Rundruf Versorgung

Mehr OPs ambulant?

21.01.2026 Tina Stähler 3 Min. Lesedauer

In Deutschland wären viele Operationen ohne Übernachtung im Krankenhaus möglich. Das zeigt eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Wie ließe sich das Potenzial zur Ambulantisierung stationärer Behandlungen ausschöpfen? G+G hat vier Expertinnen und Experten gefragt.

Im OP: ein Person bekommt einen Handschuh übergestreift.
Unnötige stationäre Aufenthalte können das Klinikpersonal entlasten.

Bei Kurzliegerfällen besteht großes Potenzial

Foto: Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKVSpitzenverbandes.

Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes:

Die Hybrid-DRG-Regelungen für 2026 sind ein wichtiger Schritt, um ambulante Leistungen zu stärken. Beispielsweise können nun geplante minimalinvasive Herzkathetereingriffe auch ambulant erfolgen – wie bereits in vielen Nachbarländern. Das verhindert unnötige stationäre Aufenthalte und entlastet das Klinikpersonal, sodass Kapazitäten für komplexe Krankenhausfälle frei werden. Die Ambulantisierung muss in Deutschland weiter ausgebaut werden. Denn bei sogenannten Kurzliegerfällen besteht weiterhin großes Potenzial, das die aktuellen Hybrid-DRGs nicht ohne Übergang ausschöpfen können. Wir schlagen daher Kurzlieger-Fallpauschalen vor, um Anreize für kürzere Krankenhausaufenthalte zu schaffen und GKV-Mittel effizienter einzusetzen. Zudem fordern wir, die gesetzliche Regelung zu streichen, die Kinder und Menschen mit Behinderung von einer ambulant-nahen Versorgung mit Hybrid-DRGs ausschließt. Gerade für diese Patientengruppen sollten unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden."

Die Politik muss jetzt handeln

Foto: Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV):

„Eine konsequente Ambulantisierung ist ein Hebel, um in der GKV ausufernde Kosten zu senken. Die WIdO-Analyse belegt: Über acht Millionen (60 Prozent) der stationären GKV-Fälle könnten jährlich ambulant erbracht werden. Dieses immense Potenzial sollte genutzt werden. Ambulantisierung darf nicht ausschließlich als Ausbau ambulanter Leistungen im Krankenhaus verstanden werden. Effizient funktioniert sie nur unter Beteiligung der Vertragsärzteschaft. Hier existieren – mit 97 Prozent aller Behandlungsfälle bei nur 16 Prozent der GKV-Ausgaben – die gewachsenen Strukturen für die ambulante Versorgung. Politik muss jetzt handeln: Wir brauchen eine echte sektorengleiche Vergütung mit einem umfassenden Hybrid-DRG-Katalog, nicht nur kosmetische Anpassungen. Außerdem muss die Vorhaltefinanzierung für Krankenhäuser entlang der Ambulantisierungspotenziale angepasst werden. Und die Praxen brauchen belastbare Rahmenbedingungen und eine faire Finanzierung, um die zusätzlichen Fälle zu übernehmen."

Stationäre Überversorgung als wichtiges Problem anerkennen

Foto: Prof. Dr. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der TU Berlin.

Prof. Dr. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der TU Berlin:

„Wären wir Frankreich oder die Schweiz, gäbe es 12,5 statt 17,5 Millionen stationäre Fälle. Als Dänemark hätten wir sogar nur zehn Millionen. Trotzdem nehmen Bundesländer bei der Krankenhausplanung an, dass die Demografie- und Ambulantisierungseffekte sich ausgleichen, der stationäre Gesamtbedarf also gleichbleibt. Da kommen die Zahlen vom WIdO gerade zur rechten Zeit. Es ist notwendig, stationäre Überversorgung als wichtiges Problem anzuerkennen sowie stationäre Überkapazitäten deutlich abzubauen. Versorgungsalternativen werden sich je nach Leistungsgruppe (LG) unterscheiden: Viele ambulant-sensitive Fälle der LG Allgemeine Innere Medizin oder Geriatrie wären in Level-Ii-Häusern zur Beobachtung viel besser aufgehoben, wenn es sie denn gäbe. Hybrid-DRGs werden die übrigbleibenden stationären Fälle in der LG Elektrophysiologische Untersuchung/Ablation schnell minimieren. Eine Ausweitung des Hybrid-DRG-Katalogs auf ophthalmologische und HNO-Operationen sowie Geburten ist überfällig."

Ambulantisierung muss medizinisch sinnvoll und verantwortungsvoll erfolgen

Foto: Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG):

„Die Behauptung von AOK und WIdO, 60 Prozent der 17,5 Millionen Krankenhausfälle ließen sich problemlos im niedergelassenen Bereich versorgen, ist realitätsfern. Selbst das nicht krankenhausnahe Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung kam lediglich auf rund 20 Prozent. Wer solche Fantasiezahlen in die Welt setzt, muss den Versicherten künftig erklären, warum sie eine „OP-to-go“ bekommen – unabhängig von Alter, Vorerkrankungen oder sozialer Situation. Und die Mitarbeitenden der Krankenkassen sollten dann auch bereitstehen, um diese Patientinnen und Patienten zu Hause nachzuversorgen. Ambulantisierung ist im Sinne der Patientinnen und Patienten – wenn sie medizinisch sinnvoll und verantwortungsvoll erfolgt. Reine Schreibtisch-Schätzungen aber scheitern an der Realität, etwa bei multimorbiden Menschen oder Alleinstehenden ohne Betreuung. Auf überzogene Prozentangaben, wie sie das WIdO jüngst vorgestellt hat, sollten wir daher künftig verzichten."

Illustration (farblich gehalten in lila): Aus der Vogelperspektive sind 5 Menschen in einem Raum zu sehen. Sie stehen um einen Sockel herum, auf dem ein Tablett mit der Aufschrift "Zusatznutzen" steht und in dessen Mitte liegt eine goldene Pille. Die Person links im Bild hat ein Preisschild in seiner Hand, auf dem ein Eurozeichen abgebildet ist. Von oben kommt ein Lichtkegel, der die Pille und das Tablett besonders hervorhebt.
Medikamente werden immer teurer und belasten die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Kostentreiber sind vor allem neue Medikamente, die nicht an feste Preisvorgaben gebunden sind. Welche Hürden die Arzneimittelbepreisung überwinden muss und welche konkreten Vorschläge es gibt, zeigt unsere neue G+G Story.
16.01.20262 Min

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.

Pressekonferenz

Vorstellung des neuen Public Health Index

Wo steht Deutschland beim Thema Prävention im internationalen Vergleich?