Forsa-Umfrage: 87 Prozent der Ärztinnen und Ärzte wünschen sich eine bessere Berücksichtigung des Geschlechts in den Leitlinien
Reimann zum Tag der Frauengesundheit: Geschlechtsspezifische Aspekte müssen in Forschung, Lehre und Versorgung noch stärker in den Fokus rücken
Eine repräsentative forsa-Umfrage unter Ärztinnen und Ärzten zum Internationalen Tag der Frauengesundheit (28. Mai) im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zeigt, dass geschlechtsspezifische Inhalte nur eine unzureichende Rolle in der deutschen Medizin spielen – vom Studium, über Fortbildungen, bis hin zu medizinischen Leitlinien und Zulassungsstudien von Medikamenten. Von vielen Ärztinnen und Ärzten wird dies als Mangel empfunden, die Problem-Wahrnehmung geht zwischen Männern und Frauen allerdings zum Teil deutlich auseinander.
So gaben insgesamt 32 Prozent aller befragten Ärztinnen und Ärzte an, dass während des Medizin-Studiums „gar keine“ Inhalte dazu vermittelt wurden, dass sich Erkrankungen bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern können (weitere Antworten: „in gewissem Umfang vermittelt“: 29 Prozent; „nur beiläufig vermittelt“: 35 Prozent; „ausführlich vermittelt“: zwei Prozent). Von den Frauen gaben „gar nicht vermittelt“ allerdings 39 Prozent an, bei den Männern waren es nur 25 Prozent – bezogen auf dasselbe Studium (Abbildung 1). Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage, ob es im Berufsalltag schon einmal als Nachteil empfunden wurde, dass geschlechtsspezifische Medizin in den Studien-Curricula kaum auftaucht. 54 Prozent der Ärztinnen sagten „schon oft“ oder „manchmal“, aber nur 34 Prozent der männlichen Kollegen (Abbildung 2).
Auch in den Altersgruppen zeigen sich Unterschiede: So gaben weniger Ärztinnen und Ärzte unter 45 Jahren an, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Studium gar nicht vermittelt wurden (20 Prozent), bei den Befragten ab 55 Jahren sagten dies 45 Prozent.
„Frauengesundheit gerät zwar immer stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber um diese wirklich systematisch zu stärken, braucht es eine konsequente Verankerung von geschlechtsspezifischen Aspekten in Forschung, Lehre und Versorgung“, sagt die Vorstandsvorsitzende des AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. Und obwohl zwei Drittel der Medizinstudierenden Frauen sind, sind medizinische Führungspositionen weiterhin überwiegend mit Männern besetzt. „Wir brauchen also endlich Strukturen, die Gleichberechtigung innerhalb medizinischer Karrierepfade ermöglichen. Und solange wir das nicht erreicht haben, müssen sich schon jetzt Männer, vor allem solche in Schlüsselpositionen, für Frauengesundheit stark machen.“
Ärzteschaft wünscht sich Anpassung der Leitlinien
Eine hohe Zustimmung sowohl von Ärzten als auch von den Ärztinnen gibt es allerdings bei der Frage, ob geschlechtsspezifische Aspekte stärker in den medizinischen Leitlinien werden definiert als systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für Ärzte und Patienten, die eine… berücksichtigt werden sollten. 87 Prozent der Befragten wünschen sich dies (Frauen: 92 Prozent; Männer 82 Prozent; Abbildung 3). Leitlinien sind wissenschaftlich fundierte Entscheidungshilfen für medizinisches Personal. Orientierung zum Thema ließe sich auch über Fortbildungen erreichen, zumal Ärztinnen und Ärzte zu einer regelmäßigen Teilnahme verpflichtet sind. Allerdings hat der Umfrage zufolge mit 67 Prozent eine deutliche Mehrheit noch nie eine Fortbildung zur unterschiedlichen Behandlung von Männern und Frauen besucht. Als Gründe dafür wurden ein Mangel an Angeboten angegeben (44 Prozent), 38 Prozent sehen keine Relevanz für ihr Fachgebiet, für 29 Prozent sind andere Themen wichtiger (Abbildung 4).
Konsens beim Thema Zulassungsstudien von Medikamenten
Ein breites Problembewusstsein in der Ärzteschaft besteht bei Zulassungsstudien von Arzneimitteln. In Deutschland gibt es keine Verpflichtung dazu, Frauen entsprechend ihres Anteils an Erkrankten in frühen Studienphasen, in denen es um Dosierungen und Toxizität geht, einzuschließen und die Ergebnisse geschlechtsspezifisch auszuwerten. Auch für sogenannte Phase-3-Studien, bei denen es um Sicherheit und Wirksamkeitstests an einer großen Personen-Gruppe geht, fehlt die Verpflichtung. 81 Prozent der Ärzteschaft findet dies sehr oder eher problematisch (Abbildung 5). Reimann: „Hier ist die Politik gefragt. Wir brauchen dringend eine bessere Datengrundlage in der Forschung. Studien sollten geschlechtsspezifisch ausgewertet werden, um Nebenwirkungen von Arzneimitteln bei Frauen und Männern zu minimieren. Dabei geht es nicht um kleine Unannehmlichkeiten, sondern um teils ernsthafte, dauerhafte Folgeschäden, die entstehen, weil Geschlechtsunterschiede bei der Zulassung Die Berechtigung, zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) Leistungen zu erbringen, setzt… von Medikamenten unzureichend untersucht werden. Dass Frauen nicht einfach nur kleine Männer sind, muss endlich angemessen berücksichtig werden.“
forsa-Umfrage im Zeitraum vom 24. April bis zum 5. Mai 2026 unter 505 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland. Die Stichprobenergebnisse wurden nach Alter und Geschlecht sowie Arztgruppen gewichtet und sind repräsentativ für die Ärzteschaft in Deutschland.