Selbstbestimmt leben trotz Pflegebedürftigkeit
Es ist der Wunsch vieler Menschen, bis ins hohe Alter mobil und möglichst selbstständig zu bleiben. Genau hier setzt das Projekt „SGB Reha“ der AOK Rheinland/Hamburg an: Mit der „Präventionspflege" werden therapeutisch-rehabilitative Maßnahmen fest in den Pflegealltag integriert.
Die Lebensqualität wieder zu steigern – das wünschen sich viele pflegebedürftige Menschen. Doch oft fehlt dafür die nötige Kraft: Wege fallen schwer, Handgriffe gelingen nicht mehr, der Alltag wird zur Herausforderung. Therapeutisch-rehabilitative Maßnahmen können hier ansetzen. Sie bringen Bewegung zurück, trainieren Sicherheit und stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. So helfen sie Menschen auch im Alter ein selbstbestimmtes Leben zu führen und die Lebensqualität zu erhöhen.
Ziel:
Erhalt und Förderung von Gesundheit, Mobilität und Lebensqualität von Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohnern durch Präventionspflege.
Träger:
AOK Rheinland/Hamburg in Zusammenarbeit mit elf Pflegeeinrichtungen in NRW und Hamburg.
Zielgruppe:
Pflegebedürftige Menschen sowie Pflegekräfte und An- und Zugehörige.
Ansatz:
Bedarfsorientierte Versorgungspläne, multiprofessionelle Fallbesprechungen und zusätzliche Therapieangebote über die Regelversorgung hinaus.
Umsetzung:
Monatliches Pro-Kopf-Budget, erweiterte Therapieangebote und zentrale Koordination durch speziell geschulte Pflegefachkräfte.
Mehrwert:
Schließt Versorgungslücken zwischen Pflege und Rehabilitation und liefert Impulse für die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung.
Pflegebedürftigkeit soll abgemildert werden
Das Konzept einer therapeutisch ausgerichteten Pflege ist nicht neu. Seit Jahren setzt sich die AOK-Gemeinschaft dafür ein, präventive und rehabilitative Maßnahmen ins Zentrum einer zukunftsfähigen Pflege zu rücken. Indem die Ressourcen der Pflegebedürftigen gezielt gefördert werden, kann das Fortschreiten der Pflegebedürftigkeit verzögert oder abgemildert werden.
Dass diese Haltung mehr ist als ein programmatischer Anspruch, zeigt die AOK Rheinland/Hamburg mit ihrem Vorhaben „SGB Reha“, das seit Juli 2022 mit rund 5,6 Millionen Euro vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert wird.
Im Rahmen des Projekts erprobt die AOK Rheinland/Hamburg in zwölf Pflegeeinrichtungen im Rheinland, in Hamburg sowie in Wadersloh-Diestedde, wie ein therapeutisch‑rehabilitativer Pflegeansatz im Versorgungsalltag verankert werden kann: mit multiprofessionellen Fallkonferenzen, individuellen Versorgungsplänen, mehr Bewegung und Aktivierung sowie systematischen Medikationsüberprüfungen. Das Ziel: Alltagsfähigkeiten stärken, die Lebensqualität zu erhöhen und – in Einzelfällen - die Rückkehr in die eigene Häuslichkeit wieder zur Option zu machen.
Die AOK Rheinland/Hamburg leitet das Projekt, das von der Medizinischen Hochschule Brandenburg und der Universität Potsdam wissenschaftlich begleitet wird. Ausgangspunkt war ein bereits erprobtes Modell in den Häusern Ruhrgarten und Ruhrblick der Evangelischen Altenhilfe in Mülheim an der Ruhr, das systematisch auf weitere Pflegeeinrichtungen im städtischen und ländlichen Raum übertragen wurde – mit positiven Effekten für alle Beteiligten.
Multiprofessionalität und therapeutische Impulse als Erfolgsfaktoren
„SGB Reha“ steht für „sektorenübergreifende gerontopsychiatrische Behandlung und Rehabilitation in Pflegeheimen“. In den teilnehmenden Einrichtungen werden multiprofessionelle Fallbesprechungen durchgeführt, in denen - anknüpfend an der persönlichen Motivation der Pflegebedürftigen - individuelle Ziele vereinbart werden. Bedarfsorientierte therapeutische Angebote sind fester Bestandteil der Versorgung und werden im Pflege- und Betreuungsalltag fortgeführt.
Zum Konzept gehören auch eine systematische Überprüfung und ggf. Anpassung der Medikation. Ziel ist es, Polypharmazie zu reduzieren und Wechselwirkungen zu vermeiden. So sollen Pflegebedürftige ihre Fähigkeiten erhalten oder sogar verbessern können – etwa im Hinblick auf Mobilität oder Alltagskompetenzen.
Eine Versorgungslücke schließen
Auch bei bestehender Pflegebedürftigkeit gibt es auf individueller Ebene häufig ungenutzte Potenziale für Prävention und Rehabilitation. Im derzeitigen deutschen Pflegesystem, das sich stark an Defiziten orientiert, werden diese Potenziale jedoch oft nicht systematisch erkannt oder gefördert.
Indem therapeutische Maßnahmen wie etwa aus der Physio- und Ergotherapie sowie aus der Musik- und Kunsttherapie niedrigschwellig in den Pflegealltag integriert werden, wird die Lücke zwischen aktivierender Pflege und klassischer Rehabilitation geschlossen.
Perspektiven für die Pflege insgesamt
Der Ansatz der Präventionspflege lässt sich nicht nur in der Region Rheinland/Hamburg umsetzen, sondern bietet Potenzial für das gesamte Pflegesystem in Deutschland. Prävention gewinnt in einer alternden Gesellschaft zunehmend an Bedeutung: Sie kann dazu beitragen, Erkrankungen zu vermeiden oder hinauszuzögern und die Progression von Pflegebedürftigkeit möglichst lange aufzuhalten. Das entlastet langfristig die Soziale Pflegeversicherung (SPV), die angesichts steigender Pflegezahlen, des Fachkräftemangels und belastender Arbeitsbedingungen vor großen Herausforderungen steht.
Zugleich stärkt der Ansatz die Attraktivität des Pflegeberufs: Wenn Pflege aktiv an der Gestaltung von Versorgung beteiligt ist, wird ihre fachliche Rolle gestärkt. Eine höhere Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen entlastet zudem das Pflegepersonal im Alltag – ein Gewinn für beide Seiten.
Sektorengrenzen überwinden
Durch die professionsübergreifende Zusammenarbeit der Pflegeeinrichtungen mit Ärztinnen und Ärzten, Apotheken sowie Therapeutinnen und Therapeuten werden bestehende Sektorengrenzen überwunden und die Gesundheitsversorgung besser verzahnt.
„Derzeit bleiben in unserem Pflegesystem viele Potenziale ungenutzt“
Matthias Mohrmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg erklärt im Kurzinterview, welche Vorteile er in der Präventionspflege sieht und warum sie ein echter Gamechanger für die Pflege in Deutschland sein kann.
Wie profitieren Pflegebedürftige und Pflegende von Präventionspflege?
Gute Pflege ist mehr als reine Versorgung. Sie lebt von Nähe, Vertrauen und dem Ziel, Menschen ein würdevolles Leben im Alter zu ermöglichen. Genau hier setzt die Präventionspflege an. Statt Pflegebedürftigkeit nur zu verwalten, unterstützt sie Menschen aktiv dabei, ihre vorhandenen Fähigkeiten zu erhalten und weiterzuentwickeln. Ein Fortschreiten der Pflegebedürftigkeit soll so vermieden oder zumindest hinausgezögert werden. Gleichzeitig verändert sich das Selbstverständnis der Pflege: Sie wird stärker zu einer gestaltenden, interdisziplinär arbeitenden Profession. Gesündere, aktivere Bewohnerinnen und Bewohner bedeuten zudem eine spürbare Entlastung im Pflegealltag. Präventionspflege ist damit ein Versorgungsansatz, der Pflege zukunftsfähig macht. Denn gepflegt zu werden heißt, am Leben teilzuhaben – und zu pflegen heißt, Sinn und Freude im Beruf zu erleben.
Was hat „SGB Reha“ konkret für die Pflegepraxis bewirkt?
Die Rückmeldungen aus den Einrichtungen sind durchweg positiv. Pflegekräfte berichten, dass sich bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern der Grad der Pflegebedürftigkeit stabilisiert oder sogar verbessert hat. Besonders eindrucksvoll ist, dass Pflegebedürftige selbst erleben, wie sie verloren geglaubte Fähigkeiten zurückgewinnen. Sie trauen sich wieder mehr zu, werden aktiver und gewinnen neue Energie. Entscheidend ist dabei die eigene Motivation der Pflegebedürftigen. Viele haben ganz konkrete Ziele – etwa die Einschulung eines Enkels mitzuerleben, wieder ein Restaurant zu besuchen oder alltägliche Dinge wie Körperpflege, Treppensteigen oder einen Spaziergang mit dem Rollator selbstständig zu bewältigen. Oft sind es kleine, sehr persönliche Ziele, die große Wirkung entfalten.
Lässt sich das Konzept auf andere Regionen übertragen?
Der Ansatz der Präventionspflege ist grundsätzlich übertragbar, wenn entsprechende strukturelle Voraussetzungen geschaffen werden. Derzeit bleiben in unserem Pflegesystem jedoch viele Potenziale ungenutzt. Eine individuelle Versorgungsplanung mit klarem Fokus auf Rehabilitation und die Wiedergewinnung von Fähigkeiten wäre ein echter Richtungswechsel. Dafür braucht es eine inhaltliche Neuausrichtung der Pflege: weg von einer rein defizitorientierten Betrachtung, hin zu einem ressourcenorientierten Ansatz. Das muss sich auch in Anreiz- und Finanzierungssystemen widerspiegeln.