Wenn Hilfe aus der Luft kommt: Was Drohnen leisten
Drohnen fliegen längst nicht mehr nur im Testbetrieb. Beim Transport von Laborproben entstehen nach geförderten Pilotprojekten erste wirtschaftliche Modelle. Doch in der Notfallrettung sind die Hürden hoch. Daniel Sülberg vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erklärt, was möglich ist – und was noch Zukunftsmusik bleibt.
Herr Sülberg, wo stehen wir in Deutschland Anfang 2026 beim Einsatz von Drohnen im Gesundheitswesen?
Daniel Sülberg: Drohnen werden seit Jahren mit Förder- und Forschungsprojekten in Pilotierungen getestet. Der Schwerpunkt war bisher der Einsatz in Logistik und Transport, etwa von Medikamenten und Laborproben. Viele der Förderprojekte konnten aus Kostengründen nicht weitergeführt werden. Der Laborprobentransport zwischen Kliniken und Laboren liegt in der Anwendung auch heute vorn und kommerzialisiert sich nun allmählich: Anders als vor ungefähr drei Jahren erleben wir zunehmend wirtschaftlich betriebene Business-to-Business-Modelle, in denen Drohnen in etwa 20 bis 30 Einsatzregionen regelmäßig Proben fliegen. Die Beauftragungsmengen können deutlich höher liegen. Der Markt ist sehr dynamisch, aber noch klein: Es gibt nur ungefähr fünf relevante Betreiber, die teils identisch mit den Herstellern oder teils eigenständige Unternehmen sind.
Wo stehen wir in der medizinischen Notfallversorgung? Im Gespräch sind zum Beispiel Drohnentransporte von Defibrillatoren und Verbandmaterial für Ersthelfer am Unfallort.
Sülberg: Hier sehe ich eine der größten Herausforderungen in der Umsetzung insgesamt und in der Integration der Drohnenmissionen in die Versorgung. Eine Drohne deckt ungefähr 30 bis 40 Kilometer Einzugsgebiet ab. Nach einem Unfall ist jedoch oft nicht exakt klar, wo das Landen oder Absetzen von Material möglich ist. Auch das Überfliegen von besiedeltem Gebiet muss vor jedem Einsatz neu abgesichert werden. Die zentralen Fragen lauten: Wer übernimmt in diesem Szenario die Verantwortung und Einbindung des Drohneneinsatzes in die bestehende Rettungskette, wer haftet, und wer finanziert solche Maßnahmen? Wenn Drohnen bei Notfalleinsätzen fliegen, bewegen sie sich zudem regulatorisch im „Sicherheitsbereich von Organisationen und Behörden“, dem BOS-Bereich, und dürfen unter bestimmten Voraussetzungen von zivilen Vorschriften abweichen. Für jede Operation wird geprüft, wie hoch das Risiko im Luftraum und am Boden ist und welche zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen nötig sind. Notfall-Drohnenflüge sind deshalb regulatorisch anspruchsvoller als Labortransporte mit festen planbaren Routen, bei denen das Risiko nur einmal für alle Einsätze bewertet wird. Für einen Unfallort muss jedes Szenario neu eingeschätzt werden.
In welchen Notfallszenarien bringen Drohnen heute bereits einen konkreten Nutzen?
Sülberg: Im Sicherheitsbereich BOS, also bei Einsätzen von einzelnen Feuerwehren, Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen, sind Drohnen bereits ein etabliertes Werkzeug. Hier sehen wir, dass Drohnen im Zusammenspiel mit den Einsatzkräften bei der Lagebilderstellung sehr hilfreich sind, etwa wenn Drohnen zum Einsatzort vorausgeschickt werden und die Rettungskräfte bereits vor Eintreffen ein komplexes Lagebild haben. Auch bei der Vermisstensuche, zum Beispiel bei Demenzerkrankten, sind Drohnen ein Riesenthema, berichten uns Polizeibehörden. Vor allem auf dem Land müssen die Einsatzkräfte oft ein großes und manchmal schwer zugängliches Gebiet mit viel Personal durchforsten. Drohnen können das Suchgebiet eingrenzen und verkürzen so die Suchzeiten erheblich. Das kann bei Menschen, die Medikamente einnehmen, betagt oder chronisch krank sind, lebensrettend sein. Für sie zählt jede Minute.
„Gerade in Krisensituationen bieten Drohnen ein enormes Einsatzpotenzial.“
Leiter des Nationalen Erprobungszentrums für Unbemannte Luftfahrtsysteme beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
Trotz technischer Fortschritte sind Drohnen in der medizinischen Versorgung insgesamt und auch in der Notfallrettung noch kein Regelbetrieb. Wo sind die Hürden?
Sülberg: Es gibt keinen einzelnen Bremsklotz, sondern ein Zusammenspiel von verschiedenen Hemmnissen. Regulatorisch ist Europa gut aufgestellt, und die deutsche Gesetzeslandschaft ist gut integriert. Allerdings steigern die hohen rechtlichen und sicherheitsrelevanten Anforderungen für die Betreiber die Kosten. Für sie lohnen sich Investitionen nur für Drohnenflüge mit niedriger Risikoeinstufung, etwa bei Missionen über wenig besiedeltem Gebiet oder planbaren wiederkehrenden Strecken, wie bei Befundtransporten. Ein flächendeckender Medikamententransport zum Beispiel aus den Apotheken zum Kunden findet noch nicht statt. Hier fehlen nach den Forschungs- und Förderzeiten tragfähige Business-Modelle. Projekte zeigten eine niedrige Preisakzeptanz bei den Belieferten. Hier müsste ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden, oder dieser Service müsste subventioniert werden. Ich glaube, wenn eine Lieferung mehr als acht Euro kosten würde, wollen es die Menschen nicht. Hier steht die Frage im Raum: Wer finanziert dies dauerhaft? Denn mit dem Auslaufen vieler Förderprogramme müssen sich Geschäftsmodelle nun am Markt bewähren. Ohne Aufträge keine Investitionen, ohne Investitionen kein Wachstum.
Welche Rolle können Drohnen bei Großschadenslagen spielen – etwa nach Zugunglücken, Explosionen und Naturkatastrophen?
Sülberg: Gerade in Krisensituationen bieten Drohnen ein enormes Einsatzpotenzial. Eine schnelle und kostengünstige Lagebilderstellung kann sogar eine Alternative zu Hubschraubereinsätzen sein. Auch können Drohnen Lebensmittel, Wasser, Decken und Erste-Hilfe-Güter zu hilfsbedürftigen Personen transportieren. In Hochwasser- und Erdrutschszenarien sind die Betroffenen oft von der Infrastruktur abgeschnitten und für Rettungskräfte nicht mehr erreichbar. Hier ermöglichen Drohnen Reichweiten, die von der Rettung auf dem Boden nicht zu leisten sind. Diese Einsätze werden aktuell vom Technischen Hilfswerk und dem Deutschen Roten Kreuz geplant und umgesetzt.
Wenn wir drei bis fünf Jahre nach vorn schauen: Welche Rolle werden Drohnen in der medizinischen Versorgung inklusive Notfallversorgung spielen – und wo sehen Sie die Grenzen?
Sülberg: Ich erwarte ein nachhaltiges Wachstum im Bereich Gesundheitslogistik etwa bei den Laborproben. Da die Menschen hier einen Mehrwert sehen, werden sie eine höhere Akzeptanz als bisher entgegenbringen. Das gleiche gilt für Notfalleinsätze. Gesellschaftliche Akzeptanz sehe ich als einen wichtigen Baustein für den Ausbau eines Drohnenökosystems im Kontext einer zeitgemäßen Gesundheitsversorgung. Die technologische Entwicklung wird künftig auch größere, zunächst noch bemannte Drohnen hervorbringen, etwa elektrisch angetriebene Senkrechtstarter, die „ Electric Vertical Takeoff and Landing-Systeme“. Sie verstärken die urbane Mobilität und Logistik im Gesundheitsbereich. Große Industrieunternehmen und Start-ups befinden sich hier in einer dynamischen Entwicklungsphase mit Prototypen und ersten Flugtests. Wir werden daher eine schrittweise Integration zusätzlicher Luftsysteme in bestehende Versorgungsstrukturen erleben. Einen vollautomatisierten Patiententransport als Ersatz für den Rettungswagen sehe ich kurzfristig jedoch nicht – das bleibt vorerst Zukunftsmusik. Je mehr Drohnen in der Logistik oder bei Notfällen fliegen, desto stärker rückt das Ressourcenthema in den Fokus. Denn bislang benötigt jede Drohne ein bis zwei speziell geschulte Piloten. Entsprechend arbeiten Entwickler an höheren Automatisierungsgraden. Hersteller prüfen derzeit Konzepte, bei denen Drohnen fest auf Rettungsfahrzeugen installiert sind und im Einsatzfall vorausgeschickt werden – etwa um per Lautsprecherdurchsage Kreuzungen freizumachen oder auf dem Anfahrtsweg frühzeitig ein Lagebild zu liefern.
Langfristig werden demografischer Wandel, Fachkräftemangel und wachsender Versorgungsdruck die Integration von Drohnen weiter beschleunigen. Für unser ziviles Gesundheitswesen erhoffe ich mir eine kontinuierliche und planvolle Entwicklung, nicht eine, die erst durch Krisen erzwungen wird.
Deutsches Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR)
Das DLR ist Deutschlands Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt. Seine Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in den Bereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit sind national wie international vernetzt und verbinden Wissenschaft mit Innovation.
Mit Unterstützung von Bund und Ländern erforscht das DLR auch den Einsatz von Drohnen. Am Standort Braunschweig wurden dafür neue Testplattformen aufgebaut. In speziellen „Drohnenkäfigen“ erproben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedene Prototypen unbemannter Luftfahrtsysteme (Unmanned Aircraft Systems, UAS).
Das DLR ist bundesweit an 30 sowie an weiteren internationalen Standorten vertreten und beschäftigt mehr als 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
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