Wie KI aus Gesundheitsdaten Mehrwert schafft
Gesundheitsdaten und Künstliche Intelligenz (KI) bergen großes Potenzial für zielgenaue Prävention und Versorgung. Im Vergleich zur Datennutzung anderer Länder holt Deutschland nur langsam auf. Gleichzeitig gibt es bereits heute praxistaugliche Anwendungen.
Der demografische Wandel mit steigenden Gesundheitsausgaben und zunehmendem Fachkräftemangel setzt das deutsche Gesundheitssystem unter wachsenden Druck. Denn bei einer älter werdenden Bevölkerung steigen die Behandlungsbedarfe, während Personal und Ressourcen knapper werden. Trotz umfangreich vorhandener Gesundheitsdaten werden in Deutschland viele Potenziale für Prävention und Versorgung bislang nicht genutzt. Dabei könnten mit KI aufbereitete Daten wertvolle Erkenntnisse für die Versorgung liefern. Das zeigt der Report „Mit KI den Nutzen von Gesundheitsdaten erschließen“, den der Bundesverband Managed Care (BMC) im Januar veröffentlicht hat. Darin analysieren die Autorinnen und Autoren die Chancen einer konsequenten Datennutzung.
Internationale Vergleiche bestätigen, dass Deutschland Gesundheitsdaten bislang deutlich weniger systematisch für Prävention, Versorgungssteuerung und Qualitätssicherung nutzt als viele andere Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Zwar gilt die Datenschutz-Grundverordnung europaweit, doch unterscheiden sich nationale Ausgestaltung, Governance-Strukturen und sozialrechtliche Vorgaben deutlich. In Ländern wie Finnland, Dänemark, Estland oder Frankreich ermöglichen zentrale Datenzugänge und klarere Zuständigkeiten eine gezieltere Sekundärnutzung von Routinedaten, also die Datennutzung nach der Ersterhebung aus dem Behandlungsverlauf, für Steuerungs- und Präventionszwecke, so die OECD-Analysen. Sie kommen zu dem Schluss, dass eine wirksamere Nutzung von Gesundheitsdaten ein zentraler Hebel ist, um Versorgung effizienter und präventiver zu gestalten. Länder mit einer konsequenten digitalen Datennutzung sind besser in der Lage, demografische Belastungen, Kostensteigerungen und Personalengpässe abzufedern.
Auch aktuelle Umfragen unter Ärztinnen und Ärzten bestätigen den Rückstand Deutschlands: Laut einer Online-Befragung des Branchenverbandes Bitkom halten 76 Prozent das Digitalisierungstempo für zu langsam, 83 Prozent sehen Deutschland im internationalen Vergleich zurückliegend.
Gesetzliche Rahmenbedingungen: Was sich jetzt ändert
Die Nutzung von Gesundheitsdaten in Deutschland war lange durch enge datenschutzrechtliche Vorgaben begrenzt. Mit dem 2024 in Kraft getretenen Gesundheitsdaten-Nutzungsgesetz (GDNG) wurden erstmals klare rechtliche Grundlagen für die Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten geschaffen – etwa für Forschung, öffentliche Gesundheit und die Weiterentwicklung der Versorgung. Der neue Paragraf 25b im Fünften Sozialgesetzbuch (§ 25b SGB V) erlaubt es gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, vorhandene Daten gemeinsam auszuwerten und Versicherte gezielt zu informieren. Das Digital-Gesetz (DigiG) ergänzt dies durch den Ausbau digitaler Infrastrukturen wie der elektronischen Patientenakte im Opt-out-Verfahren. Das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll als zentraler Baustein des deutschen Daten-Ökosystems für die Gesundheitsdatennutzung Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung zugänglich machen. Ab Oktober 2026 sollen auch Daten aus der ePA automatisiert und pseudonymisiert in das FDZ fließen.
Auf europäischer Ebene schafft die Verordnung des European Health Data Space (EHDS) künftig einen einheitlichen Rechtsrahmen für die sichere Nutzung von Gesundheitsdaten und den grenzüberschreitenden Datenaustausch. Zusammen markieren diese Regelungen einen strukturellen Wandel hin zu einer systematischeren Nutzung von Gesundheitsdaten.
Daten als Präventions- und Versorgungsmotor
Damit Gesundheitsdaten wirksam genutzt werden können, müssen sie standardisiert erhoben und über interoperable Schnittstellen zusammengeführt werden. Im BMC-Report zeigt Professor Christian Thies von der Hochschule Reutlingen, dass in Deutschland zwar umfangreiche Daten vorliegen, fehlende Schnittstellen, uneinheitliche Standards und eine starke Abrechnungsorientierung deren Nutzung für Prävention und Versorgungssteuerung jedoch bislang begrenzen. Wie Gesundheitsdaten mithilfe von KI entlang der gesamten Versorgungskette – von Prävention bis Public Health – unter den aktuellen Digitalgesetzen eingesetzt werden können, verdeutlichen 14 Beispiele, die der BMC-Report teils ohne namentliche Angaben zu Beteiligten und Regionen aufführt.
Intelligente Prävention: Risiken früh erkennen und gezielt vorbeugen
So beschreibt das überregionale Erprobungsprojekt „Prävention und Gesundheitsversorgung in Zukunft“, wie Prävention durch datenbasierte Risikoerkennung präzisiert werden kann. Mithilfe von KI werden Gesundheitsinformationen analysiert, um individuelle Risikoprofile frühzeitig zu identifizieren. Versicherte mit erhöhtem Risiko werden gezielt angesprochen und erhalten passende Präventionsangebote, bevor Erkrankungen manifest werden oder sich verschlechtern. Das Projekt wird in einem realen Versorgungskontext umgesetzt. Es zeigt, wie Krankenkassen Prävention künftig stärker personalisieren und wirksamer steuern und Versorgungskosten langfristig vermindern könnten. Technisch basiert die Anwendung auf einer KI-gestützten Softwarelösung, die derzeit unabhängig von Krankenkassendaten arbeitet. Der Datenpool generiert sich aus der Zusammenarbeit mit fast 4.000 niedergelassenen Ärzten aus 13 Fachrichtungen und zusätzlich aus Krankenhausdaten und weiteren Netzwerkdaten.
Digitale Impfdaten stärken die Prävention
In einem weiteren Beispiel wird der Mehrwert strukturierter Daten in der ePA und dem künftig dort integrierten elektronischen Impfpass (eIP) erläutert. In der ePA werden Impfdaten, Arztberichte und Medikationspläne gebündelt – ein Fortschritt gegenüber bislang häufig verstreuten Papierunterlagen. So lassen sich Impflücken leichter erkennen, Impfstatus-Informationen sektorenübergreifend abrufen und Erinnerungen für fällige Impfungen automatisiert auslösen. Solche Impf-Erinnerungssysteme gibt es bereits in der Praxis, wie etwa mit der App des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzti*innen (BVKJ). Sie bietet neben umfassenden Funktionen wie einem Messenger oder der Terminbuchung auch eine automatisierte Erinnerung an alle anstehenden und von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen Impfungen samt Impfsteckbriefen.
KI-gestützte Ersteinschätzung: So geht Hausarzt
Ein Praxisbeispiel widmet sich der KI-gestützten Versorgung in der Hausarztpraxis. Studien aus der Versorgungsforschung zeigen, dass ein Großteil der Patientenkontakte ungeplant erfolgt und überwiegend in der Hausarztpraxis selbst behandelt wird. Hier sah das Hausarztzentrum im baden-württembergischen Wiesloch sein größtes Potenzial für eine effizientere Versorgung und Praxisorganisation. Dort gibt es seit 2023 eine verpflichtende KI-gestützte Ersteinschätzung für akute Behandlungsanlässe. Die Einschätzung kombiniert Angaben der Patienten mit strukturierten Daten aus dem Praxisverwaltungssystem. Auf dieser Grundlage werden personelle Ressourcen gezielt zwischen Praxisbesuchen, telemedizinischen Angeboten und nichtärztlichem Personal verteilt – orientiert am sogenannten HÄPPI-Konzept des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes (HÄPPI = Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell). Dieses sieht vor, dass durch Teamarbeit, Digitalisierung und Aufgabenübertragung an nicht-ärztliches Personal die Hausarztpraxis zukunftsfähig gemacht wird.
Diese Praxis realisiert damit bereits ein Primärversorgungssystem: strukturierte Ersteinschätzung und Primärversorgung mit einem multiprofessionellen Team und systematischer Delegation sowie digitale Terminbuchung nach Bedarf und bedürfnisorientierter Versorgung anhand von Datennutzung. Das Projekt ist inzwischen Bestandteil der Hausarztzentrierten Versorgung der AOK Baden-Württemberg und wurde 2025 auch in Rheinland-Pfalz mit Unterstützung der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland erprobt.
Jetzt kommt es auf die Umsetzung an
Gesundheitsdaten und Künstliche Intelligenz bieten das Potenzial, Versorgung wirksamer, präventionsstärker und effizienter zu gestalten – vorausgesetzt, sie werden strukturiert erhoben, sicher genutzt und sinnvoll in Versorgungsprozesse integriert. „Es gibt ausreichend Evidenz dafür, wie gute Versorgung organisiert werden muss, aber im Vergleich zu anderen Ländern kommt bei uns zu wenig davon im Versorgungsalltag an“, sagte BMC-Vorsitzender Professor Lutz Hager zum Auftakt des BMC-Kongresses 2026. Mit dem geplanten Primärversorgungssystem bestehe „die Chance, Versorgungsprozesse jetzt weiterzuentwickeln“.
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