Digitaler, aber wie?
Das Bundesministerium für Gesundheit will die Digitalisierungsstrategie im Gesundheitswesen und in der Pflege vorantreiben. Doch zwischen politischem Anspruch und Versorgungsalltag klafft weiterhin eine Umsetzungslücke. Was muss passieren, damit die Digitalisierung Fahrt aufnehmen kann? G+G hat vier Expertinnen und Experten gefragt.
Krankenkassen sollen Versicherte aktiv begleiten
Dr. Martin Krasney, Vorstandsmitglied des GKV-Spitzenverbandes
„Insbesondere durch Stärkung der elektronischen Patientenakte (ePA) kann die Digitalisierung mehr Fahrt aufnehmen. Die Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit setzt insofern ein wichtiges Signal für die Modernisierung unseres Gesundheitswesens. Der klare Fokus auf Stabilität, Interoperabilität und eine leistungsfähige digitale Versorgungsarchitektur schafft die notwendige Grundlage für den Fortschritt. Damit aus Infrastruktur spürbarer Nutzen für Versicherte entsteht, braucht es allerdings mehr als technische Standards. Entscheidend ist die aktive Rolle der Krankenkassen bei der Begleitung und Beratung ihrer Versicherten. Die ePA sollte sich als Herzstück der Versorgung zu einem persönlichen Gesundheitsdatenraum entwickeln, der durch KI-gestützte Analysen individuelle Angebote, zum Beispiel zur Prävention, ermöglicht. Mehrwertanwendungen in der ePA, durch Krankenkassen im Wettbewerb untereinander zur Verfügung gestellt, können die Versorgung gezielt verbessern – datensouverän und versichertennah."
Patientenautonomie stärken
Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer
Erik Bodendieck, Co-Vorsitzender des Ausschusses „Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer
„Die Digitalisierungsstrategie ist ein wichtiger Handlungsrahmen für die Zukunft unseres Gesundheitswesens. Wir begrüßen deshalb ihre Fortschreibung. Besonders die ePA soll als zentrale Drehscheibe für Daten und Anwendungen der Patientinnen und Patienten fungieren. Dennoch sehen wir noch einige Schwächen in der Umsetzung. Aktuell kann jedoch nur ein Bruchteil der Versicherten mit ihrem Smartphone auf die ePA zugreifen. Das bedeutet, dass viele Menschen die Akte nicht aktiv nutzen können. Hier sind insbesondere die Krankenkassen gefordert, ihre Versicherten besser über den Umgang mit der eigenen ePA zu informieren und aufzuklären. Das stärkt die Patientenautonomie. Darüber hinaus setzt die Digitalisierungsstrategie große Hoffnungen auf den Einsatz von KI in der Dokumentation und Versorgung. Um diese Potenziale vollständig auszuschöpfen, müssen jedoch die Rahmenbedingungen für Regulierung, Datenverfügbarkeit und Testungsmöglichkeiten konkretisiert werden."
Dauerhafte Finanzierung für Betrieb, Updates und Cybersicherheit gefordert
Bernadette Rümmelin, Geschäftsführerin des Katholischen Krankenhausverbands Deutschland
„Für eine wirksame Digitalisierung braucht es verbindliche, bundesweit einheitliche Standards, auf die alle Anbieter verpflichtet werden müssen. Nur so entsteht die viel zitierte „breite Datenautobahn“, auf der ohne Schnittstellen- und Übertragungsprobleme ein reibungsloser, verlustfreier Datenaustausch läuft. Oberstes Ziel muss sein, Patienten schnell und sicher behandeln zu können. Zudem fehlt es an zentralen, neutralen Datendrehscheiben, über die Informationen auch sektorenübergreifend ausgetauscht werden können. Bei Berichtspflichten sollte das Once-only-Prinzip gelten: Daten werden nur einmal erfasst und weitergeleitet. Das senkt Bürokratie und schafft Zeit für die Versorgung. Ebenso braucht es eine verlässliche, dauerhafte Finanzierung für Betrieb, Updates und Cybersicherheit. Schließlich geben klare, einheitliche Datenschutzvorgaben den Einrichtungen Rechtssicherheit und wahren die Interessen der Patienten, auch wenn dies der digitalen Transformation Grenzen setzt."
Datennutzung mutiger denken
Sascha Raddatz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT – bvitg e. V.
„Die Digitalisierungsstrategie setzt wichtige Impulse – bleibt jedoch in Teilen zu abstrakt und zu stark prozessgetrieben. Positiv hervorzuheben ist das Leitprinzip „digital vor ambulant vor stationär“. Es setzt ein klares Signal für effiziente, patientenzentrierte Versorgung. Doch zwischen Anspruch und Umsetzung klafft weiterhin eine Lücke. Zwar sind ePA, TI-Weiterentwicklung und Datennutzung richtig adressiert, doch es fehlen klare Prioritäten und realistische Zeitpläne – insbesondere mit Blick auf den European Health Data Space. Die Praxis leidet unter komplexen Zulassungsverfahren, technischen Brüchen und föderalen Sonderwegen. Innovation entsteht nicht durch weitere Strategiepapiere, sondern durch stabile Infrastrukturen und echte Anreize für Leistungserbringende und Industrie. Zudem muss Datennutzung mutiger gedacht werden – mit klarer Governance statt Überregulierung. Digitalisierung braucht Planungssicherheit und die Einbindung aller Akteure."
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