1. Deutscher Präventionsgipfel: Reimann fordert Gesamtstrategie ein
Deutschland braucht angesichts steigender Sozialbeiträge, hoher Krankheitskosten und volkswirtschaftlicher Folgen endlich eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik. „Wenn wir das Thema politisch priorisieren und jetzt eine echte Präventionswende einleiten, gibt es die Chance auf mehr gesunde Lebensjahre, weniger Behandlungskosten und ein stabileres Gesundheitssystem“, sagte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, heute. Nicht zuletzt wegen seines schlechten Abschneidens im europäischen Public Health Index sei Deutschland hier unter Zugzwang, erläuterte sie anlässlich des 1. Deutschen Präventionsgipfels des AOK-Bundesverbandes in Berlin. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) verwies in ihrer Eröffnungsrede auf die Vielfalt im Bereich der Prävention. Es gehe jetzt darum, eine gemeinsame Präventionsstrategie voranzutreiben. „Ich bin überzeugt, wenn wir unsere Kräfte jetzt bündeln, dann können wir beim Thema Prävention auch aufholen.“
Inzwischen nimmt AOK-Vorständin Reimann nach eigenen Worten beim Thema Prävention eine Akzentverschiebung wahr. „Langsam setzt sich auch hierzulande die Einsicht durch, dass Prävention nicht nur eine Frage des individuellen Lebensstils und der Eigenverantwortung ist. Umgekehrt gibt es auch mehr Offenheit für verhältnispräventive und fiskalische Maßnahmen, die sich in anderen Ländern bereits bewährt haben.“
Nach Einschätzung des Direktors für Prävention und Gesundheitsförderung in Europa bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Gundo Aurel Weiler, verfügt Deutschland über viel ungenutztes Präventionspotenzial. Er nannte die Risikofaktoren Alkohol, Tabak, Zucker, Salz, Fett und Luftverschmutzung. Durch eine spürbare Senkung etwa des Alkohol- und Tabakkonsums „könnte Deutschland die Zahl jährlicher Krebserkrankungen um 63.000 Fälle senken und direkte Einsparungen im Gesundheitssystem von elf Milliarden Euro erzielen“, so der WHO-Experte. Damit lägen die möglichen jährlichen Einsparungen durch wirksame Prävention in einer Größenordnung des für 2027 prognostizieren GKV-Finanzlochs.
Nach Berechnungen der Universität Hamburg dürften die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten des Tabakkonsums in Deutschland bei schätzungsweise 97 Milliarden Euro liegen, die direkten Kosten lägen bei 30 Milliarden Euro. Die Kosten von Adipositas werden demnach auf rund 63 Milliarden Euro veranschlagt (29 Milliarden Euro direkte Kosten) und die des Alkoholkonsums auf 57 Milliarden Euro (17 Milliarden Euro direkte Kosten).
Dementsprechend verlangt Reimann eine „mutige und entschlossene Präventionspolitik, die ressortübergreifend vorgeht, Gesundheit in allen Politikbereichen verankert und die das gesunde Verhalten im Alltag erleichtert“. In der Bevölkerung habe sich die Erkenntnis ohnehin bereits durchgesetzt. Der Abteilungsleiter Prävention beim AOK-Bundesverband, Oliver Huizinga, verwies auf Erfolge in Nachbarländern. In den Niederlanden sei durch eine entschlossene Tabakpolitik die Raucherprävalenz um etwa 30 Prozent gesenkt worden. In Litauen sei es gelungen, den Alkoholkonsum stark einzudämmen und Großbritannien habe umfangreiche Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung auf den Weg gebracht. (ter)