Krank und trotzdem im Dienst
Befragung der AOK Hessen: 70 Prozent der Hessen in Beschäftigung kennen Präsentismus aus eigener Erfahrung.
Das Wichtigste in Kürze
- Präsentismus: 13 Prozent arbeiten über zwei Wochen trotz Krankheit wird in der Medizin als Abweichung von Gesundheit oder Wohlbefinden verstanden. Allerdings stößt die…
- Hauptgrund: Pflichtgefühl, insbesondere in der Generation 60+
- Subjektive Einschätzung von 592 befragten Personen in Hessen
Krank das Arbeitslaptop anwerfen, zur Fertigungsanlage fahren oder den Supermarkt aufschließen: Das kommt – zumindest in Hessen – nicht selten vor. Zwar kurieren sich 27 Prozent der Befragten immer aus, wenn sie sich angeschlagen fühlen. Aber teilweise arbeiten Berufstätige sogar an über 20 Tagen im Jahr trotz eines subjektiven Krankheitsempfindens.
Im Auftrag der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Hessen hat das Institut Insa Consulere telefonisch folgende Frage gestellt: „An wie vielen Tagen haben Sie in diesem Jahr krank gearbeitet, obwohl es aus Ihrer Sicht besser gewesen wäre, sich auszukurieren?“ Gemeint ist somit ein subjektiver Zustand, der nicht zwangsläufig medizinisch bestätigt worden ist. „In der Regel wird vermutlich gar keine AU-Bescheinigung vorliegen. Denkbar ist auch, dass der oder die Patientin in der Praxis darauf hinwirkt, weniger lang als empfohlen krankgeschrieben zu werden“, sagt Dr. Christoph-Gerard Stein, Mediziner bei der AOK Hessen.
Krank, aber nicht arbeitsunfähig
16 Prozent der Befragten nennen ein bis zwei Tage, 21 Prozent arbeiten an drei bis vier Tagen krank, 20 Prozent an geschätzten fünf bis zehn Tagen. „Bemerkenswert ist jedoch, dass 13 Prozent angeben, an mindestens elf Tagen trotz belastender Symptome gearbeitet zu haben, einige davon sogar an über 20 Tagen“, erklärt Stein. Dieses Verhalten kann je nach Tätigkeit und Arbeitsbelastung zu einer deutlichen Verschlimmerung führen oder bewirkt eine Verlagerung der Fehlzeiten um Tage oder Wochen. „Krank ist man dann trotzdem, nur eben später“, so Stein. Eine deutliche Differenz zeigt sich im Bereich von 5 bis 10 Tagen zwischen Frauen (25 Prozent) und Männern (16 Prozent), was sich bei höheren Anwesenheiten weitgehend fortsetzt. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass das persönliche Krankheitsempfinden sehr subjektiv sein kann. Nicht unterschieden wurde in der Befragung, welche Symptome man an sich festgestellt hat.
Eine Frage des Pflichtgefühls
Für 44 Prozent der Befragten ist der Hauptgrund für ihren Präsentismus Pflichtgefühl – mehr jedoch bei Menschen ab 60 Jahren (64 Prozent) als bei 18- bis 29-jährigen (nur 21 Prozent). Andere Gründe wurden deutlich seltener angegeben: Angst vor Jobverlust (13 Prozent), Angst vor Ärger mit Führungskraft und Kollegium sowie starke Arbeitslast nach Rückkehr (beide zwölf Prozent).