Interview Versorgung

„Der Blick auf das Down-Syndrom ist oft einseitig“

17.06.2026 Stefanie Roloff 4 Min. Lesedauer

Mit „Lass mal wir sein“ eröffnet Sabine Lewandowski neue Perspektiven auf Menschen mit Down-Syndrom und trägt das Thema bewusst in die Wirtschaft.

Eine junge Frau mit Down-Syndrom steht in heller Kleidung an eine Wand gelehnt und blickt nach rechts. Auf die Wand fallen Schatten von Bäumen.
Menschen mit Down-Syndrom werden häufig auf Klischees reduziert – Sabine Lewandowski will das ändern. Zu sehen im Bild: Schwester Marina.
Foto: Porträt von Sabine Lewandowski, Fotografin, Grafikdesignerin und Mitgründerin des Vereins „Lass mal wir sein“
Sabine Lewandowski ist Fotografin, Grafikdesignerin und Unternehmerin.

Frau Lewandowski, wie ist die Idee zu „Lass mal wir sein“ entstanden?

Sabine Lewandowski: Als Fotografin und Grafikdesignerin habe ich eine Bachelorarbeit über meine Schwester Marina und das Down-Syndrom gemacht. Mich hat der einseitige Blick gestört: meist glückliche, lächelnde, klischeehafte Darstellungen.

2020 haben meine Mutter und ich in der Corona-Zeit „Mari & Anne“, eine Manufaktur für Hautpflegeprodukte, gegründet – auch mit dem Ziel, meiner Schwester einen Arbeitsplatz zu schaffen. Über die Manufaktur wollte ich dieses realistischere Bild in die Wirtschaft tragen. So entstand „Lass mal wir sein“ – zunächst als Postkartenset mit Porträts, das wir Bestellungen beigelegt haben. Inzwischen ist daraus ein Magazin mit 10.000 Exemplaren geworden, das Unternehmen im DACH-Raum in ihren Bestellungen mitschicken.

Was war Ihr persönlicher Antrieb?

Lewandowski: Ausgangspunkt waren die Fotos meiner Schwester aus der Bachelorarbeit: Im Mittelpunkt stand nicht das Down-Syndrom, sondern eine junge Frau, die das Leben liebt. Das hat meinen Blick verändert. Als Schwester ist vieles selbstverständlich – erst die Reaktionen zeigten mir, wie besonders diese Perspektive für andere ist.

Ihr Magazin verzichtet auf klassische Fürsorgebilder – warum ist das wichtig?

Lewandowski: Durch meine Gründungserfahrung war mir klar, dass ich einen anderen Ansatz wählen möchte. Ich wollte kein Unternehmen ohne Haltung aufbauen, sondern einen Kontext schaffen, der über das Produkt hinausgeht.

Mir ging es darum, Menschen mit Down-Syndrom eine Plattform in der Öffentlichkeit zu geben – nicht im klassischen sozialen Rahmen, sondern bewusst in der Wirtschaft, wo das Thema bisher kaum stattfindet. Genau deshalb verzichten wir auf typische Fürsorgebilder und zeigen andere, selbstverständliche Perspektiven.

Welche Reaktionen erhalten Sie?

Lewandowski: Viele empfinden den Blick als wohltuend anders, denn das Magazin wirkt wie ein Lifestyle-Heft. Wir machen betroffene Familien sichtbarer. Sie fragen inzwischen aktiv an, ob sie im Magazin vorkommen können. Andere möchten es auslegen, etwa in gynäkologischen Praxen.

Foto: Porträt von Sabine und Marina Lewandowski, Gründerinnen des Vereins Lass mal wir sein“
Lewandowski hat zusammen mit ihrer Schwester Marina den Verein „Lass mal wir sein“ gegründet.

Unternehmen verteilen Ihr Magazin über Bestellungen. Welchen Effekt hat das?

Lewandowski: Am Anfang habe ich gezielt Unternehmen aus meinem Gründerkontext angesprochen, die hinter dem Thema stehen – „Social Washing“ wollte ich vermeiden. Inzwischen ist das Netzwerk gewachsen. Der Effekt ist groß: Wir erreichen Menschen im Alltag, außerhalb der klassischen sozialen Kontexte. Das Magazin taucht unerwartet auf und schafft so Aufmerksamkeit und einen neuen Zugang.

Gleichzeitig ist es nicht immer einfach. Die Spendenbereitschaft schwankt, und nicht jedes Unternehmen möchte sich mit dem Thema auseinandersetzen. Es geht eben nicht nur um Sichtbarkeit, sondern auch um Haltung.

Was haben wir gesellschaftlich schon erreicht?

Lewandowski: Offenheit ist da, auch in der Wirtschaft. Aber es fehlt an Aufklärung und klaren Rahmenbedingungen. Viele Unternehmen wären bereit, Menschen mit Behinderung einzustellen, aber das System ist komplex, etwa beim Zusammenspiel von Werkstätten, Förder- oder Rentenansprüchen. Meine Schwester arbeitet heute in unserem Unternehmen statt in einer Werkstatt. Sie ist unser Model, schreibt und gestaltet Karten, unterstützt die Produktion und hilft beim Packen. Aber für Familien und Betriebe ist der Weg dorthin schwer. Wer jedoch inklusive Arbeit einmal erlebt hat, verändert seinen Blick – darin liegt die Chance.

„Wer inklusive Arbeit einmal erlebt hat, verändert seinen Blick.“

Sabine Lewandowski

Fotografin, Grafikdesignerin und Mitgründerin des Vereins „Lass mal wir sein“

Wo gibt es Wissenslücken?

Lewandowski: Viele kennen die Hintergründe kaum. Im Magazin zeigen wir daher bewusst sehr unterschiedliche Lebensrealitäten anhand von nur fünf Porträts. Vergangenes Jahr ging es zum Beispiel um eine Einschulung in Hamburg und darum, was es bedeutet, den normalen Schulweg zu gehen. Auch strukturelle Themen wie die Pränataldiagnostik oder Arbeitsbedingungen greifen wir auf.

Was müsste sich noch ändern?

Lewandowski: Behinderung wird oft als Problem einer Gruppe gesehen, obwohl sie zum Leben gehört. Für mich ist „Lass mal wir sein“ mein Beitrag, um andere zu inspirieren – gerade in der Wirtschaft. Zu unserem Netzwerk gehören inzwischen sehr unterschiedliche Unternehmen, vom Holzspielzeughersteller Grimm’s bis zum Yogamattenhersteller hejhej, der mit Werkstätten zusammenarbeitet.

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.