Interview Gesundheitssystem

„Gesundheit hat etwas mit Ganzheit zu tun“

18.02.2026 Birgit Weidt 7 Min. Lesedauer

Wir müssen Gesundheit von Wohlbefinden, Glück und Leistungsfähigkeit unterscheiden, sagt Giovanni Maio. Für den Arzt und Philosophen entsteht sie im souveränen Umgang mit den eigenen Einschränkungen – in einer Gesellschaft, die Schwächere trägt.

Giovanni Maio steht in einem Büro vor einem Bücherregal mit Fachliteratur
Giovanni Maio hat dem Kanon der ethischen Literatur selbst einige Titel hinzugefügt.

Herr Professor Maio, was heißt es, gesund zu sein?

Prof. Dr. Giovanni Maio: Ich würde Gesundheit als die Fähigkeit beschreiben, mit eigenen Einschränkungen so umzugehen, dass sie in das Leben integriert werden können. Daher ist nach meiner Ansicht nicht derjenige gesund, der keine Beeinträchtigung hat, sondern derjenige, der einen souveränen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und Verletzlichkeit gefunden hat. Gesund ist also jemand, der sich auch dann, wenn nicht alles vollumfänglich funktioniert, seinen Einschränkungen nicht ausgeliefert fühlt.

Foto: Prof. Dr. Giovanni Maio, Arzt, Philosoph und Universitätsprofessor für Medizinethik
Prof. Dr. Giovanni Maio forscht und lehrt am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Wie stark prägen allgemeine Normen unsere Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit?

Maio: Der Begriff der Gesundheit verweist auf biologische Voraussetzungen, auf das subjektive Erleben und auf eine gesellschaftliche Verständigung darüber, was als gesund gilt. Gesundheit ist daher kein rein subjektiver Begriff. Mit ihm verbinden wir den Anspruch auf Verallgemeinerung: Wir bewegen uns damit innerhalb eines Rahmens gemeinsamer kultureller und sozialer Maßstäbe. Die Herausforderung besteht darin, immer wieder ein neues Gleichgewicht zwischen dem Einzelnen und den intersubjektiven Maßstäben zu finden.

Der Gesundheitsbegriff der WHO von 1948 spricht von einem „vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden“. Wie bewerten Sie diese Definition heute?

Maio: Dieser Definitionsansatz verwechselt Gesundheit schlicht mit Glück. Ein Mensch kann gesund sein, ohne dass er ein absolutes Wohlbefinden spürt, und jemand kann sich unwohl fühlen, obwohl er gesund ist. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation ist in sich nicht schlüssig und irreführend, weil sie Gefahr läuft, alle Unwohlzustände als medizinische Fragen zu interpretieren. Das öffnet einer Medikalisierung der Gesellschaft Tür und Tor. Wenn wir heute nach einem tragfähigen Begriff suchen, müssen wir Gesundheit klar von Wohlbefinden, Glück, Leistungsfähigkeit und Fitness unterscheiden.

Gibt es ein Recht auf Krankheit, also auf das Nicht-Funktionieren?

Maio: Dieses legitime Recht sollte man verstehen als Recht, medizinische Behandlungen auch dann abzulehnen, wenn sie lebensrettend wären. Dieses Recht hat jeder Mensch, denn es gründet in der Würde und Selbstbestimmung des Menschen. Die Gesellschaft darf nicht bevormundend sein.  Gleichzeitig ist es wichtig, hier Unterstützungsangebote zu machen und Menschen in 
solchen Situationen mit zu begleiten.

Giovanni Maio sitzt an einem Tisch und liest in einem Buch.
Medizinethiker Giovanni Maio beschäftigt sich mit dem Gesundheitsbegriff.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie darin?

Maio: Die Verfahren der vorausschauenden Medizin ermöglichen zwar Wahrscheinlichkeitsaussagen, doch sie schaffen keine Gewissheit. Ob eine Krankheit, für die man eine Veranlagung trägt, ausbricht, lässt sich meist nicht sicher sagen. Denken Sie nur an die Mutation im Brustkrebsgen. Das Wissen selbst kann schon eine Art vorweggenommene Krankheit erzeugen. Menschen mit einem positiven Gentest fühlen sich ab diesem Moment oft anders, manchmal sogar krank, obwohl die Erkrankung nur mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit eintreten könnte. Das Wissen bewirkt eine Überaufmerksamkeit auf den eigenen Körper und kann zu einem Zustand der aufgeklärten Ohnmacht führen, vor allem, wenn keine wirksame Prävention möglich ist.

Inwiefern verändert sich unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit in einer zunehmend technisierten und digitalisierten Medizin?

Maio: Mit der Digitalisierung wächst der Glaube, dass sich Gesundheit berechnen, kontrollieren und letztlich herstellen lässt. Durch die ständige Messung von Körperfunktionen entsteht die Vorstellung, man könne mit genügend Daten und der richtigen Analyse jede Krankheit vermeiden. Solche Technologien wecken große Hoffnungen, doch sie nähren auch die Illusion einer restlos machbaren Gesundheit. Wir sollten uns davor hüten, Gesundheit auf Zahlen und Messwerte zu reduzieren. Gesundheit entsteht nicht durch Algorithmen oder Datenströme, sondern im Leben selbst – in der Art, wie wir mit uns, unseren Grenzen und unserer Umgebung in Beziehung stehen.

„Die Vorstellung, Gesundheit sei eine klar definierbare, individuell erzielbare Leistung, verfehlt die Komplexität des Themas.“

Prof. Dr. Giovanni Maio

Mediziner, Philosoph und Universitätsprofessor für Medizinethik

Viele Menschen verstehen Gesundheit als Ergebnis individueller Leistung. Greift dieses Verständnis zu kurz?

Maio: Die Vorstellung, Gesundheit sei eine klar definierbare, individuell erzielbare Leistung, verfehlt die Komplexität des Themas. Selbstverständlich ist es wichtig, gesundheitsförderndes Verhalten zu unterstützen und Menschen dazu anzuleiten. Aber der Eintritt einer Krankheit darf nicht automatisch als Versagen präventiven Handelns gedeutet werden.

Wann stößt Eigenverantwortung an ihre Grenzen?

Maio: Eigenverantwortung kann nur dort wirklich gedeihen, wo sie von sozialer Verantwortung getragen wird – von einer Gesellschaft, die Menschen in prekären Lebenslagen unterstützt und ihnen Freiräume schafft, damit sie ihre Verantwortung überhaupt wahrnehmen können. Wahre Selbstverantwortung wächst dort, wo sie in ein Geflecht gemeinschaftlicher Verantwortung eingebettet ist – in eine Haltung, die den Schwächeren trägt und stützt. Ohne eine solche Grundlage verdorrt jeder Keim innerer Selbstbestimmung. Persönliche Verantwortung ist die Ernte, die dann möglich wird, wenn zuvor Zuversicht, Selbstwertgefühl und innere Stärke wachsen durften.

Welche Bedeutung haben seelische Belastungen für die Entstehung körperlicher Erkrankungen?

Maio: Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, wie eng seelische und körperliche Prozesse miteinander verwoben sind. Darin liegt wohl auch eine der großen Aufgaben der Medizin der Zukunft: die Verbindung zwischen Körper und Seele als Einheit zu verstehen. Der Mensch ist ein leib-seelisches Wesen, und gerade in den feinen Wechselwirkungen zwischen beiden liegt das Faszinierende.

Erweitert den Blick: Giovanni Maio ist am Interdisziplinären Ethikzentrum Freiburg beteiligt.

Müssen wir Gesundheit also neu denken?

Maio: Ich glaube schon. Unser heutiges Verständnis ist oft zu technisch, zu sehr auf das Reparieren ausgerichtet. Man setzt heute allein auf die Beseitigung und verkennt dabei die Potenziale der Bewältigung. Dabei zeigt sich Gesundheit nicht allein in der Abwesenheit von Defekten, sondern auch in der Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Vielleicht beginnt genau hier ein reiferes Verständnis von Heilung – dort, wo Körper und Seele wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Manche Menschen fühlen sich dauerhaft gestresst oder innerlich leer. Stehen solche Zustände in einem Zusammenhang mit Krankheitsbildern wie Erschöpfung, Depression oder Schmerzsyndromen?

Maio: Wir leben in jedem Fall in einer Epoche der Übernormierung. Überallgibt es Erwartungen, Maßstäbe, Vergleichswerte. Das vermeintlich Normale – im Sinne statistischer Durchschnittswerte – wird zur allgemeinen Erwartung. Damit entsteht eine paradoxe Situation: Je stärker wir das Normale definieren, desto mehr Menschen empfinden sich selbst als abweichend oder defizitär. Wer sich nicht permanent beschwerdefrei oder glücklich fühlt, gilt schnell als krank. So wird aus jeder kleinen Abweichung von einer idealisierten Unbeschwertheit eine mögliche Störung. Das erzeugt eine Kultur der Überaufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Befinden.

Wie lässt sich ein gesellschaftliches Bewusstsein für ganzheitliche Gesundheit fördern?

Maio: Es gibt viele Krankheiten, aber nur eine Gesundheit. Das liegt daran, dass dieser Zustand keine einzelne Eigenschaft bezeichnet, sondern den ganzen Menschen betrifft. Gesundheit hat also etwas mit Ganzheit zu tun. Sie meint nicht nur eine bestimmte Fähigkeit, sondern die Integrationskraft des Menschen, seine Fähigkeit, das Ganze seiner Existenz in Balance zu halten. Entscheidend dabei sind die Lebensumstände und die 
Wahrnehmung der eigenen Ressourcen. Jeder Mensch trägt tiefe Gesundheitsquellen in sich. Sie können nur im Vertrauen darauf fließen, in einer humanen Gesellschaft zu leben, die im Notfall trägt.

Können Sie das bitte genauer erläutern?

Maio: Wenn Krankheit als persönliches Versagen angesehen wird, entsteht soziale Kälte, die Angst und Resignation erzeugt. Darum braucht es beides: die Stärkung gesundheitsbewussten Verhaltens und die Gewissheit solidarischer Unterstützung für jene Menschen, die krank oder hilfsbedürftig werden. Nur in einer solchen Atmosphäre kann die innere Kraft zur Erhaltung der eigenen Gesundheit aufblühen.

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