„Medizinethik ist von Natur aus interdisziplinär“
In der Rubrik „Neues aus der Uni“ stellt G+G-Digital Institute und Lehrstühle vor. Dieses Mal mit drei Fragen an Prof. Dr. Claudia Bozzaro, Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster.
Frau Professor Bozzaro, was ist derzeit Ihre wichtigste wissenschaftliche Fragestellung?
Prof. Dr. Claudia Bozzaro: Die Frage, wie sich die Praxis des assistierten Suizids gut ausgestalten lässt, ist angesichts der individuellen, existentiellen Nöte einerseits und der gesellschaftlichen Implikationen andererseits von großer Bedeutung. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 hat diese Praxis in Deutschland eine neue Dynamik erhalten. Wir untersuchen aktuell verschiedene Aspekte dieser Praxis, zum Beispiel die Frage, wie das Motiv des Lebensüberdrusses im Kontext von Anfragen nach assistiertem Suizid genau zu verstehen ist. Diese Frage ist besonders in einer alternden Gesellschaft relevant, da vor allem ältere Personen dieses Motiv angeben. Ebenso relevant sind aber auch die Herausforderungen durch die Präzisionsmedizin, die Frage nach einer gerechten Allokation von medizinischen Ressourcen sowie ethische Herausforderungen am Lebensanfang.
Wie fördern Sie an Ihrer Einrichtung die Kooperation wissenschaftlicher Disziplinen und die Netzwerkbildung?
Bozzaro: Die Medizinethik ist von Natur aus ein interdisziplinäres Fachgebiet. Daher ist die kooperative Zusammenarbeit mit Medizinern, Biologen, Philosophen, Soziologen, Theologen und Juristen für mich selbstverständlich. Ich fördere Netzwerke, indem ich in interdisziplinären Forschungsverbünden arbeite, mein Team interprofessionell aufstelle und mich in interfakultären Aktivitäten engagiere.
„Wir untersuchen aktuell die Frage, wie das Motiv des Lebensüberdrusses im Kontext von Anfragen nach assistiertem Suizid genau zu verstehen ist.“
Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster
Zur Person
Prof. Dr. Claudia Bozzaro studierte in Freiburg und Paris Philosophie und Kunstgeschichte. Anschließend war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg tätig, bevor sie 2020 die Professur für Medizinethik an der Universität zu Kiel übernahm. Seit 2024 ist sie Professorin für Medizinethik an der Universität Münster und leitet das dortige Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin.
Ist die Politik gut beraten, wenn sie auf die Wissenschaft hört?
Bozzaro: Auf jeden Fall sollte Politik wissenschaftliche Erkenntnisse und wissenschaftlich fundierte Empfehlungen berücksichtigen.
Forschungsschwerpunkte:
- Normative Konzepte in der Medizin (Leiden, Vulnerabilität, Gesundheit/ Krankheit)
- Ethische Herausforderungen am Lebensende (Assistiertes Sterben, terminale Sedierung)
- Ethische Herausforderung am Lebensanfang (Social-egg-freezing, Uterustransplantation)
- Ethische Herausforderung der Präzisionsmedizin (Umgang mit Daten, Implikationen für Arzt-Patient-Beziehung)
- Ethische und sozio-kulturelle Aspekte des chronischen Schmerzes (Metaphern und Bilder des Schmerzes, Anerkennung bei chronischer Erkrankung)
- Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung (intergenerationale Gerechtigkeit, z. B. bei Antibiotika-Gabe)
- Zeitlichkeit und medizinische Technologien
- Ethik des guten Lebens
Jahresetat:
Keine Angabe
Zahl und Qualifikation der Mitarbeitenden:
- 1 Professorin, 1 Professor
- 1 Seniorprofessorin
- 8 Wissenschaftliche Mitarbeitende
- 4 Nicht-Wissenschaftliche Mitarbeitende
- 2 Lehrbeauftragte/Gastwissenschaftler
- 3 Assoziierte Mitarbeiter
- 2 studentische/wissenschaftliche Hilfskräfte
Kontaktdaten:
Universität Münster
Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin
Von-Esmarch-Straße 62
48149 Münster
Telefon: 0251 8355291
E-Mail: bozzaro(at)uni-muenster.de
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