Abgaben der Zuckergehalt in Softdrinks um fast die Hälfte, so dass sich der Zuckerkonsum der Bevölkerung verringerte.
„Prävention ist ein zentraler Hebel zur Sicherung von Gesundheit und Wohlstand.“
Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband
Gesundheitsministerin Warken plant nun die Auflage einer Präventionsstrategie, die die bislang zersplitterten Aktivitäten zusammenführen und „alle Akteure an einen Tisch bringen“ soll. Mit Blick auf Lösungen verwies sie auf Vorschläge „unserer Kommissionen, die wir eingesetzt haben, etwa der von mir im vergangenen Sommer eingesetzten Bund-Länder-Arbeitsgruppe ‚Zukunftspakt Pflege‘“. Deren Vorschläge zielten zum Beispiel auf eine bessere Prävention für Pflegebedürftige in der eigenen Häuslichkeit ab. Auch der Arbeitsauftrag an die Finanzkommission Gesundheit sieht laut Warken „ausdrücklich“ vor, die Rolle präventiver Maßnahmen kurz-, mittel- und langfristig zu berücksichtigen.
Für Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband und Initiator des Gipfels, ist Prävention „nicht lediglich eine flankierende Maßnahme, sondern ein zentraler Hebel zur Sicherung von Gesundheit und Wohlstand”. Präventionspolitik sei systemrelevant, bilanzierte er gegenüber G+G. Wenn weniger Menschen chronisch erkrankten, blieben Beiträge stabiler, Beschäftigte fielen seltener aus und die sozialen Sicherungssysteme würden entlastet. „Wir hoffen, dass die Impulse aus dem Präventionsgipfel in die von der Bundesregierung angekündigte Gesetzesinitiative für Prävention einfließen“, so Huizinga.
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