Interview Versorgung

„Medizinethik ist von Natur aus interdisziplinär“

21.01.2026 Silke Heller-Jung 3 Min. Lesedauer

In der Rubrik „Neues aus der Uni“ stellt G+G-Digital Institute und Lehrstühle vor. Dieses Mal mit drei Fragen an Prof. Dr. Claudia Bozzaro, Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster.

Foto: Blick in einen Hörsaal, in dem viele Studierende sitzen. Vorne steht ein Mikrofon.
In der Rubrik „Neues aus der Uni“ stellt G+G jeden Monat ein Institut oder einen Lehrstuhl vor.
Foto: Prof. Dr. Claudia Bozzaro, Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster.
Prof. Dr. Claudia Bozzaro, Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster

Frau Professor Bozzaro, was ist derzeit Ihre wichtigste wissenschaftliche Fragestellung?

Prof. Dr. Claudia Bozzaro: Die Frage, wie sich die Praxis des assistierten Suizids gut ausgestalten lässt, ist angesichts der individuellen, existentiellen Nöte einerseits und der gesellschaftlichen Implikationen andererseits von großer Bedeutung. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 hat diese Praxis in Deutschland eine neue Dynamik erhalten. Wir untersuchen aktuell verschiedene Aspekte dieser Praxis, zum Beispiel die Frage, wie das Motiv des Lebensüberdrusses im Kontext von Anfragen nach assistiertem Suizid genau zu verstehen ist. Diese Frage ist besonders in einer alternden Gesellschaft relevant, da vor allem ältere Personen dieses Motiv angeben. Ebenso relevant sind aber auch die Herausforderungen durch die Präzisionsmedizin, die Frage nach einer gerechten Allokation von medizinischen Ressourcen sowie ethische Herausforderungen am Lebensanfang.

Wie fördern Sie an Ihrer Einrichtung die Kooperation wissenschaftlicher Disziplinen und die Netzwerkbildung?

Bozzaro: Die Medizinethik ist von Natur aus ein interdisziplinäres Fachgebiet. Daher ist die kooperative Zusammenarbeit mit Medizinern, Biologen, Philosophen, Soziologen, Theologen und Juristen für mich selbstverständlich. Ich fördere Netzwerke, indem ich in interdisziplinären Forschungsverbünden arbeite, mein Team interprofessionell aufstelle und mich in interfakultären Aktivitäten engagiere.

„Wir untersuchen aktuell die Frage, wie das Motiv des Lebensüberdrusses im Kontext von Anfragen nach assistiertem Suizid genau zu verstehen ist.“

Prof. Dr. Claudia Bozzaro

Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster

Zur Person

Prof. Dr. Claudia Bozzaro studierte in Freiburg und Paris Philosophie und Kunstgeschichte. Anschließend war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg tätig, bevor sie 2020 die Professur für Medizinethik an der Universität zu Kiel übernahm. Seit 2024 ist sie Professorin für Medizinethik an der Universität Münster und leitet das dortige Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin.

Ist die Politik gut beraten, wenn sie auf die Wissenschaft hört?

Bozzaro: Auf jeden Fall sollte Politik wissenschaftliche Erkenntnisse und wissenschaftlich fundierte Empfehlungen berücksichtigen.

Illustration (farblich gehalten in lila): Aus der Vogelperspektive sind 5 Menschen in einem Raum zu sehen. Sie stehen um einen Sockel herum, auf dem ein Tablett mit der Aufschrift "Zusatznutzen" steht und in dessen Mitte liegt eine goldene Pille. Die Person links im Bild hat ein Preisschild in seiner Hand, auf dem ein Eurozeichen abgebildet ist. Von oben kommt ein Lichtkegel, der die Pille und das Tablett besonders hervorhebt.
Medikamente werden immer teurer und belasten die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Kostentreiber sind vor allem neue Medikamente, die nicht an feste Preisvorgaben gebunden sind. Welche Hürden die Arzneimittelbepreisung überwinden muss und welche konkreten Vorschläge es gibt, zeigt unsere neue G+G Story.
16.01.20262 Min

Forschungsschwerpunkte:

  • Normative Konzepte in der Medizin (Leiden, Vulnerabilität, Gesundheit/ Krankheit)
  • Ethische Herausforderungen am Lebensende (Assistiertes Sterben, terminale Sedierung)
  • Ethische Herausforderung am Lebensanfang (Social-egg-freezing, Uterustransplantation)
  • Ethische Herausforderung der Präzisionsmedizin (Umgang mit Daten, Implikationen für Arzt-Patient-Beziehung)
  • Ethische und sozio-kulturelle Aspekte des chronischen Schmerzes (Metaphern und Bilder des Schmerzes, Anerkennung bei chronischer Erkrankung)
  • Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung (intergenerationale Gerechtigkeit, z. B. bei Antibiotika-Gabe)
  • Zeitlichkeit und medizinische Technologien
  • Ethik des guten Lebens


Jahresetat:

Keine Angabe


Zahl und Qualifikation der Mitarbeitenden:

  • 1 Professorin, 1 Professor
  • 1 Seniorprofessorin
  • 8 Wissenschaftliche Mitarbeitende 
  • 4 Nicht-Wissenschaftliche Mitarbeitende 
  • 2 Lehrbeauftragte/Gastwissenschaftler
  • 3 Assoziierte Mitarbeiter
  • 2 studentische/wissenschaftliche Hilfskräfte


Kontaktdaten:

Universität Münster
Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin
Von-Esmarch-Straße 62
48149 Münster
Telefon: 0251 8355291
E-Mail: bozzaro(at)uni-muenster.de

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.

Pressekonferenz

Vorstellung des neuen Public Health Index

Wo steht Deutschland beim Thema Prävention im internationalen Vergleich?