Deutschland braucht eine Präventionsstrategie
Angesichts einer hohen Krankheitslast im Alter und damit verbundener volkswirtschaftlicher Kosten braucht Deutschland eine Gesundheitspolitik, in der das Thema Prävention einen deutlich höheren Stellenwert bekommt. Das mahnt der Aufsichtsrat des AOK-Bundesverbandes an. Den verstärkten Ausbau von Präventionsangeboten sehen die Selbstverwalter des AOK-Bundesverbandes in erster Linie als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Angesichts größer werdender Defizite in der gesetzlichen Krankenversicherung dreht sich die politische Debatte immer noch viel zu häufig um Sparmodelle oder mögliche Leistungseinsparungen. Die Frage, wie sich die Krankheitslast in Deutschland strukturell und kostengünstig reduzieren ließe, erhalte hingegen deutlich weniger Aufmerksamkeit, kritisiert der Aufsichtsrat des AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Bundesverbandes. Dabei zeigten internationale Daten, dass Tabakkonsum, ungesunde Ernährung, riskanter Alkoholkonsum und Bewegungsmangel für einen Großteil der vermeidbaren Erkrankungen verantwortlich seien. Und dass deren Behandlung das Gesundheitssystem viel Geld koste.
Dies wurde auch auf dem 1. Deutschen Präventionsgipfel deutlich, den der AOK-Bundesverband Anfang März veranstaltet hat. So hatte dort der Direktor für Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… und Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… in Europa bei der Weltgesundheitsorganisation Die WHO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die als Koordinationsbehörde der… (WHO), Gundo Aurel, deutlich gemacht, wie hoch das ungenutzte Präventionspotenzial in Deutschland ist. Alkohol, Tabak, Zucker, Salz, Fett und Luftverschmutzung seien die größten gesundheitlichen Risikofaktoren. Durch eine spürbare Senkung etwa des Alkohol- und Tabakkonsums „könnte Deutschland die Zahl jährlicher Krebserkrankungen um 63.000 Fälle senken und direkte Einsparungen im Gesundheitssystem von elf Milliarden Euro erzielen“, so der WHO-Experte. Damit lägen die möglichen jährlichen Einsparungen durch wirksame Prävention in einer Größenordnung des für 2027 prognostizierten GKV-Finanzlochs.
Mehr gesunde Lebensjahre
„Wir müssen das Thema Prävention priorisieren. Das gäbe vielen Bürgerinnen und Bürgern die Chance auf mehr gesunde Lebensjahre und gleichzeitig könnten bei konsequenter Ausgestaltung auch die Behandlungskosten sinken und zur Stabilisierung des Gesundheitssystems einen Beitrag leisten“, sagt Susanne Wagenmann, die als alternierende Vorsitzende die Arbeitgeberseite im Aufsichtsrat des AOK-Bundesverbands vertritt. „Ganz oben auf der politischen Agenda sollte meiner Meinung nach das Thema Gesundheitskompetenz stehen. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auch gute Gesundheitsentscheidungen treffen“, so Wagenmann weiter. Doch neben dem individuellen Verhalten müssten auch die Verhältnisse insgesamt in den Blick genommen werden. Wagenmann sieht insbesondere in der Förderung der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) einen Hebel. „Ein Bürokratieabbau durch vereinfachte Nachweise sowie steuerliche Anreize könnten die Betriebe ermutigen, das BGF-Angebot deutlich auszubauen. So ließen sich auf einfache Weise viele Menschen dort erreichen, wo sie sich jeden Tag sowieso schon aufhalten.“ Da insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) oft nicht die personellen Ressourcen für BGF hätten, bräuchten diese Betriebe einen einfachen Zugang zu einer Beratung, wie sich niedrigschwellige und praxisnahe Präventionsangebote aufwandsarm umsetzen lassen.
Es geht um mehr als Eigenverantwortung
Auch Lutz Schäffer, Versichertenvertreter im Verwaltungsrat der AOK NordWest und ab 1. April alternierender Aufsichtsratsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, hat klare Vorstellungen, wie eine Präventionswende gelingen kann. „Der Blick auf Prävention ist auf der politischen Ebene noch viel zu eingeengt. Das Verhindern und Verzögern von Erkrankungen ist mehr als nur eine Frage des individuellen Lebensstils und der Eigenverantwortung. Prävention muss ganzheitlich gedacht werden. Wir müssen deshalb den Weg einschlagen, den schon viele andere Staaten gehen und endlich ‚Health in All Policies‘ umsetzen – also das Thema Gesundheit in allen Politikbereichen verankern.“ Ein zentraler Ansatzpunkt für Schäffer ist die Aufklärung über ungesunde Ernährung. Es müsse noch viel mehr als bisher deutlich gemacht werden, wie ungesund viele der Lebensmittel sind, die wir täglich zu uns nehmen – von unnötigen Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern in Fertigmahlzeiten bis hin zu als gesund beworbenen Produkten wie Müsliriegeln oder Frühstücksflocken, die zu viel Zucker enthalten. „Präventionsverhalten fängt spätestens im Kindergarten an und muss konsequent durch das gesamte Bildungssystem fortgesetzt werden. Hierzu gehört zum einen, die Eltern der Kinder viel stärker in die Präventionsangebote einzubeziehen, und zum anderen, dass in KiTas und Schulen auch wirklich gesundes Essen angeboten wird, das bezahlbar ist“, so Schäffer weiter. Nicht zuletzt müsse in das Angebot der Betrieblichen Gesundheitsförderung auch die Aufklärung eingebettet werden, welche Gefährdungen bei der Arbeit entstehen. An dieser Stelle wären neben den Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… aber vor allem die Berufsgenossenschaften gefordert.
Gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Einig sind sich die beiden Aufsichtsratsvorsitzenden darin, dass der konsequente Ausbau von Prävention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und nicht allein von den gesetzlichen Krankenkassen organisiert und bezahlt werden kann und darf. „Wir brauchen eine Politikwende. Prävention muss neu gedacht und auf mehr Schultern verteilt werden“, ist sich Schäffer sicher. Und Wagenmann ergänzt: „Mit einer zielgerichteten Prävention können wir wirklich viel für die Menschen erreichen – und dabei bei der richtigen Ausgestaltung langfristig auch die Kosten im Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… reduzieren.“
Während die Politik das Thema Prävention bislang nur stiefmütterlich behandelt, engagiert sich die AOK-Gemeinschaft schon seit Jahren in diesem Bereich besonders stark. So bietet die Gesundheitskasse etwa in der Lebenswelt (Setting bezeichnet im Bereich der Gesundheitsförderung Lebensbereiche, in denen Menschen einen großen Teil… ) „KiTa“ Präventionsprogramme wie JolinchenKids an, die Themen wie Ernährung, Bewegung oder seelisches Wohlbefinden auf spielerische Weise in den KiTa-Alltag integrieren. Für die Zielgruppe der Grundschulkinder werden ähnliche Themen mit dem Kindertheater „Henrietta“ altersgerecht aufbereitet. Und mit dem Schulwettbewerb „Be Smart – Don’t Start“ erreicht die AOK vor allem Jugendliche, die sie frühzeitig dazu motiviert, mit dem Rauchen erst gar nicht anzufangen. In der Lebenswelt „Arbeitsplatz“ ist die AOK bei der Betrieblichen Gesundheitsförderung Partner zahlreicher Unternehmen. Für die Mitarbeitenden ist das besonders aufwandsarm, sie können während der Arbeitszeit ohne lange Wege mit verschiedenen Bewegungs- und Entspannungsangeboten etwas für ihre Gesundheit tun oder an einem der beliebten Nichtraucherkurse teilnehmen. Kooperationen mit verschiedenen regionalen Partnern auf kommunaler Ebene sind ein weiterer wichtiger Ansatz der AOK-Gemeinschaft, das Thema Gesundheit in der Lebenswelt der Menschen anzubieten und zu verankern.