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Mit der Abnehmspritze nehmen Straffungs-OPs und Rezeptfälschungen zu

26.02.2026 AOK Niedersachsen 5 Min. Lesedauer

Nebenwirkungen, Therapieabbrüche, Jo-Jo-Effekt, ästhetische OPs und Rezeptfälschungen – die große Nachfrage nach Abnehmspritzen mit den Wirkstoffen Semaglutid und Tirzepatid, bringt neue Erkenntnisse. Wissenschaftliche Auswertungen weisen zunehmend auf komplexe medizinische, soziale und versorgungspolitische Folgen hin.

AOK-Niedersachsen-Analyse zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und wachsenden Herausforderungen für die Versorgung

Die Wirkstoffe Liraglutid (Victoza®), Semaglutid (Ozempic®) sowie Tirzepatid (Mounjaro®) wurden ursprünglich nur zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen. Seit April 2016 sind Liraglutid als Saxenda®, seit Juli 2023 Semaglutid als Wegovy® und seit Dezember 2023 Tirzepatid als Mounjaro® aber auch zur Behandlung bei Übergewicht auf dem deutschen Markt. Sie dürfen damit für diese Indikation ärztlich verordnet werden. Weitere Wirkstoffe dieser Substanzklasse, die ausschließlich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen sind, stellen Exenatid (Byetta®), Dulaglutid (Trulicity®) und Lixisenatid in Kombination mit Insulin glargin (Suliqua®) dar.

Die medikamentöse Hilfe zum Abnehmen ist allerdings keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). 

Starker Gewichtsverlust – medizinischer Fortschritt mit Schattenseiten

Abnehmspritzen können das Körpergewicht vieler Patientinnen und Patienten innerhalb weniger Monate um 15 bis 20 Prozent reduzieren. Gleichzeitig geben aktuelle Studien Hinweise darauf, dass diese Medikamente nicht nur beim Abnehmen helfen, sondern auch Risiken für Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen, Demenz oder Suchterkrankungen senken können. Doch die Daten zeigen ebenso klar: Der Gewichtsverlust betrifft nicht nur Fettgewebe, sondern häufig auch Muskulatur und Bindegewebe, und es treten weiterhin Beschwerden des Verdauungstraktes sowie selten Probleme an der Niere oder Bauchspeicheldrüse auf.

Neue Erkenntnisse aus einer aktuellen Metaanalyse im British Medical Journal (BMJ) zeigen zudem, dass der Nutzen nur so lange anhält, wie die Therapie fortgeführt wird (https://doi.org/10.1136/bmj-2025-085304). Direkt nach Absetzen der Medikamente kommt es im Durchschnitt zu einer schnellen Gewichtszunahme von rund 0,4 kg pro Monat, was eine Rückkehr zum Ausgangsgewicht innerhalb von etwa 1,7 Jahren bedeutet. Auch die während der Therapie verbesserten Werte von Blutzucker, Lipiden und Blutdruck verschlechtern sich typischerweise innerhalb von 1,4 Jahren wieder.

Zusätzlich zeigt sich, dass die Gewichtszunahme nach Absetzen rund 0,3 kg pro Monat schneller verläuft als nach dem Ende verhaltensbasierter Programme, unabhängig vom erzielten Gewichtsverlust. Diese Dynamik verdeutlicht, dass der therapeutische Effekt ohne begleitende Lebensstilmaßnahmen nicht stabil bleibt. 

Ein zusätzlicher Befund einer im Deutschen Ärzteblatt (2025; DOI: Discontinuation and Reinitiation of Dual-Labeled GLP-1 Receptor Agonists Among US Adults With Overweight or Obesity | Nutrition, Obesity, Exercise | JAMA Network Open | JAMA Network) veröffentlichten Analyse: Bis zu 50 Prozent der Patientinnen und Patienten setzen die Therapie innerhalb von zwölf Monaten wieder ab. Die Gründe sind vielfältig – von Nebenwirkungen über Kosten bis hin zu fehlender langfristiger Motivation. Die Autorinnen und Autoren betonen deshalb, dass Personen, die Therapien mit Abnehmspritzen beginnen, über die Wahrscheinlichkeit eines Therapieabbruchs und die Folgen eines Therapieendes informiert werden müssen.

Auch die Daten der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Niedersachsen zeigen, dass im Zeitraum von Januar 2020 bis April 2025 rund 33 Prozent der behandelten Versicherten unter Berücksichtigung eines Nachbetrachtungszeitraums von 6 Monaten nach 12-monatiger Therapie die Behandlung beenden. 

„Ozempic Face“ und „Ozempic Body“: Wenn schneller Gewichtsverlust sichtbar wird

Insbesondere bei einem Gewichtsverlust von 20 kg oder mehr ist die Haut nicht in der Lage sich gleichermaßen schnell anzupassen. Viele Betroffene leiden unter Hautüberschüssen und deutlichen Volumenverlusten – im Gesicht („Ozempic Face“) ebenso wie an Bauch, Armen und Oberschenkeln („Ozempic Body“). Diese Veränderungen belasten viele Betroffene Menschen psychisch und führen zu einer zunehmenden Nachfrage nach körperformenden invasiven Eingriffen.

Eine Statistik der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) aus 2025 bestätigt diesen Trend (https://www.dgaepc.de/aktuelles/dgaepc-statistik/dgaepc-statistik-2025/): Straffungsoperationen im gesamten Körperbereich – darunter Bauchdecken‑, Oberarm‑ und Oberschenkelstraffungen – haben deutlich zugenommen. Auch in der wissenschaftlichen Fachwelt ist das Thema längst angekommen, etwa in Diskussionen zu ganzheitlicher Körperkonturierung und dem Umgang mit GLP‑1‑assoziierten Weichteilveränderungen. 

Versorgungs- und gesellschaftspolitische Herausforderungen: Engpässe und Rezeptfälschungen

Aktuelle Analysen der AOK Niedersachsen zeigen, dass der Anteil gefälschter Rezepte nach wie vor hoch ist – ein Hinweis darauf, wie stark der gesellschaftliche und kosmetisch motivierte Druck zur schnellen Gewichtsreduktion inzwischen ist. Von September 2023 bis November 2025 sind rund 3.300 Rezeptfälschungen auffällig geworden. Die Täter erlangten dadurch insgesamt 12.400 Pens. Der Schaden liegt bei 1,3 Millionen Euro. 

Sichtbar wird aber auch, dass ergriffene Maßnahmen wirken. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung (20.02.2026) und die „Abendzeitung München“ (12.10.2025) berichten von erfolgreichen Aktionen der Polizei. Nach Hinweisen von einigen Apotheken erfolgten mehrere Festnahmen von sogenannten „Strohmännern“, die versucht haben, mit gefälschten Rezepten, Medikamente zu erlangen. Im Rahmen der Festnahmen wurden auch einige noch nicht eingelöste Fälschungen sichergestellt. Polizeimaßnahmen und eine stärkere Sensibilisierung der Apothekerschaft leisten einen wichtigen Beitrag. 

Belastungen für die ästhetische Versorgung

Aufgrund der steigenden OP‑Nachfrage müssen Fachpraxen ihre Strukturen und Kapazitäten anpassen. Gleichzeitig warnen Fachärztinnen und ‑ärzte vor unqualifizierten Anbietern und einer Zunahme fehlerhafter Eingriffe (siehe DGÄPC Statistik 2025 – Natürlichkeit, Nachhaltigkeit und Sicherheit im Fokus - DGÄPC Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie). 

Soziale Einflüsse

Prominente Personen des öffentlichen Lebens und soziale Medien verstärken den Eindruck, dass eine schnelle Gewichtsreduktion leicht erreichbar sei. Fachleute betonen jedoch, dass Therapien mit Abnehmspritzen medizinisch, ernährungsbezogen und psychologisch begleitet werden müssen und keinesfalls eine einfache oder dauerhafte „Abkürzung“ darstellen. 

Fazit: Eine wirksame Therapie – aber kein Selbstläufer

Die aktuellen Erkenntnisse zeigen, dass ein verantwortungsvoller Einsatz unerlässlich ist. Die Kombination aus häufigen Therapieabbrüchen, schneller Gewichtszunahme nach dem Absetzen und ästhetischen Folgeproblemen unterstreicht die Notwendigkeit klarer Standards, umfassender Aufklärung und einer nachhaltigen Begleitung.  

Dazu passend

Internationaler Hype um Semaglutid und Tirzepatid: In den letzten Monaten hat die Nachfrage nach sogenannten Abnehmspritzen – die ursprünglich Diabetesmedikamente sind – auch in Niedersachsen stark zugenommen. Immer mehr Menschen suchen nach schnellen und effektiven Lösungen zur kosmetischen Gewichtsreduktion. Die Folgen: Die Präparate werden zu…
14.10.2024AOK Niedersachsen3 Min

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Person: Stefanie Ohlendorf, Pressesprecherin AOK Niedersachsen
Pressesprecherin

Stefanie Ohlendorf

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