„Wir müssen uns von Beharrungskräften lösen“
Diana Stolz lässt sich von den vielen Herausforderungen in der Gesundheitspolitik nicht unterkriegen. Bei den anstehenden Reformen setzt sie auf schlüssige Gesamtkonzepte, mehr Prävention und die Zusammenarbeit aller Akteure.
Frau Ministerin Stolz, in der Gesundheits- und Pflegepolitik knirscht es an allen Ecken und Enden. Sie haben daher keinen leichten Job, zumal Sie mit Familie, Senioren und Sport auch noch für andere Politikfelder zuständig sind. Woher nehmen Sie Ihre Motivation?
Diana Stolz: Ich nenne dieses Ressort immer das Lebenswirklichkeitsministerium, weil es um alle Fragen von der Entstehung des Lebens bis zur Hospizbetreuung geht. Unter der früheren Sozialministerin Silke Lautenschläger habe ich zu Zeiten von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt angefangen, Gesundheitspolitik zu machen. Mich hat dieser Bereich gefesselt. Politik für die Menschen zu machen, ihr Leben einfacher, besser und gesünder zu gestalten, das hat für mich eine ganz große Antriebskraft. Zudem gehöre ich zu den Menschen, die nicht die Probleme sehen, sondern die Herausforderungen. Das hilft ungemein.
Eine dieser Herausforderungen ist die Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen. Dort zeichnet sich für nächstes Jahr ein zweistelliges Milliardendefizit ab und weitere Beitragssteigerungen drohen. Wie wollen Sie das angehen?
Stolz: Es muss für die GKV ein Konzept aus einem Guss geben. Es nützt nichts, an einzelnen Stellschrauben zu drehen und immer wieder neue Ideen ins Schaufenster zu stellen. Das sorgt für Verunsicherung in der Bevölkerung. Oft sind die Vorschläge nicht durchdacht oder gehen teilweise sogar in die falsche Richtung, wie etwa die unlängst diskutierte Herausnahme der Zahnversorgung aus der GKV. Klar ist: Unser Gesundheitssystem bedarf einer grundlegenden Reform. Bei so einem großen Prozess ist das Entscheidende, sich mit allen Beteiligten zu Beginn auf die Zielsetzung festzulegen und das Konzept gemeinsam zu erarbeiten. Mit unserem hessischen Weg, der auf Austausch setzt, haben wir gute Erfahrungen gemacht.
Wenn Sie nicht auf Einzelvorschläge eingehen wollen, verraten Sie dennoch Ihre große Linie?
Stolz: Meine Grundüberzeugung ist, dass wir mehr Lebensjahre für die Bürgerinnen und Bürger herausholen müssen. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme, das spiegelt sich aber im Gesundheitszustand nicht wider. Wir verengen den Blick zu sehr auf das Kurative und haben zu wenig die Prävention im Blick. Zentrale Fragen sind aus meiner Sicht: Wie kann ich verhindern, dass Krankheit entsteht? Wie kann ich erreichen, dass bestimmte Verläufe von Krankheiten später oder gar nicht eintreten? Da ist viel Luft nach oben.
„Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme, das spiegelt sich aber im Gesundheitszustand nicht wider.“
Hessische Ministerin für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege (CDU)
Geht es noch konkreter?
Stolz: Die Medizin hat in den vergangenen Jahren hervorragende Entwicklungen genommen. Nehmen Sie nur die Krebstherapie. Erkrankungen, die vor wenigen Jahren als nicht heilbar galten, haben inzwischen hervorragende Chancen auf vollständige Genesung. Wenn sich Medizin so stark wandelt, dann müssen sich auch die Strukturen verändern. Deshalb müssen wir uns von den Beharrungskräften in jedem Sektor lösen und zu mehr Offenheit gelangen. Es ist beispielsweise notwendig, den Gesundheitsbereich von Bürokratie zu entlasten und stärker zu hinterfragen – etwa ob und in welchen Bereichen der Arztvorbehalt gelockert werden kann. Ebenso müssen Hausärzte wie auch alle anderen Gruppen in ihrer Berufsausübung gestärkt werden.
Sollten stabile Beiträge politisches Ziel bleiben?
Stolz: Ich halte Beitragsstabilität für ganz wichtig für unsere Volkswirtschaft. Dafür haben wir uns auch im Bundesrat immer stark gemacht. Sehr deutlich haben wir Länder uns bei den versicherungsfremden Leistungen positioniert: Diese müssen aus der gesetzlichen Krankenversicherung herausgenommen werden. Dafür setze ich mich weiter ein.
Sie haben eben die Prävention angesprochen. Der Public Health Index hat gezeigt, dass Deutschland in Europa hier zu den Schlusslichtern gehört. Was muss passieren?
Stolz: Wichtig ist, dass wir die Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen stärken. Jeder Bürger muss sich selbst fragen, was er konkret für seine Gesundheit tun kann. Dazu gehört es, sich mehr zu bewegen. Nicht jeder muss Leistungssportler werden, aber es hilft schon, öfter die Treppe zu nehmen als den Aufzug, zu Fuß zum Supermarkt zu gehen oder sich wie meine Familie einen Hund anzuschaffen und mit ihm bei jedem Wetter rauszugehen. Und natürlich geht es darum, auf die Ernährung zu achten. Darüber hinaus sollte jeder auch in den Impfausweis schauen. Die kassenfinanzierten Jugenduntersuchungen und HPV-Impfungen werden noch zu wenig wahrgenomen. Wichtig sind mehr Informationen und direkte Ansprachen. Ich bin Überzeugungstäterin: Prävention lohnt sich – nicht nur, weil sie Kosten spart.
Kommen wir zur Baustelle Pflege. Ist ein Reformentwurf 2026 realistisch?
Stolz: Eine gute Pflege in allen Lebenslagen für eine immer älter werdende Gesellschaft ist eine der größten Zukunftsherausforderungen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die Wetten auf Zeitfenster abgeben. Vielmehr muss das Thema Pflege von den unterschiedlichsten Seiten angepackt werden. Auch hier ist Prävention der Schlüssel. Es muss unser Ziel sein, dafür zu sorgen, dass Menschen möglichst spät Pflege benötigen. Hier spielt eine aktive Lebensgestaltung, die auf Bewegung, gesunde Ernährung und soziales Miteinander setzt, eine große Rolle. In Hessen holen beispielsweise Gemeindepfleger alte Menschen aus ihrer sozialen Isolation.
Die Eigenanteile in der stationären Pflege wachsen rapide. Sehen Sie da Handlungsbedarf?
Stolz: Die Eigenanteile dürfen nicht ins Unermessliche steigen. Wir sollten uns aber auch mal Gedanken machen, woher die steigenden Kosten kommen. Sie haben damit zu tun, dass wir den Fachkräften, die eine so unendlich wertvolle Arbeit leisten, inzwischen die Entlohnung zukommen lassen, die sie verdienen. Und ich finde diese Wertschätzung ungeheuer wichtig. Und wir dürfen insbesondere auch die Pflege, die zuhause geleistet wird, nicht aus dem Blick verlieren. In Hessen werden mehr als 86 Prozent der Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden versorgt. An- und Zugehörige leisten Außerordentliches, damit die Menschen im eigenen Zuhause bleiben können. Wir dürfen sie dabei nicht allein lassen.
Sie haben den partnerschaftlichen Weg betont, auf den Sie in Hessen Wert legen. Galt der auch bei der Krankenhausreform in ihrem Bundesland?
Stolz: Ja. Unser Krankenhausplan wurde in mehr als 20 Arbeitsgruppensitzungen erstellt, bei denen alle Akteure in einem Raum saßen und sich verständigen mussten. Es waren diejenigen involviert, die zahlen müssen, die die Reform ausführen müssen und für die sie gedacht ist – also die Patienten. Unlängst hat sich sogar die OECD im Sinne von „Best Practise“ erkundigt, wie wir den Prozess konkret gestaltet haben.
Wie weit sind Sie beim Umbau der Kliniklandschaft in Hessen?
Stolz: Als ich Ministerin wurde, haben wir uns ohne Verzug an die Krankenhausreform gemacht. Ich war von vornherein der festen Überzeugung, dass wir sie brauchen, unabhängig davon, was im Bund läuft. Dort gab es zu der Zeit noch keinen Referentenentwurf und alles war noch im Schwange. Wir haben als erstes riesige Datenberge in unseren Krankenhäusern erhoben. Hier wollten wir unabhängig von Berlin sein. Schon 2024 wurde von uns das hessische Krankenhausgesetz dann angepasst. Wir fördern in den Landkreisen Gesundheitskoordinatoren und haben Förderprogramme des Landes aufgelegt. Durch Versorgungskonferenzen lernte ich die städtischen und ländlichen Strukturen, also die gesamten regionalen Bedarfe, kennen.
Passte Lauterbachs Reform, die auch 2024 vorgelegt wurde, zu Ihrem Plan in Hessen?
Stolz: Lauterbachs Reform war sehr zentralistisch gedacht und kann auf ein Flächenland wie Hessen nicht ohne Weiteres übertragen werden. Wir haben daraufhin nochmal Gespräche mit jedem Krankenhaus geführt. Alle von ihnen haben dann fristgerecht ihre Anträge zur Leistungsgruppenzuordnung abgegeben. Wir haben innerhalb der zwei Jahre weiterhin am hessischen Krankenhausplan gearbeitet und ihn im Dezember 2025 vorgestellt. Er übersetzt die Bundesreform ins Hessische. Anhand fester Kriterien und definierter Qualitätsstandards wissen alle Leistungserbringer, was von ihnen erwartet wird und haben Planungssicherheit. Bei uns gibt es eine klare Regel: Im Notfall muss ein Krankenhaus schnell erreichbar sein. Und wenn es sich um planbare Behandlungen handelt, dann kann sich eine Spezialklinik auch mal weiter weg befinden. Patientinnen und Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass sie in jeder Situation bestmöglich versorgt werden.
Zur Person
Diana Stolz führt seit Januar 2024 das hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege in Wiesbaden. Außerdem ist die 49-Jährige seit 2022 stellvertretende Vorsitzende der CDU Hessen und seit 2018 Chefin der hessischen Frauen-Union. Die gebürtige Frankfurterin studierte Rechtspflege und absolvierte später ein Aufbaustudium Justizmanagement. Sie arbeitete in mehreren Ministerien und Verwaltungen und engagierte sich viele Jahre in der Kommunalpolitik.
Mitwirkende des Beitrags
Autor
Datenschutzhinweis
Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.
Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.