Mit Primärversorgung Patientinnen und Patienten besser durch das Gesundheitssystem steuern
Expertinnen und Experten diskutierten beim AOK-Tag in Dortmund über dringende Reformen der ambulanten Versorgung
Dortmund. Überfüllte Praxen und Notaufnahmen, lange Wartezeiten auf Termine. Patientinnen und Patienten, die wortwörtlich durch das Gesundheitssystem irren und nicht sicher sind, welche Anlaufstelle für ihr Leiden eigentlich die richtige ist. Der Reformbedarf auch in der ambulanten medizinischen Versorgung ist unbestritten. Darüber waren sich die Expertinnen und Experten auf dem heutigen AOK-Tag der Selbstverwaltung in Dortmund einig. „Mit dem Modell einer Primärversorgung besteht eine gute Chance, Hilfesuchende künftig schnell, zielgerichtet und effizient an die richtige Stelle im Versorgungssystem zu steuern. Dazu brauchen wir klar geregelte Abläufe mit einem verbindlichen, standardisierten Ersteinschätzungsverfahren auf digitalem oder telefonischem Wege und eine bessere Vernetzung aller beteiligten Akteure“, sagte AOK-Vorstandsvorsitzender Tom Ackermann. Angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft steigt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Gleichzeitig verschärft sich der Hausärztemangel. Primärversorgungspraxen mit Teams aus Ärzten, Pflegefachpersonen, Physician Assistants und weiteren Gesundheitsberufen böten Hilfesuchenden eine umfassende Grundversorgung, erklärte der AOK-Chef.
„Mit dem Modell einer Primärversorgung besteht eine gute Chance, Hilfesuchende künftig schnell, zielgerichtet und effizient an die richtige Stelle im Versorgungssystem zu steuern.“
Vorstandsvorsitzender der AOK NordWest
Versorgungsprozesse neu aufstellen
Dass die Primärversorgung Unter Primärversorgung wird die gesundheitliche Grundversorgung und Beratung verstanden, in der auch… kommen wird, gilt als sicher. So steht es zumindest im Koalitionsvertrag. Einen Gesetzentwurf mit konkreten Vorschlägen zur Ausgestaltung will die Bundesregierung in den nächsten Wochen veröffentlichen. In Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung bereits im Frühjahr Eckpunkte für eine zukunftsfeste ambulante Versorgung vorgestellt. Dazu sagte Landes-Gesundheits-Staatssekretär Matthias Heidmeier: „Wir haben in Deutschland eines der teuersten Gesundheitssysteme Der Zugang aller Bürger zu einer umfassenden gesundheitlichen Versorgung unabhängig von ihrem… der Welt sowie deutlich mehr Ärzte und Arztkontakte als in vielen anderen Ländern. Und dennoch sind wir beim Gesundheitszustand der Bevölkerung längst nicht spitze. Zugleich steigen die Kosten in der Gesetzlichen Krankenversicherung und unsere Gesellschaft wird älter. All das macht deutlich, dass wir unsere Versorgungsprozesse neu aufstellen müssen. Ein Primärversorgungsmodell kann – eingebettet in weitere Maßnahmen, wie Bürokratieabbau und Vergütungsreform – dazu beitragen, Effizienzreserven zu heben und gleichzeitig die Versorgung zu verbessern. Wichtig ist dabei: Sowohl Leistungserbringende als auch Bürgerinnen und Bürger müssen beim Transformationsprozess mitgenommen werden.“
Ziele gemeinsam verfolgen
Auch für Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, kann das Modell der Primärversorgung zukunftsweisend sein: „Gute Primärversorgung kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten gemeinsam die Ziele einer besseren, koordinierten Versorgung verfolgen. Im Mittelpunkt müssen dabei die umfassende, kontinuierliche Versorgung der Patientinnen und Patienten in einem hausärztlich geleiteten, multiprofessionellen Team und die enge Zusammenarbeit mit weiteren Fach- und Berufsgruppen stehen. Digitale Angebote können die Versorgung sinnvoll unterstützen."
Freie Arztwahl soll erhalten bleiben
Johannes Heß, alternierender AOK-Verwaltungsratsvorsitzender und Arbeitgebervertreter betonte, dass die knappe ärztliche Zeit künftig dort eingesetzt werden sollte, wo ärztliche Expertise auch tatsächlich erforderlich ist. Pflegefachpersonen und weitere qualifizierte Gesundheitsberufe könnten definierte Aufgaben übernehmen, wenn Tätigkeitsprofile, Qualifikationen und Verantwortlichkeiten rechtssicher geregelt seien, so Heß. Es gehe dabei um eine verlässliche Arbeitsteilung nach Qualifikation und Kompetenz. „Jeder muss seinen Teil dazu beitragen und willens sein, die Entwicklung eines Primärversorgungssystems aktiv mitzugestalten. Dazu brauchen wir einen konkreten Fahrplan. Die Beibehaltung der freien Arztwahl und eine bessere Patientensteuerung sind dabei kein Widerspruch. Gesteuert werden soll der Weg zur geeigneten Versorgungsebene. Innerhalb dieser Ebene soll die Wahlmöglichkeit für die Patientinnen und Patienten erhalten bleiben. Allerdings müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass zukünftig genügend ärztliche Kapazitäten zur Verfügung stehen“, so Heß.
Steuerungselemente ohne Arztkontakte schaffen
Die Bedeutung einer starken Primärmedizin sei für die Qualität ist ein zentrales Versorgungsziel der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Im Rahmen der… der Gesundheitsversorgung empirisch gut belegt, betonte Dr. Jan Böcken von der Bertelsmann-Stiftung und erklärte: „Allerdings gibt es unterschiedliche Auffassungen, welche Versorgungsbedarfe die Primärversorgung umfasst und wie sie ausgestaltet sein sollte. Diskutiert werden vor allem neue Koordinationsaufgaben für Hausärztinnen und Hausärzte. Die hausärztlichen Versorgungskapazitäten sind jedoch rückläufig, so dass eine stärkere Einbindung nichtärztlicher Gesundheitsprofessionen dringend geboten scheint.“
Einheitliche Standards definieren
Daria Hunfeld, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants e.V., hob hervor, dass eine zukunftsfähige Primärversorgung gut organisierte, interprofessionelle Teams brauche. „Physician Assistants (PAs) können die ambulante Versorgung wirksam stärken, gleichwohl braucht es jetzt deutschlandweit einheitliche Standards, die wir durch ein bundeseinheitliches Berufsgesetz sowie eine bundeseinheitliche Ausbildungs- und Prüfungsverordnung schaffen können. Standards geben Orientierung, befördern Qualität sowie Vertrauen und dienen als Grundlage für den flächendeckenden Einsatz von PAs in der Regelversorgung“, so Hunfeld.
In einem flexiblen System professionelle Ressourcen nutzen
Prof. Dr. Margareta Halek von der Universität Witten/Herdecke erklärte, dass eine Primärversorgung nur dort gelingen könne, wo Gesundheitsberufe ihre Kompetenzen im Team einbringen. „Aufgaben, Strukturen und Finanzierung sollten sich am Bedarf der Menschen orientieren – nicht an Berufsgrenzen. Angesichts des steigenden Drucks auf Familien braucht es ein flexibles System, das alle professionellen Ressourcen nutzt. So kann Primärversorgung gesundheitliche Ungleichheit verringern und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.“
Ambulante und stationäre Versorgung gemeinsam denken
Dr. Sebastian Gesenhues aus der Gemeinschaftspraxis Gesenhues & Partner in Ochtrup, machte sich für eine sektorübergreifende Versorgung stark. „Wir müssen aufhören, ambulante und stationäre Versorgung getrennt zu denken. Eine starke Primärversorgung mit modernen Teampraxen verbessert Qualität, verhindert unnötige Krankenhausaufenthalte und senkt die Gesamtkosten. Wer heute in Primärversorgung investiert, spart morgen im gesamten Gesundheitssystem."
Nur mit regionaler Umsetzung kann die Reform gelingen
Der alternierende AOK-Verwaltungsratsvorsitzende und Versichertenvertreter Lutz Schäffer resümierte am Ende der Veranstaltung, dass die Sicherung der hausärztlichen Versorgung nicht allein über zusätzliche Sitze und Förderprogramme gelingen werde. „Wir brauchen einen strukturellen Umbau hin zu einer verbindlichen Primärversorgung, die ärztliche Kapazitäten durch multiprofessionelle Teams, digitale Prozesse und eine bessere Vernetzung mit der fachärztlichen Versorgung ergänzt. Erfolgreich wird diese Reform nur dann sein, wenn sie drei Dinge miteinander verbindet: verlässliche Patientenwege, eine konsequente Nutzung aller vorhandenen Kompetenzen und eine regionale Umsetzung, die die tatsächliche Versorgungslage berücksichtigt“, so Schäffer.
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Foto: AOK-Tag in Dortmund
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