Einwurf: Diabetes verläuft bei Frauen anders
Die Prävention von Diabetes sollte Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigen, sagt Julia Szendrödi. Die Diabetologin empfiehlt, frühzeitig Risikogruppen in den Blick zu nehmen.
Diabetes ist bei Frauen weit mehr als eine Störung des Glukosestoffwechsels. Hormonelle Veränderungen, reproduktive Lebensphasen und soziale Rahmenbedingungen prägen das Erkrankungsrisiko. Eine moderne Diabetologie sollte deshalb drei Zeitfenster in den Blick nehmen, in denen sich Risiken für den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System früh erkennen und gezielt beeinflussen lassen.
Das erste beginnt im jungen Erwachsenenalter: Etwa jede achte Frau hat ein Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS). Die häufig bestehende Insulinresistenz weist oft Jahre vor der Manifestation eines Typ-2-Diabetes auf ein erhöhtes kardiometabolisches Risiko hin. Das zweite Zeitfenster eröffnet sich mit einem Schwangerschaftsdiabetes – häufig der ersten klinischen Manifestation metabolischer Vulnerabilität. Betroffene Frauen haben ein etwa zehnfach erhöhtes Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes. Dennoch nahmen von den in das „GestDiab-Register“ aufgenommenen Frauen nur rund 40 Prozent an der empfohlenen nachgeburtlichen Diabetesdiagnostik teil. Ein drittes metabolisches Zeitfenster markiert die Menopause. Mit dem Verlust der Östrogenwirkung verändern sich Fettverteilung, Insulinempfindlichkeit und Gefäßfunktion. Das Risiko für Typ-2-Diabetes, metabolische Lebererkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt.
„Frauen verlieren durch Diabetes ihren natürlichen kardiovaskulären Schutz.“
Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft
Frauen verlieren durch Diabetes ihren natürlichen kardiovaskulären Schutz und weisen einen stärkeren relativen Anstieg des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos auf als Männer. Umso wichtiger wären frühzeitige Risikostratifizierung und Prävention. Aktuelle Daten der Diabetes-Surveillance zeigen jedoch, dass Frauen mit Typ-2-Diabetes häufiger ausschließlich mittels Lebensstil-Intervention behandelt werden als Männer. Dies verdeutlicht, dass geschlechtsspezifische Risikokonstellationen in Prävention und Therapie stärker berücksichtigt werden sollten. PMOS, Schwangerschaftsdiabetes und Menopause sind keine isolierten Ereignisse, sondern Marker einer lebenslangen metabolischen Vulnerabilität – und damit ideale Ansatzpunkte für eine geschlechtssensible Präzisionsprävention.
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