Garantie für Termine?
Jeder vierte gesetzlich Versicherte wartet länger als 30 Tage auf einen Facharzttermin. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will bis zum Sommer einen Gesetzentwurf zur Primärversorgung vorlegen. Lässt sich dadurch die Vergabe von Terminen bei Fachärztinnen und -ärzten effizienter machen? G+G hat vier Expertinnen und Experten gefragt.
Gesetzliche Termingarantie schafft keine zusätzlichen Kapazitäten
Dr. Dirk Heinrich, Vorstandsvorsitzender des Spitzenverbandes Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands:
„Die fachärztliche Versorgung ist leistungsfähig. Die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten erhält laut Erhebungen des GKV-Spitzenverbandes zeitnah einen Facharzttermin. Medizinisch dringliche Fälle werden zuverlässig versorgt. Gleichzeitig unterscheiden sich Wartezeiten je nach Fachgebiet und Region erheblich. Nicht aus mangelndem Engagement der Fachärztinnen und Fachärzte, sondern aufgrund struktureller Grenzen. Demografischer Wandel, steigende Behandlungsbedarfe, Fachkräftemangel und die Budgetierung fachärztlicher Leistungen begrenzen den verfügbaren Terminspielraum. Eine gesetzliche Termingarantie mag eine beliebte politische Forderung sein. Sie schafft aber keine zusätzlichen Kapazitäten, sondern weckt Erwartungen, die in der Realität nicht zu erfüllen sind. Wer Wartezeiten wirklich verkürzen will, muss die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche und personelle Stärkung der fachärztlichen Versorgung schaffen, statt Symbolpolitik zu betreiben."
Lange Wartezeiten sind strukturelles Versorgungsproblem
Simone Borchardt, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion:
„Wir brauchen verbindliche Regeln für einen verlässlichen Facharztzugang. Lange Wartezeiten sind kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Versorgungsproblem, das Patientinnen und Patienten belastet. Freiwillige Lösungen reichen nicht aus. Die Union hat bereits im parlamentarischen Verfahren zum Krankenhausreformanpassungsgesetz dafür geworben, die vorhandenen Kapazitäten besser zu nutzen und moderne Diagnostik wie MRT und CT auch ambulant im Krankenhaus zu ermöglichen. So lassen sich Engpässe abbauen und notwendige Diagnosen schneller stellen. Auch der Koalitionsvertrag setzt uns einen klaren Rahmen: Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollen verpflichtet werden, Facharzttermine zu vermitteln. Gelingt dies nicht fristgerecht, wird für diese Patientinnen und Patienten der ambulante Facharztzugang im Krankenhaus geöffnet. Nur so können wir die bereits vorhandenen Ressourcen besser heben und die Versorgungsrealität der Bürgerinnen und Bürger spürbar verbessern."
Stärker auf Primärversorgung setzen
Dr. Christos Pantazis, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion:
„Lange Wartezeiten auf Facharzttermine sind für viele Patientinnen und Patienten eine reale Belastung – insbesondere dann, wenn gesundheitliche Sorgen ohnehin groß sind. Eine verbindliche Termingarantie kann deshalb ein wichtiges Instrument sein, um Verlässlichkeit und Vertrauen in die ambulante Versorgung zu stärken. Entscheidend ist jedoch, dass wir nicht nur Symptome bekämpfen, sondern die strukturellen Ursachen angehen. Wir setzen in der SPD auf eine stärkere Primärversorgung, die Patientinnen und Patienten koordiniert durch das System führt und hilft, den tatsächlichen Behandlungsbedarf frühzeitig zu klären. Dazu gehört auch eine qualitätsgesicherte digitale Ersteinschätzung, die Versorgung zielgerichtet steuert, ohne ärztliche Entscheidungen zu ersetzen. So lassen sich Facharztkapazitäten besser nutzen und unnötige Wartezeiten vermeiden. Unser Ziel ist ein System, das Orientierung gibt, Zugänge fair organisiert und medizinische Dringlichkeit in den Mittelpunkt stellt."
Transparenz über verfügbare Kapazitäten schaffen
Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes:
„Wir brauchen schnellere Facharzttermine, die sich konsequent am medizinischen Bedarf orientieren. Mit der Einführung eines Primärversorgungssystems kann das gelingen. Dabei ist eine interprofessionell aufgestellte Praxis erste Anlaufstelle für Patienten und stellt bei Bedarf die Facharzt-Überweisung aus. Zugleich braucht es Transparenz über verfügbare Kapazitäten. Praxen sollten verpflichtet werden, freie Termine in relevantem Umfang an ein zentrales Portal zu melden. Auch die bei den Kassenärztlichen Vereinigungen angesiedelten Leitstellen sollten Patienten stärker steuern. Das entlastet Primärversorgung, fachärztliche Versorgung und Notfallstrukturen. Ergänzend braucht es klare Regeln für die Ärzteschaft, etwa eine Begrenzung von IGeL-Angeboten auf ausgewiesene Sprechstunden. Zudem gilt es, die fachärztlichen Versorgungsaufträge weiterzuentwickeln, beispielsweise durch verbindliche Mindestanteile konservativer Leistungen zur langfristigen Sicherung der Grundversorgung."
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