Artikel Versorgung

Stationäre Behandlung zuhause – wie Asklepios Heimbewohner virtuell versorgen will

12.01.2026 Anja Schnake 3 Min. Lesedauer

Im November 2025 ist Asklepios mit dem Projekt „VirtualWard“ in die Versorgung gestartet: Pflegeheimbewohner können nun zuhause stationär behandelt werden. Nach einem Monat zeigt sich indes, dass Medizin und Technik die geringsten Hürden sind.

Foto: Eine ältere Frau liegt im Bett und schaut mit einer jüngeren Frau auf ein Tablet.
Viele ältere Patientinnen und Patienten können von kürzeren Liegezeiten und der schnellen Rückkehr in ihre vertraute Umgebung profitieren.

Die ältere Dame mit den schlohweißen Haaren hat hohes Fieber und Schmerzen im Unterbauch – mit diesen Beschwerden kommt „Frau Fischer“ aus einem Hamburger Pflegeheim in die Notaufnahme der Asklepios-Klinik Nord. Diagnose: komplizierter Blaseninfekt. „Der muss im Krankenhaus behandelt werden“, sagt Jochen Gehrke, Chefarzt der Geriatrie, „aber die gute Nachricht: Wir können die Krankenhausbehandlung auch in Ihrer Einrichtung machen.“ Noch am selben Abend liegt die Patientin wieder im eigenen Bett – mit Infusionsnadel im Arm und Tablet-Computer auf dem Nachttisch.

Projektstart in Hamburg und Hessen

„Frau Fischer“ ist im Doku-Video die Musterpatientin des „VirtualWard“-Programms der beiden Asklepios-Häuser Langen (Hessen) und Hamburg-Nord - Heidberg. Im Rahmen des Projekts können Pflegebedürftige erstmals zuhause stationär behandelt werden. Die beiden Häuser testen mit sieben Pflegeheimen in ihrer jeweiligen Umgebung, ob sie die meist Hochbetagten in den Einrichtungen genauso gut (oder besser) kurieren und damit Klinikaufenthalte älterer Menschen vermeiden können. Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt startete im Mai 2025. Von November 2025 bis zum Ende Oktober 2026 soll die Versorgung an insgesamt 212 Patienten getestet werden.

Klinikaufenthalte sind für Alte riskant

Der Bedarf liegt auf der Hand: Hochbetagte sind eine wachsende Patientengruppe, die Kliniken vor immer größere Herausforderungen stellt. Mittelfristig dürften sich die stationären Fallzahlen bei über-80-Jährigen zwar nur mäßig erhöhen, analysierten die Autoren des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) im Krankenhaus-Report 2025; durch den wachsenden Anteil Hochaltriger steige aber der Versorgungsaufwand. Laut Fachzeitschrift f&w werden die besonderen Versorgungsbedarfe dieser Altersgruppe in Kliniken schon heute schlecht berücksichtigt. Zudem sprechen alterstypische Risiken gegen den Klinikaufenthalt, so etwa die Sturzgefahr, Bewegungsmangel und Muskelabbau, Desorientierung, Einsamkeit und Keime. „Vor allem unsere Patientinnen und Patienten mit beginnender Demenz können vom Verbleib in ihrer vertrauten Umgebung profitieren“, sagt Thorsten Stein, Chefarzt der Pneumologie und Beatmungsmedizin der Asklepios-Klinik in Langen, „das ist sehr wichtig für die Prognose und Lebensqualität.“

Neue Aufgaben für die Pflege

Wer für das Programm infrage kommt, entscheidet sich in der Notaufnahme. Sowie die Diagnose steht und die Therapie eingeleitet ist, können die Patienten wieder nach Hause. „Dafür müssen die Pflegebedürftigen ein Krankheitsbild aufweisen, das die stationäre Behandlung erfordert, aber keinen komplizierten Verlauf erwarten lässt“, erklärt Stein. Zum Start seien vor allem einfache Fälle vorgesehen, etwa Infektionskrankheiten wie Lungen- oder Blasenentzündungen, die in der Regel mit Antibiotika kuriert werden können. Für die täglichen Visiten stehen ein Tablet-Computer und Telemonitoring-Geräte an ihrem Bett. Das Heim braucht stabiles WLAN und motivierte Pflegekräfte, die auch die telemedizinische Übertragung von Vitalparametern sicherstellen. „Die generalistische Ausbildung der Pflegekräfte ist eine gute Voraussetzung dafür, die ärztlichen Anordnungen umzusetzen“, berichtet Jan Ries, Projektmanager Integrated & Digital Care, der das Projekt leitet.

Die Illustration zeigt eine Alltagsszene in einem Pflegeheim mit Pflegebedürftigen und Pflegekraft.
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Visiten sind überall möglich

Am anderen Ende der Leitung sitzt Mediziner Stein in einem extra geschaffenen Raum mit guter Videoausstattung und geschützter Akustik. Von dort planen sogenante VirtualWard-Nurses bei Asklepios die Visiten und koordinieren die Versorgung. Ärztliche Visiten seien aber überall möglich, erklärt Ries: „Es wird unterschiedlich gehandhabt: Manche Ärzte kommen herum, manchmal kommen die VirtualWard-Nurses auch zu den Ärzten.“ Als eigenständige „Station“ wird das Modell vor allem im Krankenhaus-Informationssystem (KIS) geführt, denn eine reguläre Vergütung ist bisher nicht möglich. Die Regelversorgung erlaubt stationäre Behandlungen – und ihre Vergütung – ausschließlich in den Räumen des Krankenhauses.

Besondere Hürden durch besondere Verträge

Im Innovationsfonds wird das Programm deshalb mit einem besonderen Versorgungsvertrag zwischen Kliniken und Kassen umgesetzt. Schon in der frühen Projektphase zeigten sich allerdings die Hürden des Modells, sagt Lutz Hager, Professor für Management im Gesundheitswesen an der SRH-Fernhochschule und Präsident des Bundesverbandes Managed Care (BMC): „Sämtliche Krankenkassen aller beteiligten Patientinnen und Patienten müssen dem Paragraf-140-Vertrag separat beitreten.“ Als Konsortialpartner waren zunächst nur drei Kassen beteiligt: die AOK Rheinland-Hamburg, die Barmer und die Mobil Krankenkasse. Seit dem 1. Januar 2026 gehört auch die Techniker-Krankenkasse dazu, und zehn weitere Betriebskrankenkassen sind dem Versorgungsvertrag beigetreten.  Doch die Pflegebedürftigen müssen auch passende Diagnosen erhalten und selbst in die Studie einwilligen. Die Folge: Bis Mitte Dezember hatte sich noch kein echter Fall für VirtualWard gefunden.

So bleibt vorerst offen, ob überhaupt genügend Patientinnen und Patienten teilnehmen, um die Ergebnisse auszuwerten. Wissenschaftlich begleitet wird die Versorgung durch das INAV Institut in Berlin. Knapp zehn Monate verbleiben noch. „Sollte die Evaluation zeigen, dass Projekte wie diese qualitativ und wirtschaftlich überlegen sind, muss der Gesetzgeber entsprechende Leistungsformen mit sektorübergreifenden Pauschalen schaffen“, meint Hager. Doch zunächst soll sich zeigen, dass die DRG die Kosten der neuen Versorgungsform deckt. „Eventuell können wir sogar einen kleinen Abschlag verschmerzen“, sagt Ries, „wir stellen uns vor, dass es irgendwann eine virtuelle DRG gibt.“

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