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Debatte: Vorfahrt fürs Leben

18.03.2026 2 Min. Lesedauer

2020 verwarf Karlsruhe das Verbot geschäftsmäßiger Selbsttötungen. Seitdem geraten suizidale Menschen zunehmend in den Fokus von Sterbehilfeorganisationen. Dagegen plädiert Reinhard Lindner für mehr Prävention und klare gesetzliche Grundlagen.

Blätterhintergrund: Davor halten zwei Hände einen runden Spiegel.
Suizidprävention setzt auf frühe Hilfe und niedrigschwellige Unterstützungsangebote.
Reinhard Lindner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Professor an der Universität Kassel.
Reinhard Lindner ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Professor an der Universität Kassel.

Die Zahl der Suizide in Deutschland ist nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wieder auf mehr als 10.000 pro Jahr gestiegen – ein Zuwachs von 12,6 Prozent seit 2021. Immer mehr Menschen sehen keinen anderen Ausweg aus ihrem Leiden. Eine solidarische Gesellschaft darf sie nicht allein lassen. Sie muss verlässliche, niedrigschwellige Hilfen bereitstellen.

Besorgniserregend: Bis zu 70 Prozent der Menschen nehmen vor einem Suizid oder vor einem Suizidversuch keine Angebote des Gesundheitswesens in Anspruch. Sie brauchen Unterstützung – nicht primär Angebote zum assistierten Suizid.

Zwar finden Menschen in schweren Krisen heute Wege, einen assistierten Suizid zu realisieren. Doch passende, erreichbare Hilfen sind oft zu wenig bekannt oder nicht ausreichend verfügbar. Dabei wirkt Suizidprävention. Wissenschaftlich belegt sind Strategien wie die Einschränkung des Zugangs zu Suizidmitteln, der Ausbau medizinischer und psychosozialer Angebote sowie eine verantwortungsvolle Medienberichterstattung. Prävention ist konkrete Versorgungsarbeit.

Im Zentrum steht ein ernstnehmendes, akzeptierendes Beziehungsangebot. Ziel ist es, Selbstbestimmung zu stärken und neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Psychotherapie und Beratung können helfen, scheinbare Ausweglosigkeit neu zu bewerten. Entscheidend ist das Verständnis der individuellen Lebenslage. Suizidgedanken sind Ausdruck existenzieller Not und müssen ernst genommen werden.
 

„In einer humanen Gesellschaft muss Hilfe zum Leben leichter erreichbar sein als Hilfe zum Sterben.“

Reinhard Lindner

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Professor an der Universität Kassel

Der Wunsch nach assistiertem Suizid ist häufig ein Appell: nach Sicherheit und Würde. Viele Menschen fürchten Kontrollverlust oder unzureichende Versorgung. Studien zeigen zugleich: Verbessert sich die Lebenssituation durch medizinische oder psychotherapeutische Hilfe, treten Suizidgedanken oft in den Hintergrund. 

Suizidprävention braucht eine klare gesetzliche Grundlage und ausreichende Finanzierung. Es darf nicht einfacher sein, Hilfe beim Sterben zu erhalten, als Hilfe zum Leben. Wer assistierten Suizid ermöglicht, ohne Prävention und Versorgung deutlich zu stärken, riskiert eine gefährliche Schieflage. Lebensperspektiven zu eröffnen, muss Vorrang haben.

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