Neuer Vorstoß für Widerspruch bei Organspenden
Im Bundestag zeichnet sich eine erneute Grundsatzdebatte über die Organspende ab. Eine fraktionsübergreifende Gruppe um Sabine Dittmar (SPD) will am kommenden Donnerstag unter dem Titel „Paradigmenwechsel in der Organspende – Widerspruchsregelung jetzt“ einen Gesetzentwurf zur Einführung der Widerspruchsregelung vorstellen. Der Entwurf sieht vor, dass alle volljährigen Menschen in Deutschland grundsätzlich als Organspender gelten, wenn sie nicht widersprechen. Zu der Gruppe gehören unter anderem Armin Grau (Bündnis 90/Die Grünen), Gitta Connemann (CDU), Peter Aumer (CSU) und Julia-Christina Stange (Die Linke).
Bislang gilt in Deutschland die erweiterte Zustimmungslösung – geregelt im Transplantationsgesetz: Organe dürfen nur entnommen werden, wenn eine Einwilligung vorliegt. Liegt keine Erklärung vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt. Die Initiatoren verwiesen laut „Tagesspiegel Background“ auf die anhaltend niedrigen Spenderzahlen und die lange Warteliste schwerkranker Patientinnen und Patienten, die auf eine Niere, Lunge, Leber oder ein Herz warteten. Auch medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Transplantationsgesellschaft sowie der Bundesrat hatten sich zuletzt für eine Widerspruchslösung ausgesprochen.
Widerstand hat sich ebenfalls fraktionsübergreifend durch Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen), Lars Castellucci (SPD) und Stephan Pilsinger (CSU) formiert. Kappert-Gonther bezeichnete die Widerspruchsregelung heute auf G+G-Anfrage als „Scheinlösung“, die „erhebliche ethische Fragen“ aufwerfe. Es fehle im internationalen Vergleich der Beleg, dass sie die Organspendezahlen tatsächlich erhöhe. Erfolgreich seien vielmehr „gute Strukturen in Entnahmekrankenhäusern, Aufklärung, transparente Verfahren und einfache Dokumentation“. Schweigen sei keine Zustimmung, und Selbstbestimmung umfasse auch das Recht, keine Entscheidung zu treffen. Zuletzt hatten acht Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, im September vergangenen Jahres einen neuen Anlauf zur Einführung der Widerspruchslösung gestartet, über die jedoch noch nicht weiter beraten wurde.
Der President-Elect der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Mario Schiffer, sieht die Widerspruchslösung als „überfälligen und notwendigen Schritt". Sie habe das Potenzial, die Anzahl der Organspenden in Deutschland strukturell zu erhöhen, sagte er heute G+G. „Eine solche Regelung, wie sie in unserer europäischen Nachbarländern schon seit vielen Jahren gelebt wird, respektiert die individuelle Entscheidungsfreiheit, da jede Bürgerin und jeder Bürger jederzeit aktiv widersprechen kann.“ Gleichzeitig entlaste sie Angehörige in einer ohnehin belastenden Situation und schaffe mehr Klarheit im Entscheidungsprozess.
Nach Angaben der Stiftung Eurotransplant warteten Anfang des Jahres 8.207 Patientinnen und Patienten in Deutschland auf ein Spenderorgan. 2025 seien 4.638 neue Patienten auf die Wartelisten gekommen, es wurden 3.592 Organtransplantationen in Deutschland vorgenommen. Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) haben hierzulande von Januar bis einschließlich März dieses Jahres 286 Personen postmortal insgesamt 894 Organe gespendet. (ts)