Nüchterne Politik für ein trinkfreudiges Land
Von der Werbung als Trinkkultur verbrämte Gewohnheiten begünstigen in Deutschland einen überdurchschnittlich hohen Alkoholkonsum. Wie sich gegensteuern lässt, zeigen europäische Vorbilder, die der neue Public Health Index identifiziert.
Ob Dry January oder Sober October – seit einigen Jahren gewinnen Initiativen an Popularität, die Menschen ermuntern, alkoholische Getränke wegzulassen. Sie kommen aus Großbritannien und Finnland und sind in den sozialen Medien inzwischen feste Rituale. „Auf individueller Ebene ist es durchaus sinnvoll, für eine gewisse Zeit auf Alkohol zu verzichten“, sagt die Alkohol- und Public-Health-Forscherin Dr. Carolin Kilian. Solche Aktionen könnten Menschen anregen, bewusster wahrzunehmen, wie sich der Körper verändert und welche Wirkung der Verzicht hat. Eine gesundheitsorientierte Alkoholpolitik ersetzen sie jedoch nicht, davon ist Kilian überzeugt.
Kilian forscht am Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit der Universität Süddänemark. Ihr Schwerpunkt ist die Alkohol-Epidemiologie und die Analyse gesundheitspolitischer Maßnahmen. Sie gehört zum Team von Expertinnen und Experten, das den Public Health Index (PHI) des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungszentrums entwickelt hat. Die PHI-Auswertung zeigt, dass Deutschland bei der Alkoholpolitik zu den Schlusslichtern im europäischen Vergleich zählt.
Gesundheitsrisiken sind erheblich
Wenn es um Alkohol geht, gehört Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin zu den Hochkonsumländern. Nach OECD-Daten belief sich der Pro-Kopf-Verbrauch 2022 bei über 15-Jährigen auf rund 10,6 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Damit liegt Deutschland über dem OECD-Durchschnitt, der zuletzt etwa 8,5 bis 8,6 Liter betragen hat. Für Kilian veranschaulicht das, dass alkoholbedingte Gesundheitsrisiken hierzulande weiterhin erheblich sind – trotz Präventionskampagnen und Abstinenzbewegungen.
Seit Langem liegen belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse vor, welche Maßnahmen den Alkoholkonsum einer Gesellschaft effektiv reduzieren. International gelten drei Hebel als besonders wirksam: höhere Steuern, eingeschränkte Verfügbarkeit und weniger Werbung. Die schädlichen Folgen des Alkoholkonsums für Gesellschaft, Gesundheitssystem und Wirtschaft seien ebenfalls längst bekannt, betont Expertin Kilian. Auch der Public Health Index weist darauf hin.
Trotzdem bleiben in Deutschland Potenziale einer gesundheitsorientierten Alkoholpolitik ungenutzt. Zwei Schritte ließen sich Kilian zufolge sofort umsetzen: eine deutliche Anhebung der Biersteuer und die Einführung einer Verbrauchssteuer auf Wein. Die rechtlichen Grundlagen existieren bereits. „Das wären sehr schnell und einfach umzusetzende Maßnahmen, die zudem effektiv wären, um Konsum und Folgeschäden zu reduzieren.“
Altersgrenzen für den Erwerb anheben
Beim Mindestalter für den Alkoholerwerb sieht die Expertin ebenfalls Handlungsbedarf: Die Anhebung auf einheitlich 18 oder sogar 20 Jahre könne kurzfristig große Erfolge bringen. „Alkoholunfälle und Verletzungen, die in der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen besonders häufig auftreten, könnten verhindert werden“, betont sie. Ein prominentes Beispiel seien die Alkoholvergiftungen, die durch eine solche Maßnahme weiter reduziert werden könnten.
Zwar zeigen die Daten des Statistischen Bundesamts seit einigen Jahren einen Rückgang bei akuten Alkoholvergiftungen unter Zehn- bis 19-Jährigen. 2022 wurden bundesweit 11.472 Fälle registriert, 2023 waren es 9.325. Trotz dieser Entwicklung ist die Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen jedoch nach wie vor am stärksten betroffen und macht den größten Teil der Fälle aus. Somit bleiben die Jugendlichen weiterhin eine besonders gefährdete Gruppe.
Werbeverbote sollten ausgeweitet werden
Der dritte Hebel, der laut Public-Health-Expertin Kilian nicht ausreichend genutzt wird, betrifft die Werbung. Aktuell gibt es in Deutschland lediglich ein Verbot von Alkoholwerbung in Kinos vor 18 Uhr und eine inhaltliche Einschränkung, dass sich Werbung nicht an Kinder und Jugendliche richten darf. Das reiche nicht, meint Kilian. Sinnvoll wäre ein Werbeverbot mindestens bis 21 Uhr, ausgeweitet auf Fernsehen und andere, auch digitale Medien. „Eine solche Gesetzesänderung ist aus meiner Sicht etwas, was kurzfristig erreicht werden könnte.“
Warum greift die Politik diese Maßnahmen nicht auf, obwohl die Evidenz eindeutig ist? Über die Frage lässt sich nur spekulieren. „Wissenschaftlich ist das schwer zu erforschen“, räumt die Expertin ein. Doch es sei „sehr wahrscheinlich, dass es eine starke Einflussnahme durch die Alkoholindustrie gibt, die kein Interesse daran hat, dass es eine stärkere Regulation von Alkohol gibt“. Der Vergleich mit skandinavischen Ländern sei hier aufschlussreich: „In Schweden gibt es ein Alkoholmonopol für den Einzelhandel. Das staatliche Unternehmen Systembolaget kontrolliert den Verkauf aller alkoholischen Getränke über 3,5 Volumenprozent. Es arbeitet mit klaren Vorgaben wie begrenzten Öffnungszeiten, Werbeverboten und einem Mindestverkaufsalter von 20 Jahren. Ziel ist dort nicht der Gewinn, sondern die Kontrolle des Konsums. In Dänemark, das eine starke Brauindustrie mit Konzernen wie Carlsberg hat, ist die Politik deutlich liberaler.“
Für Kilian zeigt dieser Vergleich, wie stark wirtschaftliche Interessen politische Entscheidungen prägen können. Ein weiterer Faktor sei, dass die Politik dem Thema bislang wenig Aufmerksamkeit schenke. „Es fehlt in Deutschland an einer Priorisierung der Alkoholthematik durch Politikerinnen und Politiker“, stellt die Wissenschaftlerin fest. Es gebe niemanden, der sich das Thema wirklich auf die Agenda schreibe – anders als etwa in Litauen, wo einzelne engagierte Politiker eine umfassende gesundheitsorientierte Alkoholpolitik ermöglichten.
Werbung prägt die Trinkkultur
Warum die Politik bei Alkoholmaßnahmen sehr zurückhaltend agiert, könnte auch am Narrativ liegen, dass strengere Regeln die deutsche Trinkkultur gefährden würden. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Sekt zu Silvester oder Bier auf dem Volksfest gelten vielen als Teil der eigenen Identität. Doch Kilian hält dagegen. Sie sagt, der Begriff Kultur führe in die Irre, weil er nahelege, Alkoholkonsum habe sich im Laufe der Zeit kaum verändert. Das stimme nicht. „Deutschland produziert seit Jahrhunderten Alkohol, doch die heutigen Rituale haben andere Wurzeln. Vieles, was heute als Trinkkultur gilt, ist durch Werbung geprägt. In der Werbung entstand das Bild vom Bier zum Feierabend, vom Wein zur Entspannung und vom Sekt zum Feiern.“
Dass Kultur sich verändern kann, zeigt die Geschichte des Tabakkonsums. Vor einigen Jahrzehnten wurde fast überall geraucht. Heute ist das anders. Der Wandel entstand nicht von selbst, sondern durch internationale Vorgaben, genauer durch das Rahmenübereinkommen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, das Deutschland im Jahr 2004 ratifiziert hat. „Für Alkohol gibt es nichts Vergleichbares“, so Kilian. Jedoch zeigt ein Blick nach Litauen, dass politische Entscheidungen viel bewegen können. Dort wurde ein ganzes Bündel an von der WHO empfohlenen Maßnahmen umgesetzt. Alkohol darf in Litauen seither nur zwischen 10 und 20 Uhr verkauft werden, sonntags sogar nur bis 15 Uhr. Das Mindestalter für den Kauf wurde auf 20 Jahre angehoben. Parallel wurden die Steuern auf Bier, Wein und Spirituosen teils mehr als verdoppelt. Werbung im Fernsehen, Radio, Print und online wurde nahezu vollständig abgeschafft. Die Reformen wirken bereits. Der Pro-Kopf-Konsum sank von über 14 Litern im Jahr 2007 auf unter zwölf Liter im Jahr 2019. Gleichzeitig ging die Gesamtsterblichkeit zurück.
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