Interview Prävention

„Hass ist keine Meinung“

21.01.2026 Otmar Müller 3 Min. Lesedauer

Um mehr Sichtbarkeit für Inklusion zu schaffen, nutzt Raúl Krauthausen natürlich auch das Internet. Doch neben den Chancen, die das Netz bietet, beobachtet der Inklusions-Aktivist auch eine bedrohliche Entwicklung.

Illustration: Eine sitzende Person blickt auf ein Smartphone, aus dessen Bildschirm mehrere zeigende Hände herausragen.
Digitalisierung bietet viele Chancen, kann aber auch spalten.
Foto: Raúl Aguayo-Krauthausen, Inklusions-Aktivist.
Raúl Krauthausen, Inklusions-Aktivist

Herr Krauthausen, welche Chancen bietet das Netz für unterrepräsentierte Gruppen, um Teilhabe zu ermöglichen? 

Raúl Krauthausen: Digitalisierung kann zum Guten wie zum Schlechten eingesetzt werden. Sie kann spalten, bietet aber natürlich auch viele Chancen. Im Netz kann man sehr einfach und ungefiltert Informationen miteinander teilen. Deswegen haben wir etwa die Onlinekarte WheelMap gegründet, damit Bürgerinnen und Bürger sich darüber austauschen können, wo es in ihrer Nachbarschaft barrierefreie Orte gibt und wo nicht. Bei Social Media besteht zudem ein großes Potenzial darin, seine eigene Geschichte zu erzählen und sich so zu zeigen, wie man ist. Vorher entschieden Chefredaktionen in Medienhäusern, eine kleine Elite also, was gedruckt oder gesendet und damit sichtbar wird und was nicht. In den Sozialen Medien ist jeder sein eigener Chefredakteur oder Chefredakteurin. 

Und wie sieht es mit der Kehrseite der Medaille aus?

Krauthausen: Die Kehrseite ist, dass Social Media auch davon lebt, dass kommentiert wird. Dort findet also immer auch Bewertung statt – bis hin zum offen gezeigten Hass. Ich sehe, dass sich immer mehr Menschen inzwischen trauen, auch mit Klarnamen das zu sagen, was früher eher unter anonymen oder pseudonymen Accounts stattfand. Da findet schon eine gewisse Verrohung statt. Und je öfter das passiert, desto mehr sickern diese Themen auch in größere Medien durch. 

Wie kann eine gute Medienberichterstattung aussehen, die Hatespeech thematisiert, ohne ihr eine zu große Bühne zu geben?

Krauthausen: Den Medien muss klar werden, dass die bloße Berichterstattung über den Hass nur die Aufmerksamkeitsökonomie bedient. Genau diese Aufmerksamkeit ist ja gewollt. Statt nur über den Hass zu reden und damit die ganze Zeit den ursprünglichen Hass-Post zu reproduzieren, sollte berichtet werden, wie Opfer alleingelassen werden. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung sähe für mich so aus, dass man die Verantwortung der Plattformen und die Überforderung der Behörden in den Mittelpunkt stellt. 

„Sie dürfen alles sagen. Sie müssen einfach nur mit Gegenwind rechnen. Und im Zweifelsfall auch mit Konsequenzen.“

Raúl Krauthausen

Inklusions-Aktivist, Gründer und Vorstand von Sozialhelden e. V.

Sie haben sich wiederholt positioniert, dass Gegenrede nicht die richtige Antwort auf digitale Hassrede ist. Was fordern Sie stattdessen? 

Krauthausen: Ich glaube, dass wir die Plattformen ganz stark in die Verantwortung nehmen müssen. Ich rede davon, die Opfer von Hass zu schützen. Leute, die dort offen hassen, müssen von den Plattformen verbannt, ihre Accounts gelöscht werden. Ich rede davon, dass die Plattformen mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten müssen oder davon, dass die User ganz grundsätzlich die Möglichkeit bekommen, dass ein Post beispielsweise maximal zwei Stunden lang kommentiert werden kann. Das würde schon eine ganze Menge Resonanzfläche wegnehmen. Leider bietet kaum eine Plattform eine solche Beschränkungsmöglichkeit an. 

Sie waren vor sieben Jahren Mitgründer der Initiative HateAid. Was war das Ziel dieser Gründung?

Krauthausen: Die Idee von HateAid ist grundsätzlich, den Fokus auf die Personen zu lenken, die hassen und nicht auf die, die gehasst werden. Ziel der Arbeit von HateAid ist es, Social-Media-Plattformen und Strafverfolgungsbehörden deutlich zu machen, wie groß das Problem wirklich ist, indem man Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gibt, Anzeige zu erstatten. Leider ist es bis heute immer noch viel zu oft so, dass man von der Polizei bei Anzeigenerstattung den wundervollen Ratschlag bekommt, man solle doch einfach das Internet nicht nutzen, dann gäbe es ja auch kein Problem. Das ist in etwa so, wie wenn man einem Taxifahrer sagen würde: Wenn Sie in keinen Unfall verwickelt werden wollen, dann fahren Sie eben kein Taxi. 

Hat sich die Wahrnehmung des Problems „Hass im Netz” Ihrer Meinung nach geändert, auch vor dem Hintergrund aktueller Debatten zur Einschränkung der Meinungsfreiheit?

Krauthausen: Hass im Netz ist nicht der Untergang des Abendlandes oder des Internets. Aber es ist etwas, das wir ernst nehmen müssen, unter anderem auch durch Strafverfolgungsbehörden. Wenn Leute meinen, man dürfte ja gar nichts mehr sagen, wenn sie also glauben, dass ihre Meinungsfreiheit aufgrund von Wokeness eingeschränkt wird, kann ich denen nur antworten: „Sie dürfen alles sagen. Sie müssen einfach nur mit Gegenwind rechnen. Und im Zweifelsfall auch mit Konsequenzen, denn es gibt nun mal Äußerungen oder Abbildungen, die ganz einfach strafbar sind. Hass ist keine Meinung. War es nie und wird es nie sein. Es sollte meiner Meinung nach selbstverständlich sein, dass geltendes Recht auch angewandt wird. Wir müssen dem Hass einen Riegel vorschieben – und zwar am besten jetzt.

Eine Frau im Rollstuhl hält ein Selfie-Stick in ihrer Linken Hand und filmt sich selbst draußen auf der Straße. Sie lächelt, hält einen Arm in die Luft und wirkt sehr fröhlich.
Für chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung ist es immer noch keine Selbstverständlichkeit, sich in den Sozialen Medien zu präsentieren. Denn dort werden Menschen, die nicht den Mainstream widerspiegeln, immer öfter das Ziel von Bewertungen, Beleidigungen oder Hasskommentaren.
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Fotovon Charité-Arzt Dr. Leopold Rupp vor einer bunten Graffitiwand
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Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass digital geäußerter Hass in die reale Welt überschwappt? Blicken Sie diesbezüglich optimistisch oder eher pessimistisch in die Zukunft?

Krauthausen: Wenn die Grenzen dessen, was sagbar ist, immer mehr erweitert werden, wenn die Hater keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben, dann steigt auch in der analogen Welt die Gefahr, dass es zu gewaltvollen Übergriffen kommt. Diese Wechselwirkung ist einfach nicht zu leugnen. Und es gibt relativ wenig Grund zur Hoffnung, dass das besser wird, wenn wir beispielsweise in Deutschland einen Kanzler haben, der sich sprachlich auch mal sehr gerne am rechten Rand aufhält. Aussagen wie die vom Stadtbild sind ja kein Zufall oder Ausrutscher und können auch sehr schnell rassistisch interpretiert werden. Eine solche Politik der Ausgrenzung, die letztlich die Parolen der hater gegenüber Migranten aus dem Internet aufnimmt und in den Bundestag trägt, legitimiert damit ja den ganzen Hass im Netz und trägt ihn in die reale Welt, in die Politik, in den Bundestag. Grundsätzlich mache ich mir zunehmend Sorgen, in einer Gesellschaft zu leben, die immer mehr dazu neigt, reflexhaft erstmal nach unten zu treten. 

Welche politischen Maßnahmen halten Sie für notwendig, damit sich die Situation bessert? 

Krauthausen: Menschen, die nach unten treten, haben oft Angst vor ihrem eigenen Abstieg. Dem kann die Politik entgegenwirken, indem sie die Angst der Menschen ernst nimmt – zum Beispiel die Angst, dass sie ihre Mieten nicht mehr zahlen können, dass sie ihren Job verlieren oder insgesamt zu wenig Geld haben, weil alles teurer wird, aber die Löhne kaum steigen. Ich habe Menschen in meinem Bekanntenkreis – ganz klassische Mittelschicht – die können sich inzwischen in Berlin ihre Mieten nicht mehr leisten und müssen wegziehen. Das kann nicht sein, dass wir das ignorieren und davon ausgehen, dass das nichts mit der Gesellschaft macht.

Sie haben die YouTube-Kampagne #NichtEgal mit einem Statement gegen Hatespeech unterstützt. Wie waren Ihre Erfahrungen im Nachgang? 

Krauthausen: Was soll denn der Einzelne tun? So eine Kampagne allein wird sicherlich wenig ändern. Letztlich braucht es ganz viele Maßnahmen auf ganz verschiedenen Ebenen, die gemacht werden müssen. Das ist wie bei einem großen Puzzle, wo alle Teile ineinandergreifen müssen, damit es ein fertiges Bild wird. Ich wollte mit meiner Teilnahme einen kleinen Beitrag dazu leisten, also quasi mein kleines Puzzleteil, das man dazulegen kann. Aber Aufklärung alleine bringt es nicht, das ist mir schon klar. Damit können wir das Problem im Ganzen nicht lösen. Letztlich reden wir zwar schon viel über das Thema, aber die Politik macht immer noch viel zu wenig.

Illustration (farblich gehalten in lila): Aus der Vogelperspektive sind 5 Menschen in einem Raum zu sehen. Sie stehen um einen Sockel herum, auf dem ein Tablett mit der Aufschrift "Zusatznutzen" steht und in dessen Mitte liegt eine goldene Pille. Die Person links im Bild hat ein Preisschild in seiner Hand, auf dem ein Eurozeichen abgebildet ist. Von oben kommt ein Lichtkegel, der die Pille und das Tablett besonders hervorhebt.
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Zur Person

Raúl Krauthausen ist Inklusions-Aktivist, Gründer und Vorstand von Sozialhelden e. V. Raúl Krauthausen ist studierter Kommunikationswirt. Sein Einsatz in den Bereichen Inklusion und Soziales Engagement wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Grimme Online Award ausgezeichnet. 2014 erschien seine Autobiografie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“. Er präsentiert das Talkformat „KRAUTHAUSEN – face to face“ auf Sport1 und die Podcasts „Im Aufzug“ und „Die neue Norm“.  Raúl hält zudem regelmäßig Vorträge zu den Themen Inklusion, Vielfalt und gesellschaftliches Zusammenleben.

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Eine Frau mit kurzen blonden Locken hält mit ihren Händen ein Smartphone in die Luft und schaut in die Kamera. Ihr linker Arm ist eine Prothese.

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