WHO: Jeder fünfte Tuberkulose-Fall in Region Europa bleibt unerkannt
Zehntausende Tuberkulose-Infizierte bleiben laut einem aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Gesundheitsbehörde (ECDC) ohne Diagnose. Von schätzungsweise 204.000 Erkrankungen in der Europäischen Region der WHO werden demnach nur rund 161.600 offiziell gemeldet. 23 Prozent der neuen Fälle sind laut Behörden zudem resistent gegen passende Arzneimittel. Trotz insgesamt sinkender Zahlen sei medikamentenresistente Tuberkulose (TB) „nach wie vor eine der schwerwiegendsten Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind“, mahnte Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa.
Gegen den Standard-Wirkstoff Rifampicin bei TB-Erkrankungen sei in der WHO-Region, die 53 Länder in Europa und Zentralasien umfasst, jeder zweite Fall resistent, heißt es in dem heute veröffentlichten Bericht. Weltweit seien es lediglich 16 Prozent. In den 30 Ländern der Europäischen Union (EU) beziehungsweise des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) gab es 2024 38.249 TB-Fälle. 4,2 Prozent aller neuen Fälle sowie Folgeerkrankungen waren Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre. In der EU/EWR waren von den neuen Fällen 3,5 Prozent multiresistent.
Resistenzen und kritische Diagnoselücken hängen laut WHO untrennbar zusammen. Eine späte Diagnose steigere die Wahrscheinlichkeit, TB auf andere zu übertragen und die Fälle seien schwerer zu behandeln. Eine höhere Übertragungsrate könne dabei zu einer hohen Anzahl mit Behandlungsversagen führen, was ein Haupttreiber von Resistenz sei. Umfassende Erkennung und die Beseitigung von Resistenzen seien somit „ein und derselbe Kampf“.
Angesichts rückläufiger TB-Fälle seit 2015 um 39 Prozent und einer um 49 Prozent gesunkenen Todesrate, hätte es „Fortschritte“ gegeben, so Kluge. „Aber wir bewegen uns immer noch nicht schnell genug“, warnte er anlässlich des Welt-Tuberkulosetages am Dienstag. Er forderte, Investitionen in eine schnelle Diagnose, kürzere rein orale Therapien und eine stärkere Nachbeobachtung, um die Ergebnisse zu verbessern.
Die meist durch Niesen oder Husten übertragene bakterielle Infektion ist laut Robert Koch-Institut (RKI) auch in Deutschland „eine Krankheit von großer Relevanz für die öffentliche Gesundheit“. Jeder Fall bedeute für den Öffentlichen Gesundheitsdienst einen hohen Aufwand. Die Zahl der dem RKI übermittelten Fälle ist 2025 zwar um etwa acht Prozent gegenüber 2024 auf 4.070 Erkrankungen zurückgegangen. Allerdings sei ein jährlicher Rückgang von deutlich mehr als zehn Prozent erforderlich, um das weltweit gemeinsame WHO-Ziel einer TB-Ausrottung bis 2050 hierzulande zu erreichen. (imo)