Neue Datenbasis für alte Fragen

Welche und wie viele Pflegeangebote eine Kommune benötigt, ist bislang nur mit hohem Aufwand zu klären, weil verlässliche Daten oft fehlen. Die AOK Baden-Württemberg unterstützte mit eigenen Daten das vom Land bis Ende 2024 geförderte Projekt SAHRA und stellt Kommunen weiterhin aktualisierte Daten zur Verfügung, um ihre Pflegestrukturen gezielt zu planen.

Blick von oben auf ein Dorf in der Natur gelegen.

Pflegebedürftigkeit entwickelt sich bei vielen älteren Menschen nicht von heute auf morgen, sondern schrittweise. Nachlassende Mobilität, Unsicherheiten im Alltag oder kleinere gesundheitliche Einschränkungen nehmen oft über Jahre zu. Um im Bedarfsfall eine gute Versorgung sicherzustellen, müssen Kommunen daher frühzeitig wissen, wo und welche Pflege- und Unterstützungsangebote gebraucht werden.

Ziel:

Unterstützung der kommunalen Pflegestrukturplanung durch kleinräumige, datengestützte Pflegekennzahlen der Pflegekassen/AOK

Träger:

Data experts GmbH (Neubrandenburg) in Zusammenarbeit mit der AOK Baden-Württemberg und Städten, Landkreisen und kommunalen Sozialplanerinnen und Sozialplanern

Zielgruppe:

Kommunen, Sozialplanerinnen und Sozialplaner sowie kommunale Entscheidungsträger

Ansatz:

Datenschutzgerechte Aufbereitung von AOK-Leistungs- und Abrechnungsdaten und amtlichen Statistiken in einer digitalen Anwendung auf Gemeindeebene.

Umsetzung:

Einheitliche Pflegekennzahlen für alle 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg zur gemeinsamen Pflegeinfrastrukturplanung.

Mehrwert:

Ermöglicht bedarfsgerechte Planung vor Ort und stärkt die Verzahnung von Sozial- und Pflegestrukturplanung.

Wie viele Pflegeheimplätze werden gebraucht?

Genau hier setzt die kommunale Sozialraumplanung an. Städte und Gemeinden sind gefordert, den Bedarf an Pflege- und Unterstützungsstrukturen realistisch einzuschätzen mit dem Ziel, möglichst ausgerichtet an den Bedarfen und Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger in der Region bestmögliche Pflegeinfrastruktur zu schaffen.

Doch wie viel Pflegeheimplätze sind angemessen, wann sind es zu viel und wann zu wenig? Für die Planung von Versorgungsangeboten greifen Kommunen meist auf amtliche Statistiken zurück, etwa auf Daten der statistischen Landesämter. In der Praxis sind diese jedoch häufig veraltet oder lassen sich nur mit großem Aufwand aus umfangreichen Tabellen nutzbar machen.

AOK Baden-Württemberg hilft Kommunen mit Pflegekennzahlen

Abhilfe schaffen soll SAHRA („Smart Analysis Health Access“), das ursprünglich aus einem Modellversuch des Bundeswirtschaftsministeriums hervorgegangen ist. Das Unternehmen „data experts“ aus Neubrandenburg verknüpft dafür anonymisierte Leistungs- und Abrechnungsdaten der AOK Baden-Württemberg mit weiteren Datenquellen, etwa aus der Pflegestatistik und regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnungen. Diese Pflegekennzahlen lassen sich kleinräumig bis auf die Gemeindeebene darstellen und stehen den Sozialplanern und Entscheidungsträgern in 44 Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg zur Verfügung.

Auf Basis dieser Informationen können Kommunen erkennen, wo welche Bedarfe in der Region bestehen und sich gezielt dafür einsetzten, passende Pflegeinfrastruktur vor Ort zu haben. Davon profitieren Pflegebedürftige ebenso wie ihre Angehörigen, etwa durch kürzere Wege und eine bessere regionale Versorgung.

Vorausschauende Planung soll Fehl- oder Unterversorgung vermeiden

Das Projekt knüpft gleichzeitig an die gemeinsame Aufgabe von Pflegekassen und Kommunen an, die Versorgung vor Ort sicherzustellen – ein Ansatz, für den sich die AOK-Gemeinschaft seit Jahren stark macht. Nach Auffassung der AOK tragen Kommunen und Kranken- beziehungsweise Pflegekassen gemeinsam Verantwortung dafür, bedarfsgerechte Pflegeangebote zu entwickeln und aufeinander abzustimmen. 

Ziel ist eine vorausschauende Planung, die sich an den konkreten Bedarfslagen der Menschen in der Region orientiert und Fehl- oder Unterversorgung vermeidet. Dafür sollen Pflegekassen ihre Daten und Expertise einbringen und Kommunen bei der lokalen Bedarfs- und Sorgestrukturplanung unterstützen, um passende Pflegeangebote dort auszubauen, wo sie tatsächlich gebraucht werden. Die AOK bietet sich hier als Partnerin für die Kommunen an, um eine gemeinsame Bedarfs- und Sorgestrukturplanung zu entwickeln. 

So benutze etwa das Landratsamt Tuttlingen die Daten aus dem SAHRA-Projekt und stellte fest, dass es in drei Gemeinden im Norden kaum Betreuungsangebote gibt, doch gerade dort die Pflegebedürftigkeit in den nächsten Jahren zunehmen könnte. Grund ist eine relativ hohe Anzahl an Menschen mit Herzinsuffizienzen in einem bestimmten Alter, die dort leben.

Weiterfinanzierung des Projekts ungeklärt

Wie dieses Beispiel deutlich macht, ist SAHRA zwar bereits erfolgreich eingesetzt worden. Doch offiziell gilt das Projekt, welches im Rahmen des Technologieprogramms „Smart Data – Innovation aus Daten“ vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert worden war und über Projektmittel des Land Baden-Württemberg mit weiteren Pflegeindikatoren fortentwickelt und auf Baden-Württemberg übertragen wurde, seit Ende 2024, als abgeschlossen und muss nun alleine laufen lernen. Die Nutzung der Daten ist für die Kommunen nur noch bis Ende 2026 gesichert. Die Finanzierung des Einsatzes eines Planungstools und die Weiterenwicklung ist bislang ungeklärt.

Ungeklärt ist noch, ob die (finanzielle) Verantwortung bei den Ländern, also auch beim Land Baden-Württemberg oder bei den Landkreisen liegt. Für eine zukunftsfähige Pflegepolitik braucht es jedoch verlässliche Strukturen, klare Zuständigkeiten und eine dauerhaft angelegte, kooperative Pflegeplanung. Denn der bedarfsgerechte Ausbau von Pflegeangeboten vor Ort ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und eine zentrale Voraussetzung für eine funktionierende Pflegeversorgung.

“Es geht am Ende um Transparenz und Abstimmung”

Karin Gaiser, Spezialistin Pflegeinfrastruktur.

Karin Gaiser, Spezialistin Pflegeinfrastruktur bei der AOK Baden-Württemberg, beschäftigt sich bereits seit Jahren intensiv mit der Versorgungsgestaltung und der Frage, wie regionale pflegerische Versorgung sinnvoll unterstützt werden kann.

Wie profitieren Pflegebedürftige und Kommunen von einer guten Sozialraumplanung?

Braucht es wirklich eine weitere Tagespflege im Quartier X oder sind die Bedarfe eher im Quartier Y. Gibt es in der Kommune die passenden Unterstützungsangebote? An welchen Kriterien ist das festzumachen und welche Daten können dafür herangezogen werden? Es geht am Ende um Transparenz und um Abstimmung, welche Daten und Parameter werden herangezogen und welchen Einfluss haben sie und müssen wie bei der Pflegeinfrastrukturplanung berücksichtigt werden. Ziel muss in Zeiten knapper Kassen sein, eine zielgerichtete, an den regionalen Bedarfslagen ausgerichtete Pflegeinfrastruktur aufzubauen. Daseinsvorsorge ernst nehmen und nicht riskieren, dass Pflegeinfrastruktur zufällig entsteht oder wegbricht. 

Was hat „SAHRA“ konkret für die Pflegepraxis bewirkt?

Es ist ein Tool, das für die Stadtplaner der Stadt- und Landkreise entwickelt wurde. Sozialplaner haben berichtet, dass sie erstmals gesehen haben, wie es sich mit der Verteilung der Leistungsinanspruchnahme im Landkreis verhält und wie die regionale Unterschiede sind. Mit solchen Erkenntnissen kann die Sozialplanung sich inhaltlich weiter beschäftigen und analysiert, was die Ursache sein könnte und wie das mit ihren Erkenntnissen aus der Region zusammenpasst. Dieser Erkenntnisgewinn und Sensibilisierung im Landkreis hat die Verschränkung der Sozialplanung und Pflegeinfrastrukturplanung bewirkt. 

Lässt sich das Konzept auf andere Regionen übertragen?

Ja, die Übertragbarkeit ist machbar. Dreh- und Angelpunkt ist die Beantwortung der Frage zur Finanzierung solch eines Tools. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung sondern um die Finanzierung der Anwendung im Regelbetrieb einschließlich des Personals. Mit den Erkenntnissen aus dem Tool ist die Arbeit noch nicht erledigt, sondern es braucht ein gemeinsames Verständnis zum Einsatz und zur Anwendung in der Region, damit die Pflegeinfrastrukturplanung in Wirkung kommen kann. 

Beim Pilotprojekt SAHRA nutzen Städte und Gemeinden Pflegekennzahlen zur Sozialraumplanung, die auf Daten der AOK Baden-Württemberg basieren. Wie dieser neue Blick die Versorgung von Menschen verbessert, zeigt das Gesundheitsnetz Heuberg auf der Schwäbischen Alb.