Das Telenotarztsystem – die Zukunft der Notfallversorgung
Seit Jahren steigt die Zahl der Rettungseinsätze an. Thüringen hat als erstes Bundesland ein landesweites Tele-Notarztsystem in Betrieb genommen. Im sächsischen Leipzig wird das System getestet. Telenotärzte können digital schnell am Patienten sein und Rettungskräfte vor Ort unterstützen. Ziel ist es, das Rettungswesen zu entlasten und zu optimieren, sodass Patientinnen und Patienten die Hilfe bekommen, die sie benötigen. Denn nicht jeder Fall verlangt einen Arzt vor Ort.
Bundesweit ist die Zahl der Rettungsdiensteinsätze kontinuierlich angestiegen. Die Gründe sind vielschichtig: Unsere Gesellschaft wird älter und benötigt häufiger medizinische Hilfe. Hinzu kommt, dass immer noch zu viele Menschen die 112 wählen, obwohl kein lebensbedrohlicher Notfall vorliegt. Bei solchen Bagatell- oder „niedrigprioritären“ Fällen sind die Hausärztin oder der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst die richtige Anlaufstelle.
Thüringen setzt bundesweit Maßstäbe
Als erstes Bundesland hat Thüringen am 4. Mai 2026 ein landesweites Telenotarztsystem in Betrieb genommen. Die AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… PLUS hat die Entwicklung und Umsetzung des Projekts gemeinsam mit weiteren gesetzlichen Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… aktiv begleitet und unterstützt.
Mit dem Telenotarztsystem sollen Rettungsmittel nachhaltig bedarfsgerecht eingesetzt werden. Heißt konkret: Sie werden so gesteuert, dass alle, die einen Rettungswagen und Notarzt brauchen, schnell Hilfe bekommen und optimal versorgt werden.
In Thüringen ist die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen für die notärztliche Versorgung im Freistaat zuständig - und damit auch für die Telenotärzte. Alle Fäden laufen in Weimar zusammen. Dort wurden Arbeitsplätze für die Telenotärzte oder -ärztinnen eingerichtet, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz sind. Vermittelt werden sie von den Leitstellen. Die Telenotärztinnen unterstützen, beraten und leiten die Notfallsanitäter im Einsatz per Videoschalte an. Nicht bei allen Notrufen wird also automatisch eine Notfallmedizinerin vor Ort eingesetzt. Sollte es dennoch erforderlich sein, kann diese jederzeit an den Einsatzort nachgefordert werden. Insgesamt 75 Telenotärzte wurden in Thüringen bisher geschult und die Rettungswagen mit der benötigten Technik ausgestattet. Die telenotärztliche Unterstützung kann insbesondere in den Regionen genutzt werden, in denen die Wege für den Rettungsdienst in das nächste Krankenhaus Krankenhäuser sind Einrichtungen der stationären Versorgung, deren Kern die Akut- beziehungsweise… weiter sind. Für schwerwiegende Notfälle, wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle, ist die Präsenz der Notärzte weiter unerlässlich.
Bereits im Jahr 2018 begann die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen die Digitalisierung im Notarztdienst. Ein erster Schritt bestand darin, auf die elektronische Erfassung des Notarztprotokolls umzustellen. So konnte man erstmalig landesweit einheitliche Daten der Notarzteinsätze sammeln. Im Jahr 2023 wurden die Telenotärzte schließlich im Thüringer Rettungsdienstgesetz als ergänzende Leistung verankert. Ab September 2025 begann man das System schrittweise in den einzelnen Regionen umzusetzen. Zuletzt werden noch die Stadt Erfurt und der Landkreis Schmalkalden-Meiningen an das System angeschlossen. Sabine Zintl, bei der AOK PLUS zuständig für Verträge im Rettungsdienst, sieht die Umsetzung als großen Erfolg: „Das Telenotarztsystem in Thüringen ist ein sehr gutes Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit der Beteiligten im Rettungsdienst.“
Das Telenotarztsystem wird seit dem Start wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. So können stetig Anpassungen vorgenommen werden, um die Patientenversorgung weiter zu verbessern. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: Im April 2026 wurden rund 160 telenotärztliche Einsätze durchgeführt, Tendenz steigend. In vielen Fällen konnten Patientinnen und Patienten durch den Rettungsdienst direkt versorgt werden, so dass ein Krankenhausaufenthalt nicht notwendig wurde.
„Die Telenotärzte bedeuten eine echte Versorgungsverbesserung für die Menschen in Thüringen, die im Notfall auf die Leistung des Rettungsdienstes angewiesen sind.“
Themenleiterin Verträge Rettungsdienst/Fahrtkosten
Leipzig testet das System Telenotarzt
Auch in Leipzig stieg der Anteil „niedrigprioritärer Einsätze“ stark an und band Rettungsteams, die dann für lebensbedrohlich erkrankte oder verletzte Patientinnen und Patienten nur zeitverzögert zur Verfügung standen. Über die Jahre wurde die Zahl der Rettungsfahrzeuge kontinuierlich erhöht. Eine langfristige Lösung zur Verbesserung des Rettungssystems ist dies nicht. Zum einen fallen hohe Beschaffungs- und Unterhaltungskosten an, zum anderen fehlen Fachkräfte, um die Fahrzeuge zu besetzen.
Mit der „Telemedizinischen Einsatzunterstützung“ hat die Stadt Leipzig im Oktober 2025 ein sachsenweit einzigartiges Projekt gestartet. Angelegt ist es auf zweieinhalb Jahre. Überhaupt erst möglich wurde das Projekt, als die Experimentierklausel zur Erprobung neuer notfallmedizinischer Versorgungsformen ins sächsische Rettungsdienstgesetz implementiert wurde – auch dank des jahrelangen Engagements der AOK PLUS.
In der Integrierten Regionalleitstelle in Leipzig gibt es nun einen Telenotarzt oder eine Telenotärztin, welche die Einsätze aus der Ferne unterstützen – genau wie in Thüringen. Als weitere Versorgungskomponente werden in Leipzig besonders geschulte Notfallsanitäter als sogenannte Einsatz-Sichter eingesetzt. Sie übernehmen die Versorgung gezielt dort, wo weder ein Notarzt noch ein anderes Rettungsmittel benötigt wird, weil voraussichtlich kein Transport nötig ist. Sie behandeln die Menschen vor Ort und klären auf bzw. beraten über geeignete Versorgungsangebote.
„Ein solcher Einsatz-Sichter übernimmt die Vermittlung von Gesundheitskompetenz – denn oft fehlt das Wissen, wo man sich in bestimmten Fällen hinwenden kann. So soll das Rettungssystem entlastet werden.“
Verhandlerin Rettungsdienst bei der AOK PLUS
Ein weiterer Ansatzpunkt zur Vermeidung unnötiger Notarzteinsätze ist der vorbeugende Rettungsdienst. Hier werden gezielt solche Patientinnen und Patienten aufgesucht, die immer wieder den Notruf wählen, ohne dass ein richtiger Notfall In Notfällen gewährleistet der Rettungsdienst lebensrettende Maßnahmen und den Transport kranker und… vorliegt. Man nennt sie “Frequent User”. Recherchen in Leipzig ergaben, dass 9 solcher Personen in einem Zeitraum von eineinhalb Jahren insgesamt 400 Rettungseinsätze ausgelöst haben.
Das Projekt zeigt bereits Wirkung: Seit dem Start des Projekts im Oktober 2025 wurden 1.033 Telenotarzteinsätze durchgeführt. Nur in etwa 2 Prozent der Fälle musste nach Kontakt mit dem Telenotarzt ein Mediziner an den Einsatzort nachgefordert werden. Durch die verbesserte Steuerung konnte die Zahl der Einsätze, bei denen ein Rettungsmediziner vor Ort benötigte wird, im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum ersten Quartal 2025 bereits um 36 Prozent reduziert werden.
Die sächsischen Krankenkassen finanzieren den Rettungsdienst und auch das Projekt in Leipzig mit einem Kostenvolumen von 7,45 Mio. Euro gemeinsam. Den größten Teil trägt die AOK PLUS als Marktführer in Sachsen und Thüringen. Andrea Mai, ist überzeugt vom Einsatz der Telemedizin im Rettungswesen: „Wir müssen neue Wege gehen. Und das machen wir. Mit diesem Projekt sind wir der Reform der Notfallversorgung schon einen Schritt voraus. Wir sind gut gewappnet, sollte die Telemedizin im sächsischen Rettungswesen gesetzlich verankert werden.“