Nach drei, vier Tagen Hitze gehören alle zur Risikogruppe

Hitze ist die größte gesundheitliche Bedrohung des Klimawandels. Der Bio- und Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis erklärt, wen sie trifft, warum Städte eine besondere Rolle spielen und welche Maßnahmen jetzt wirken.

Portraitbild Bio- und Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis

Herr Matzarakis, Sie beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Hitze auf den Menschen. Was kommt durch den Klimawandel auf uns zu?

Das Kennzeichen des Klimawandels ist der langfristige Anstieg der Lufttemperatur und die Zunahme von Wetterextremen. Eines dieser Extreme ist intensive Hitze, die häufiger auftritt beziehungsweise länger anhält. Ich habe meine erste wissenschaftliche Arbeit über die Hitzewelle 1987 in Griechenland geschrieben. Damals gab es allein dort 4.000 Tote. Seitdem hat sich viel getan, aber das Grundproblem ist geblieben und wird größer.

Wie definieren Sie Hitze oder eine Hitzewelle?

Man kann das meteorologisch definieren mit Lufttemperatur, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit und Sonnenstrahlung. Ich bevorzuge eine Definition, die sich an den Auswirkungen orientiert. Es gibt 65 Faktoren, die das Hitzeempfinden des Menschen beeinflussen. Viele Faktoren beziehungsweise Wirkungen können beschrieben werden durch die sogenannte gefühlte Temperatur. So sind 33 °C bei trockener Luft deutlich besser zu verkraften als 30 °C bei hoher Luftfeuchte, weil der Körper dann kaum noch Schweiß verdunsten kann und damit nicht abkühlen kann. Hinzu kommt: Hitze Ende April trifft uns unvorbereitet und ist daher gefährlicher als dieselbe Lufttemperatur im Juli.

„Die Temperaturdifferenz zwischen Stadt und Umland kann kurzfristig bis zu zehn Grad betragen.“

Welche Gesundheitsfolgen hat Hitze?

Zunächst Unwohlsein und nachlassende Leistungsfähigkeit. Wenn die Thermoregulation des Körpers überfordert wird, drohen Hitzschlag, Organversagen und im schlimmsten Fall der Tod. Gut belegt ist die erhöhte Sterblichkeit. Mich interessiert besonders der Schritt davor: die erhöhte Krankheitslast und die Leistungsminderung. Die treffen Menschen im Alltag und bei der Arbeit, lange bevor es zu medizinischen Notfällen kommt.

Wer ist besonders betroffen?

Ältere Menschen, Kranke, Kinder und Schwangere gelten als Risikogruppen. Hinzu kommen alle, die bei Hitze im Freien arbeiten, und Obdachlose. Dabei wird oft übersehen: Nach drei bis vier Tagen Hitze ohne ausreichende Abkühlung bei Nacht gehören wir alle zur Risikogruppe. Wer mehrere Nächte schlecht geschlafen hat, geht mit einem höheren Belastungsniveau in den nächsten Tag. Die Erholung fehlt. Das gilt für 25-Jährige genauso wie für 70-Jährige.

Warum weisen Sie besonders auf zeitversetzt auftretende gesundheitliche Folgen hin?

Raus aus der Sonne: Matzarakis rät, Hitzewarnungen zu abonnieren und ernst zu nehmen.

Das ist ein Punkt, der zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Viele Betroffene gehen nicht während der Hitzewelle zum Arzt, sondern erst danach. Manche Erkrankungen, etwa Nierenschäden, zeigen sich erst Tage oder Wochen später. Die Hitzewelle ist meteorologisch beendet, aber die Menschen und das Gesundheitssystem tragen noch nach. Das ist auch ein Appell an Medizinerinnen und Mediziner: Bitte denkt nicht nur an die akute Phase, sondern auch an das, was danach kommt.

Warum sind Menschen in Städten besonders belastet?

Die städtische Überwärmung ist kein Tagesphänomen, sondern vor allem eines der Nacht: Asphalt, Beton und Gebäude speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts ab. Die Lufttemperaturdifferenz zwischen Stadt und Umland kann dann kurzfristig bis zu zehn Grad betragen. Und da die Nacht die einzige Erholungsphase ist, trifft das besonders hart. Bis Ende des Jahrhunderts wird für Deutschland ein Lufttemperaturanstieg von rund drei Grad erwartet. Das entspricht dem, was Stadtbewohner schon heute im Vergleich zum Umland erleben.

Welche Rolle spielen dabei Grün- und Wasserflächen?

Grün- und Wasserflächen sind wichtig, aber keine Universallösung. Bäume spenden tagsüber Schatten, halten nachts aber auch Wärme unter ihren Kronen. Wasserflächen sind nachts wärmer als tagsüber. Beides kann, je nach Konstellation, sogar kontraproduktiv sein. Was wirklich hilft, ist eine kluge Kombination: Laubbäume mit hohem Stamm und breiter Krone für Tagesschatten, offene Flächen für nächtliche Abkühlung, Belüftungskorridore, Fassadenbegrünung und, wo nötig, auch künstliche Beschattung. Wichtig ist: Was im Norden funktioniert, muss im Süden nicht passen.

Wie funktioniert das Hitzewarnsystem in Deutschland?

Der Deutsche Wetterdienst warnt von Mai bis Anfang September, wenn eine gefühlte Temperatur von 32 °C über zwei Tage mit unzureichender Nachtabkühlung erreicht wird (Stufe I) oder wenn an einem Tag 38 °C gefühlte Temperatur (Stufe II) droht. Das System berücksichtigt nicht nur die Lufttemperatur, sondern auch Feuchte, Wind, Strahlung und die Situation in Innenräumen nachts. Es funktioniert und ist gut kommuniziert. Wichtig ist aber, dass die Warnungen auch ankommen, zum Beispiel in Pflegeheimen und bei älteren Menschen, die allein leben. Wer sich anmeldet, bekommt die Warnungen direkt per Newsletter oder App.

„Eine Warnung, die keiner kennt, nützt nichts.“

Prof. Dr. Andreas Matzarakis

Bio- und Umweltmeteorologe

Was kann jeder Einzelne akut und schnell tun?

2023 hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ein Poster mit sechs Punkten erarbeitet: Hitzewarnungen abonnieren und ernst nehmen, ausreichend trinken, die Wohnung kühl halten, indem man nur lüftet, wenn es draußen kühler ist als drinnen, Sonne meiden, körperliche Anstrengung in die frühen Morgen- oder Abendstunden verlegen und vor allem auf seine Mitmenschen achten.

Was muss mittel- bis langfristig passieren?

Kurzfristig greifen die sechs Verhaltenstipps und das Warnsystem. Mittelfristig brauchen wir Fortbildung auf allen Ebenen: vom Kindergarten bis ins Ministerium, mindestens einmal jährlich, damit Hitze dauerhaft auf der Agenda bleibt. Das kostet wenig und wirkt. Langfristig müssen wir Städte umbauen, Gebäude klimagerecht gestalten sowie Klimaschutz und Klimaanpassung zusammendenken. Der Unterschied ist wichtig: Klimaschutz, also CO2-Reduzierung, braucht 50 bis 60 Jahre, bis mandie Wirkung sieht. Klimaanpassung wirkt sofort. Wenn ich heute eine Warnung herausgebe und jemand bleibt zu Hause, hat das einen direkten Effekt.

Gibt es ein Musterbeispiel aus dem Ausland?

Wien macht das vorbildlich. Innerhalb von drei Monaten hat die Stadt einen vollständigen Hitzeaktionsplan erarbeitet, mit den vorhandenen Ressourcen und dem vorhandenen Personal. Das Besondere: Es ist kein Dokument, das in der Schublade landet. Vielmehr wird es jedes Jahr aktualisiert: Nach der Hitzewelle werden die Daten ausgewertet und der Plan wird im Winter überarbeitet, damit er im Frühling bereitliegt für die nächste Saison. Und wenn ich noch weiter schaue: Indien ist in diesem Bereich weit. Die haben Hitze als Naturkatastrophe deklariert und spezielle Aufnahmeräume für Hitzschlagpatienten eingerichtet.

Was möchten Sie abschließend besonders betonen?

Kommunikation und Wiederholung stehen an erster Stelle. Eine Warnung, die keiner kennt, nützt nichts. Wir brauchen Multiplikatoren, die Botschaften in die Fläche tragen. Die wirksamsten Maßnahmen kosten fast nichts: richtig lüften, Sonne meiden, auf andere achten.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Matzarakis ist Bio- und Umweltmeteorologe an der Universität Freiburg und ehemaliger Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes. Von 1996 bis 2014 leitete er die Kommission für Klima, Tourismus und Erholung der Internationalen Gesellschaft für Biometeorologie und war 2006 bis 2009 Vizepräsident der Gesellschaft. Von 2016 bis 2024 war er Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Medizin-Meteorologischen Forschung in Deutschland. Seine Forschungsinteressen liegen in der Human-Biometeorologie, Stadt- und Tourismusklimatologie sowie Klimafolgenforschung. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung von Modellen und Hilfsmitteln für die Angewandte Klimatologie und Biometeorologie.