Interview Pflege

Reha vor Pflege: Mobiles Angebot hilft Hochbetagten zu Hause

03.02.2026 Änne Töpfer 7 Min. Lesedauer

Nach einem Oberschenkelhalsbruch, einem Schlaganfall oder mit Morbus Parkinson stehen bei vielen multimorbiden Patientinnen und Patienten Selbstständigkeit und Teilhabe auf dem Spiel. Altersmedizinerin Dr. Christiane von Rothkirch leitet in Bremen als ärztliche Geschäftsführerin den bundesweit größten Anbieter für mobile geriatrische Rehabilitation. Sie erläutert, warum das Konzept hilft, den Grundsatz „Reha vor Pflege“ umzusetzen.

Eine hochbetagte Frau übt mit Unterstützung einer Pflegefachkraft das Gehen an einem Paralelbarren.
Mobile geriatrische Rehabilitation unterstützt Hochbetagte dabei, möglichst selbstständig und mobil zu bleiben.

Frau Dr. von Rothkirch, „Reha vor Pflege“ ist seit Langem ein gesundheitspolitischer Leitsatz. Inwieweit findet er heute tatsächlich Beachtung?

Christiane von Rothkirch: Die mobile Rehabilitation ist im Fünften Buch des Sozialgesetzbuches (SGB V) als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung verankert. Die meisten Anträge kommen aus den Akutkliniken – meist als Anschlussheilbehandlung. Etwa zwei Drittel unserer Patientinnen und Patienten werden auf diesem Weg angemeldet. Rund ein Drittel kommt aus der hausärztlichen Versorgung. Wenn man den Grundsatz „Reha vor Pflege“ ernst nimmt, müssten auch Anträge über den Medizinischen Dienst kommen, der ja im Rahmen der Pflegebegutachtung prüft. Das ist aber bis heute ein verschwindend geringer Anteil. Ich begleite die mobile Rehabilitation in Bremen seit 2012 – und daran hat sich kaum etwas geändert.

Das heißt, aus Ihrer Sicht müsste dieser Anteil deutlich höher sein?

von Rothkirch: Ja, unbedingt. Die Anschlussheilbehandlung betrifft überwiegend geriatrische Patientinnen und Patienten nach einem Akutereignis. Im Vordergrund stehen dabei zwei große Diagnosegruppen: zum einen Menschen mit Frakturen, etwa hüftgelenksnahen Frakturen, Wirbelsäulen- oder Beckenfrakturen, zum anderen neurologische Patientinnen und Patienten nach Schlaganfällen oder Hirnblutungen. Aus der hausärztlichen Versorgung kommen aber auch Menschen mit chronischen Erkrankungen, etwa Morbus Parkinson oder einer multifaktoriellen Gangstörung, bei denen sich der Zustand schleichend verschlechtert. Genau hier greift der Gedanke „Reha vor Pflege“: durch Rehabilitation ein möglichst selbstständiges Leben im gewohnten Umfeld zu erhalten.

Foto:Porträt von Frau Dr. von Rothkirch, leitende Oberärztin für geriatrische Frührehabilitation und Geschäftsführungsmitglied der Mobile Reha Bremen GmbH
Dr. Christiane von Rothkirch, Internistin und Geriaterin, ist Teil der Geschäftsführung der Mobile Reha Bremen GmbH. Gesellschafter sind die Bremer Heimstiftung und der Bremer Klinikverbund „Gesundheit Nord“. Von Rothkirch ist leitende Oberärztin in der geriatrischen Früh-Rehabilitation im Klinikum Bremen-Ost.

Viele geriatrische Patientinnen und Patienten erhalten bereits Physiotherapie, manchmal auch Ergotherapie oder Logopädie. Was leistet eine mobile geriatrische Rehabilitation darüber hinaus?

von Rothkirch: Die ambulante Physiotherapie ist eine Heilmittelversorgung mit meist ein bis zwei Terminen pro Woche. In der mobilen Rehabilitation hingegen steht das gesamte Reha-Team zur Verfügung: von Medizin, Physiotherapie, Ergotherapie über Logopädie und Sozialberatung bis hin zu Ernährungsberatung und Psychologie. Inhaltlich entspricht das dem Team einer stationären geriatrischen Rehabilitation oder einer geriatrischen Frührehabilitation. Hinzu kommt die Intensität: Aktuell sind mindestens fünf Therapieeinheiten pro Woche vorgesehen, bei Bedarf auch mehr. Ärztlich wird zunächst geklärt, welche Schwerpunkte bestehen und wie belastbar die Patientinnen und Patienten sind. Die Therapie kann individuell gesteigert werden, immer angepasst an die jeweilige Situation.

Ein zentraler Unterschied ist also die enge Zusammenarbeit im Team?

von Rothkirch: Genau. Nach der ärztlichen Aufnahme wird zielorientiert gearbeitet. Diese Ziele werden wöchentlich in interdisziplinären Teambesprechungen abgestimmt: Wo steht die Physiotherapie? Gibt es logopädische Probleme beim Schlucken? Ist eine Co-Therapie sinnvoll? Muss die Ernährungsberatung hinzugezogen werden? Auch Angehörige oder andere Beteiligte im Versorgungsnetz werden systematisch eingebunden.

Wie lange dauert eine mobile Rehabilitation in der Regel?

von Rothkirch: In der Regel werden 30 bis 40 Therapieeinheiten à 45 Minuten bewilligt. Erst wenn diese Genehmigung der Krankenkasse vorliegt, beginnen wir mit der Behandlung. Das entspricht meist einer Dauer von sechs bis acht Wochen. Es besteht die Möglichkeit der Verlängerung, wenn erkennbar ist, dass relevante Ziele noch nicht erreicht sind, aber weiteres Potenzial besteht. Dann beantragen wir zusätzlich zehn bis 20 Therapieeinheiten. Umgekehrt kann eine Maßnahme auch abgebrochen werden, etwa wenn sich der Gesundheitszustand deutlich verschlechtert.

Wer gehört zur typischen Zielgruppe der mobilen geriatrischen Reha?

von Rothkirch: Ein gutes Beispiel sind Menschen mit kognitiven Einschränkungen. In ihrem vertrauten Umfeld entwickeln sie oft deutlich mehr Potenzial, fühlen sich sicherer und sind motivierter. Das kann die eigene Wohnung sein, aber auch ein Pflegeheim, Kurzzeitpflege, betreutes Wohnen oder Langzeitpflege. Wir behandeln in all diesen Settings – immer dort, wo die Menschen leben.

„Mobile geriatrische Reha ist fachlich anspruchsvoll, aber hoch wirksam – und für viele Mitarbeitende sehr sinnstiftend.“

Dr. Christiane von Rothkirch

Leitende Oberärztin für geriatrische Frührehabilitation und Geschäftsführungsmitglied der Mobile Reha Bremen GmbH

Sind das vor allem Menschen, die nicht in eine stationäre Reha gehen können?

von Rothkirch: Häufig ja. Ein typischer Verlauf: Nach einer Operation, etwa wegen einer Oberschenkelfraktur, folgt eine kurze geriatrische Frührehabilitation im Krankenhaus. Dort steht zunächst die Akutmedizin im Vordergrund, Mobilisation ist oft nur begrenzt möglich. Wenn die Menschen dann nach Hause entlassen werden – etwa weil Angehörige unterstützen –, schließen wir mit einer mobilen Reha an. Dann wird im realen Alltag trainiert: die eigene Treppe bewältigen, das Aufstehen aus dem eigenen Bett, die Nutzung von Bad und Küche. Pflegeleistungen können ergänzend notwendig sein, aber die Alltagskompetenz wird gezielt im vertrauten Umfeld aufgebaut.

Wo steht die mobile Reha kostenmäßig?

von Rothkirch: Die mobile Rehabilitation ist nicht billig – unter anderem wegen der Fahrtkosten, des Koordinationsaufwands und der hohen Qualifikationsanforderungen. Zudem findet mobile Reha häufig direkt im Pflegeheim statt, etwa nach Rückverlegung aus der Akutklinik. Auch das ist sinnvoll.

Stationäre Reha-Kliniken bieten spezielle Räume oder ein Schwimmbad. Was kann die mobile Reha nicht abdecken?

von Rothkirch: Für unsere hochbetagte, multimorbide Klientel ist das häusliche Umfeld entscheidend. Die zentrale Frage ist nicht das Schwimmbad, sondern: Kommt jemand die eigene Treppe hoch? Ist die Dusche nutzbar? Braucht es Haltegriffe oder Hilfsmittel? Wir können Hilfsmittel direkt im Alltag erproben: Rollstuhl, Duschstuhl, Gehhilfen. Passt das durch die Tür? Funktioniert das im Bad?

„Die zentrale Frage ist nicht das Schwimmbad, sondern: Kommt jemand die eigene Treppe hoch?“

Dr. Christiane von Rothkirch

Leitende Oberärztin für geriatrische Frührehabilitation und Geschäftsführungsmitglied der Mobile Reha Bremen GmbH

Trotz gesetzlicher Grundlage scheint das Angebot wenig bekannt zu sein. Woran liegt das?

von Rothkirch: Der Aufbau mobiler Reha-Strukturen ist anspruchsvoll. In Bremen profitieren wir von einer besonderen Konstellation: einer eigenständigen Gesellschaft mit einem großen Pflegeheimträger und einem Klinikverbund als Gesellschafter. Das sichert geriatrisches Know-how und stabile Strukturen. Andere Modelle sind Ableger von Kliniken mit geriatrischer Frührehabilitation. Das scheitert jedoch oft an wirtschaftlichem Druck, Personalmangel oder fehlender Priorisierung. Als eigenständige Organisation können wir unser Personal gezielt für die mobile Reha einsetzen.

Wie viele Menschen versorgen Sie aktuell?

von Rothkirch: Wir arbeiten mit vier regionalen Teams im Stadtgebiet Bremen, jeweils ärztlich geleitet. Pro Team betreuen wir 20 bis 25 Rehabilitandinnen und Rehabilitanden, insgesamt also etwa 80 bis 100 kontinuierlich.

Die Illustration zeigt eine Alltagsszene in einem Pflegeheim mit Pflegebedürftigen und Pflegekraft.
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Bundesweit ist die Versorgung aber nicht flächendeckend?

von Rothkirch: Nein. Es gibt regionale Schwerpunkte, etwa in Bayern, wo das Land die mobile Reha unterstützt. In vielen anderen Bundesländern ist das Angebot sehr lückenhaft. In Nordrhein-Westfalen ist jüngst in Essen die erste mobile Reha gestartet.

Behandeln Sie mehr Menschen im Heim oder zu Hause?

von Rothkirch: Das ist inzwischen nahezu ausgeglichen. Besonders wichtig ist mir aber die mobile Reha in der Kurzzeitpflege. Wir beginnen dort häufig die Rehabilitation und können viele Menschen anschließend wieder nach Hause zurückführen. Ohne Reha rutschen viele sonst direkt von der Kurzzeit- in die Langzeitpflege – hier wird enormes Potenzial verschenkt.

Wie wollen Sie die mobile geriatrische Reha weiterverbreiten?

von Rothkirch: Bundesweit engagiert sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation. Dort gibt es Symposien, politische Vernetzung und sogenannte Gründerseminare für neue Standorte. Der Aufbau ist allerdings langwierig und oft mit schwierigen Verhandlungen mit den Krankenkassen verbunden. Trotzdem halte ich es für dringend notwendig, diese Strukturen auszubauen. Mobile geriatrische Reha ist fachlich anspruchsvoll, aber hoch wirksam – und für viele Mitarbeitende sehr sinnstiftend. Darin liegt ihre große Stärke.

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