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Neues Versorgungsprogramm der AOK Nordost zur chronischen Niereninsuffizienz

Damit die Nieren nicht versagen

Potsdam, 28. Juni 2018. Etwa 120.000 Versicherte der AOK Nordost leiden an einer Niereninsuffizienz, rund 4.200 davon benötigen eine Dialyse. Die AOK Nordost hat deshalb für ihre Versicherten ein neues Programm entwickelt. Es soll sowohl die Vorsorge als auch die Versorgung bei einer chronischen Niereninsuffizienz verbessern. Dazu hat die Gesundheitskasse entsprechende Verträge mit großen Organisationen* geschlossen, in denen mehrere nephrologische Praxen organisiert sind.

„Die chronische Niereninsuffizienz entwickelt sich in der Regel schleichend und läuft anfangs auch ohne Symptome beziehungsweise Beschwerden ab. Erst wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist, machen sich für den Patienten schwerwiegende Krankheitszeichen bemerkbar“, erläutert Dr. Til Leimbach, Leitender Arzt und Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie am „KfH-Nierenzentrum Berlin-Köpenick“ in Kooperation mit den „DRK-Kliniken Berlin Köpenick“. Besonders gefährdet sind Patienten, die an Diabetes mellitus und gleichzeitig Bluthochdruck leiden.

Typische Symptome einer bereits fortgeschrittenen Nierenschwäche sind laut Dr. Leimbach beispielsweise Wassereinlagerungen in Beinen und Lunge, Veränderungen der Knochensubstanz, Muskelschwäche oder Anämie. „Das Problem ist: Da die Patienten lange keine Beschwerden spüren, gehen sie auch nicht zum Arzt. In der Folge wird die Erkrankung oft zu spät erkannt und ist dann nur noch schwer aufzuhalten“, erläutert der Nephrologe.

* KfH Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e. V., Nephroservice GmbH, MVZ Verbund in MV, Nephrocare Deutschland GmbH (voraussichtlicher Vertragsstart im Juli)  

Jährliches Screening auf chronische Niereninsuffizienz

Hinzu kommt: Nur rund 23 Prozent der AOK Nordost-Versicherten, bei denen bereits eine Niereninsuffizienz diagnostiziert wurde, befinden sich in fachärztlicher Behandlung. Dabei belegt eine aktuelle wissenschaftliche Studie, dass durch die rechtzeitige fachärztliche Mitbehandlung das Fortschreiten der Niereninsuffizienz verlangsamt wird und das Erkrankungsstadium deutlich länger stabil bleibt.

„Und genau hier setzen wir an“, so Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost. „In dem neuen Versorgungsprogramm der AOK Nordost werden Risikopatienten von ihrem Hausarzt oder Diabetologen einmal jährlich auf das Vorliegen einer chronischen Niereninsuffizienz untersucht. Ist das Ergebnis auffällig, überweist der behandelnde Arzt umgehend an einen Nierenfacharzt, der dann die weitere Diagnostik und Behandlung übernimmt.“

Auch ein Zweitmeinungsverfahren vor Dialysebeginn und die regelmäßige Überprüfung der Arzneimitteltherapie auf Basis eines qualitätsgesicherten softwaregestützten Medikationschecks sind Bestandteil des Programms. „Wir haben festgestellt, dass viele unserer betroffenen Versicherten Medikamente erhalten, die die Nierenfunktion noch zusätzlich beeinträchtigen. Insbesondere bei denen, die viele verschiedene Medikamente nehmen, ist es schwierig, deren Wechselwirkungen zu überblicken“, erklärt Stoff-Ahnis.

Zahlen, Daten, Fakten

• Rund 120.000 Versicherte der AOK Nordost leiden an einer Niereninsuffizienz – davon ca. 36.000 in Berlin, 54.000 in Brandenburg und 30.000 in Mecklenburg-Vorpommern.

• Rund 4.200 von diesen 120.000 Versicherten benötigen eine Dialyse (Blutwäsche) – davon je rund 1.400 in jedem einzelnen Bundesland.

• Besonders betroffen sind ältere Versicherte ab ca. 70 Jahren, aber die Nierenfunktion kann auch schon früher nachlassen. So war 2016 der jüngste dialysepflichtige AOK Nordost-Versicherte erst 22 Jahre alt.

• Allein in Deutschland gibt es gegenwärtig ca. 75.000 Patienten, die eine Dialyse benötigen, weil die Nierenfunktion sehr stark eingeschränkt ist.

• Die Dialyse (griechisch für ‚Auflösung‘, ‚Loslösung‘, ‚Trennung‘) ist ein Blutreinigungsverfahren, das bei Nierenversagen zum Einsatz kommt. Mithilfe der Dialyse werden Abfallstoffe und Flüssigkeiten aus dem Körper ausgeschieden, zu deren Ausscheidung die Nieren selbst nicht mehr in der Lage sind. Eine Dialyse soll außerdem den Organismus im Gleichgewicht halten, indem die Konzentrationen unterschiedlicher Giftstoffe im Blut korrigiert werden.

• Die Nieren sind lebenswichtige Organe. Sie filtern das Blut und regulieren den Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt des Körpers. Eine Beeinträchtigung der Nierenfunktion beeinflusst deshalb eine Vielzahl von Vorgängen im Körper.

Interview mit Nierenfacharzt Dr. med. Til Leimbach

Die chronische Niereninsuffizienz wird von Betroffenen oft zu spät wahrgenommen, da sie anfangs ohne Symptome verläuft. Wie sie entsteht, was das für die Patienten bedeutet und wie sie verhindert werden kann, erklärt der Nierenfacharzt Dr. med. Til Leimbach im Interview.

In der Niere befinden sich sogenannte Nierenkörperchen, kleine kugelförmige Funktionseinheiten. Sie filtern das Blut: Wasserlösliche Giftstoffe werden von ihnen herausgefiltert und können über den Urin ausgeschieden werden. Für den Körper nützliche Stoffe werden von ihnen zurückgehalten oder über die Niere zurückgewonnen. Je mehr Nierenkörperchen der Mensch hat, umso besser arbeitet seine Niere. Mit zunehmendem Alter nimmt die Anzahl dieser kleinen Funktionseinheiten grundsätzlich ab.

Es gibt aber Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Bluthochdruck, die diesen Prozess gefährlich beschleunigen. Diese Erkrankungen üben konstanten Stress auf die Nierenkörperchen aus und zerstören sie nach und nach. Und Nierenkörperchen wachsen nicht nach. Das Heimtückische an der Krankheit ist, dass die Betroffenen lange Zeit gar nichts merken und sich deshalb zu spät in fachärztliche Behandlung begeben. Aber nur eine spezialisierte fachärztliche Behandlung kann diesen Prozess der nachlassenden Nierenfunktion frühzeitig erkennen und gegebenenfalls auch unterbrechen.

Im schlimmsten Fall endet diese Krankheit irgendwann in der Dialyse, der sogenannten Blutwäsche. Die Patienten müssen dafür bis an ihr Lebensende drei Mal in der Woche je vier Stunden in ein Nierenzentrum oder eine spezialisierte Praxis. Daneben heißt es für sie, strengste Diät halten. Der Körper darf zum Beispiel nur noch ein Minimum an Flüssigkeit zugeführt bekommen. Da kann schon eine Gurke zu viel sein.

Hinzu kommen die anderen Begleiterscheinungen, die die Krankheit nach und nach mit sich bringt: ständige Müdigkeit, Abgeschlagenheit, eine spürbar verringerte Leistungsfähigkeit, Knochenschmerzen. Der Stoffwechsel insgesamt ist stark beeinträchtigt, neben vermehrten Übelkeitsattacken kommt es zu Kalkablagerungen, Gefäßerkrankungen, Muskelschwund oder auch lebensbedrohlichen Herz-Rhythmus-Störungen. Ich habe Patienten gehabt, die gesagt haben: „Ich möchte so nicht mehr weiter machen“. Sie haben die Therapie dann abgebrochen im klaren Bewusstsein, dass ihre Überlebenschance ohne Dialyse bei sieben bis zehn Tagen lag. Deshalb ist jedes Jahr, jeder Monat, den wir diesen Prozess aufhalten können, ein Geschenk für die Betroffenen.

Wie bei fast allen Krankheiten kann man auch der chronischen Niereninsuffizienz mit einem gesunden Lebensstil vorbeugen. Zu wenig Bewegung, Übergewicht und übermäßiger Alkoholkonsum wirken sich negativ aus. Rauchen erhöht das Risiko sogar um hundert Prozent. Ein bereits bestehender Diabetes mellitus oder Bluthochdruck muss optimal eingestellt sein. Patienten sollten also unbedingt die Medikamente so einnehmen, wie sie der Arzt verordnet hat.

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  • Dr. med. Til Leimbach (Quelle: privat)

Pressekontakt

AOK Nordost – Die Gesundheitskasse
Matthias Gabriel
Pressesprecher
Telefon: 0800 265 080 - 22202
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