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Im Dauereinsatz

18.02.2026 Oliver Rast 12 Min. Lesedauer

Die Warnsignale sind unüberhörbar, das Gesundheitswesen wirkt angeschlagen. Ein Teil der Diagnose: Fachkräftemangel. G+G hat mit Vertretern aus Ärzteschaft, Krankenhausverbänden, Politik, Patientenverbänden, Pflege und Ökonomie über Auswege aus der Krise gesprochen.

Illustration: Ein Hand ordnet Figuren von medizinischem Personal, Rettungsfahrzeugen und medizinischen Geräten auf einer Fläche an.
Doppelfaktor: Während die Bevölkerung älter und behandlungsintensiver wird, scheiden mehr Ärztinnen und Ärzte rentenbedingt aus dem Beruf aus.
Mehrere Hände ordnen medizinischem Fachpersonel, Rettungsfahrzeugen und Geräten wie einer Soritze auf einer Fläche an.
Zu viele Aufgaben, zu wenige Hände: Hierzulande prägen Personallücken, und Zeitdruck den Klinikalltag.

Schleppender Gang, gesenkter Kopf, dunkle Augenringe. Esprit und Elan? Fehlanzeige. Schichtsystem, Wochenendarbeit, Überstunden hinterlassen deutliche Spuren. In Arztpraxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen herrscht vielerorts Krisenstimmung – bei jenen, die Patienten und Pflegebedürftige versorgen sollen und bisweilen selbst zum Notfall werden. Die Kurzformel lautet: zu viel Arbeit, zu wenig Personal. Doch wie akut ist die Lage im deutschen Gesundheitswesen? Was sagen die Betroffenen?  G+G hat sich umgehört. Ergebnis: Die Lage ist ernst. Aber nicht hoffnungslos. Es existieren Ideen und Konzepte gegen den Personalmangel. Doch zunächst die Anamnese.

Punkt eins der Vorgeschichte ist die Demografie. Eine absehbare Entwicklung. In den 2010er-Jahren weitete sich die Fachkräftelücke kontinuierlich aus, auch im Gesundheitswesen. Während der Corona-Krise schrumpfte sie kurzfristig, setzte sich danach jedoch fort. Seit 2022 ist die Lücke zwar wieder kleiner, liegt aber „weiterhin auf einem historisch sehr hohen Niveau“, betont Volkswirtschaftler Gero Kunath vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der demografische Wandel verschärfe die Lage zusätzlich – er erhöhe den Behandlungsbedarf und verringere zugleich die Zahl der Nachwuchskräfte. 

Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, sieht das ähnlich. Der Engpass an Fachkräften sei längst keine abstrakte Prognose mehr, sondern eine der „zentralen Strukturfragen unserer Zeit“. Dahmen warnt: „Am deutlichsten zeigt sich der Personalmangel in der Pflege – sowohl in stationären Einrichtungen als auch im ambulanten Bereich.“ Viele Pflegeheime und Pflegedienste müssten Betten sperren oder Anfragen ablehnen, weil ihnen die Fachkräfte fehlten. Aber auch die hausärztliche Versorgung stehe „unter massivem Druck“. Gleichzeitig fehlten in Krankenhäusern Pflegefachpersonen, Anästhesie- und Intensivpflegekräfte sowie zunehmend auch Ärzte in der Inneren Medizin, Kinder- und Jugendmedizin und der Gynäkologie, mahnt der Grünen-Abgeordnete. 

Dahmens SPD-Kollege Christos Pantazis verweist unter anderem auf das Zusammenspiel von Faktoren wie „zu hohe Arbeitsbelastung, unzureichende Vergütung in bestimmten Bereichen und mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die viele Fachkräfte frustriert und von der eigentlichen Patientenversorgung abhält“.  Die Situation „wird sich ohne entschlossenes Gegensteuern weiter zuspitzen“, sagt Pantazis.

Nachwuchsmangel und Arbeitsbelastung

Samir Rabbata, Dezernatsleiter Politik und Kommunikation der Bundesärztekammer (BÄK), spricht vom „demografischen Doppelfaktor“. Die Bevölkerung wird älter – und damit behandlungsintensiver. Gleichzeitig scheiden viele Ärzte altersbedingt aus dem Beruf aus – „ohne dass ausreichend Nachwuchs nachrückt“. Derzeit fehlen rund 5.000 Hausärzte; rund 3.000 Stellen in Krankenhäusern sind im ärztlichen Dienst unbesetzt. Neun Prozent aller berufstätigen Mediziner sind älter als 65 Jahre, weitere 14 Prozent zwischen 60 und 65. Ärztevertreter Rabbata sagt: „Jeder fünfte berufstätige Arzt wird bald aus dem Berufsleben ausscheiden.“ Doch auch die Demografie ist noch nicht das Ende des Erhebungsbogens. Strukturelle Faktoren verstärken den Engpass zusätzlich. 

Punkt zwei der Vorgeschichte ist die Arbeitsbelastung. Von hohen Teilzeitquoten, einem überdurchschnittlichen Frauenanteil und Arbeitszeiten, die kaum mit einem Familienleben vereinbar seien, spricht Gero Kunath, Ökonom vom IW. „Hinzu treten körperliche, geistige und emotionale Belastungen.“ 

Einzelbefund Nummer drei der Vorgeschichte beleuchtet Dr. André Byrla, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbands Fachärztinnen und Fachärzte Deutschland (SpiFa). „Wer den ambulanten Bereich mit Dokumentationspflichten, Budgetgrenzen und instabiler IT überlastet, macht ihn für medizinisches Personal unattraktiv.“ Byrla fordert: „Wir brauchen mehr Zeit für Patienten – weniger Zeit für Formulare.“  

Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), bestätigt diese Analyse. Sein Rechenexempel: Pflegekräfte und ärztliches Personal verbringen täglich rund drei Stunden mit „meist überflüssiger Dokumentation“. Eine Stunde weniger Bürokratie pro Tag würde rechnerisch die Arbeitszeit von rund 50.000 Vollzeit-Pflegekräften freisetzen, glaubt Gaß.  Die von ihm genannten Zahlen beruhen auf einer Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der DKG. 

Vertreter von Krankenkassen und Medizinischem Dienst weisen darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Dokumentation rechtlich und fachlich begründet sei – etwa zur Qualitätssicherung, zur Abrechnung oder zur Patientensicherheit. Auch der Gemeinsame Bundesausschuss verweist darauf, dass Dokumentationspflichten Voraussetzung für Qualitätsprüfungen seien.

Illustration: Mehrere Hände ordnen Figuren von medizinischem Personal, Rettungsfahrzeugen und medizinischen Geräten auf einer Fläche an.
Komplizierte und lange Anerkennungsverfahren verhindern den schnellen Einsatz ausländischer Fachkräfte.

Kampf um Köpfe

Punkt vier der Historie ist das Stadt-Land-Gefälle. Die hausärztliche Versorgung in strukturschwachen Regionen sei gefährdet, sagt Dr. Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Dort wird es zunehmend schwieriger, Nachfolger zu finden.“ Das alte Prinzip „ein Arzt in jedem Dorf“ sei nicht mehr realistisch. Bürger müssten daher längere Wege zum Arzt in Kauf nehmen, sagt Stahl. Das flache Land, eine große „Ärzte-Brache“? Für Katastrophenszenarien sei es zu früh, betont der KBV-Sprecher. Laut Statistik erreichen mehr als 98 Prozent der Bürger den nächsten Hausarzt innerhalb von 15 Autominuten. Ein statistischer Wert, wohlgemerkt. Der nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass qualifiziertes Personal auf dem Land heiß begehrt ist.

Fünfter und letzter Punkt der Exploration ist die interne Konkurrenz um Fachkräfte, besonders um die Medizinischen Fachangestellten (MFA). Sie sind Allroundkräfte: Sie vermitteln zwischen Berufsgruppen, diagnostizieren und dokumentieren, trösten Patientenseelen und kommunizieren gegenüber Angehörigen. Nach ihrer dreijährigen Ausbildung in Haus- oder Facharztpraxen werden MFAs unter anderem „von Kliniken oder Pflegeeinrichtungen mit besseren Verdienstmöglichkeiten zahlreich abgeworben“, berichtet Ärztekammersprecher Samir Rabbata. Das reiße nicht nur Lücken ins Praxisteam, sondern verursache zugleich Kosten. 

Gleichzeitig verweisen Arbeitsmarktexperten darauf, dass sich der schärfste Wettbewerb um Fachkräfte derzeit vor allem im Pflegebereich abspielt. Seit Einführung der generalistischen Pflegeausbildung konkurrieren Krankenhäuser, stationäre Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste verstärkt um examinierte Pflegefachkräfte. Diese sektorübergreifende Konkurrenz betrifft nach Einschätzung von Krankenkassen und Bundesarbeitsmarktanalysen vor allem die Pflege – weniger hingegen die Medizinischen Fachangestellten, deren Arbeitsmarkt stärker an den ambulanten Bereich gebunden sei.

Klar ist: Alle werben um Beschäftigte – im Inland einzelne Gesundheitssektoren untereinander – und die Bundesrepublik konkurriert mit europäischen oder außereuropäischen Ländern. Bemerkenswert: Deutschland ist nach Indien das Land mit der zweithöchsten Abwanderung von Ärzten weltweit, berichtete die Tageszeitung „Die Welt“ Anfang November 2025 unter Berufung auf den jährlichen OECD-Migrationsbericht. Demnach arbeiten mehr als 30.000 in Deutschland geborene Medizinerinnen und Mediziner heute in anderen OECD-Staaten. Doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Die Lockmittel: höheres Einkommen, bessere Arbeitsbedingungen. 

Aus Sicht der gesetzlichen Krankenkassen greift die Debatte um den Fachkräftemangel jedoch zu kurz, wenn sie allein auf zusätzliche Finanzmittel fokussiert bleibt. Der AOK-Bundesverband betont in Stellungnahmen zur Krankenhausreform, dass Personalengpässe auch eine Folge ineffizienter Strukturen seien. Solange parallele Versorgungsangebote und kleine, personell kaum zu besetzende Krankenhausstandorte – insbesondere in Ballungsräumen – fortbestünden, würden knappe Fachkräfte gebunden, ohne dass die Versorgungsqualität steige. Eine stärkere Konzentration von Leistungen könne daher nicht nur Qualität verbessern, sondern auch vorhandenes Personal wirksamer einsetzen, heißt es aus dem AOK-Bundesverband. Zugleich warnen die Krankenkassen davor, Strukturprobleme über steigende Zusatzbeiträge zu finanzieren. 

Auch der GKV-Spitzenverband fordert, Reformen konsequent an Qualitäts- und Bedarfszielen auszurichten, um die Finanzierbarkeit der gesetzlichen Krankenversicherung zu sichern. Der Sicherstellungsauftrag für die ambulante Versorgung liege dabei weiterhin bei den Kassenärztlichen Vereinigungen – ein Aspekt, der in der Debatte um neue Versorgungsmodelle häufig ausgeblendet werde, betont der Verband.

Abwanderung, Abwerbung, Arbeitsbelastung, Bürokratie und Überalterung – fünf Ursachen des Fachkräftemangels, die sich teilweise gegenseitig verstärken. Welche Therapieoptionen gibt es dagegen?

DKG-Fachkräftemonitoring 2025

Das Krankenhauswesen ist einer der größten Arbeitgeber Deutschlands: 1,66 Millionen Erwerbstätige (3,8 Prozent aller Berufstätigen), davon sind 1,43 Millionen direkt in Kliniken beschäftigt.  Die meisten arbeiten im Pflegedienst (41 Prozent), gefolgt von medizinisch-technischem Dienst (17 Prozent) und ärztlichem Dienst (16 Prozent).  Auffällig ist der Anstieg der Zahl ausländischer Ärzte: Ihr Anteil stieg von 5,4 Prozent im Jahr 2000 auf 24 Prozent im Jahr 2023 (von 6.600 auf knapp 51.000 Personen).

Migration als Motor

Punkt eins: Die Mehrheit der Experten ist sich einig. Gezielte Migration in das deutsche Gesundheitswesen ist unverzichtbar. Ohne ausländisches Personal in Praxen, Kliniken und in Altenheimen käme der Betrieb zum Erliegen. Das Problem: teils langjährige Visaverfahren, aufwendige Anerkennungsprozeduren und Prüfungen von akademischen Abschlüssen. Dazu verschiedene Regeln in verschiedenen Bundesländern mit unterschiedlichen Bearbeitungszeiten. „Vermeidbare Verzögerungen für den Berufseinstieg“, moniert Barbara Ogrinz, Sprecherin des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). Die Verfahren müssten bundesweit vereinheitlicht, zentralisiert und digitalisiert werden. DKG-Chef Gaß sieht das ähnlich – und beklagt zudem eine fehlende Willkommenskultur und sogar Fremdenfeindlichkeit.

Doch nicht alle sehen Migration als Allheilmittel. So äußern Patientenvertreter Bedenken. „Sprachliche, kulturelle und organisatorische Missverständnisse zwischen Mitarbeitern und Patienten können die Kommunikation im Klinikalltag erschweren“, sagt Hajo Neu, Geschäftsstellenleiter des Bundesverbandes Patientenfürsprecher in Krankenhäusern (BPiK). Neu weiter: „Wenn ein Patient eine Information nicht versteht oder sich nicht verstanden fühlt, entsteht schnell Verunsicherung – unabhängig von guter fachlicher Behandlung.“ Abgesehen davon bleibt ein Dilemma: Der Abzug von Spezialisten schwächt deren Herkunftsland, wo die Menschen ebenfalls medizinisches Personal benötigen.

Figuren von medizinischem Personal, Medikamenten, medizinischen Unterlagen, einem Stethoskop und einem Telefon auf einer Fläche.
In vielen Arztpraxen müssen kleine Teams Versorgung, Organisation und Bürokratie allein schultern.

Wege zur Mitarbeiterbindung

Punkt zwei fokussiert auf die hierzulande vorhandenen Fachkräfte. Dazu zählen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, effizientere Strukturen, weniger Bürokratie. 

Beispiel Pflegekräfte in Kliniken: Mit dem Anfang November 2025 verabschiedeten Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege habe die schwarz-rote Koalition „einen richtigen Weg eingeschlagen“, glaubt Gerald Gaß. Bestimmte ärztliche Tätigkeiten dürfen nun auf Pflegebeschäftigte übertragen werden, was den Beruf attraktiver machen soll. 

Im Fachmagazin „Pflegewissenschaft“ erklären Autoren jedoch, dass Teile der ärztlichen Berufsgruppe der Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten weiterhin zurückhaltend gegenüberstehen. Als Gründe werden unter anderem Befürchtungen hinsichtlich der Behandlungsqualität, unklare Verantwortungs- und Haftungsfragen sowie eine unzureichende rechtliche Absicherung genannt.

Eine bundesweite Online-Befragung zur Delegation ärztlicher Tätigkeiten im Krankenhaus, veröffentlicht im „Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung“, zeigt, dass neue Kompetenzen für Pflegefachpersonen in der Praxis häufig nur eingeschränkt genutzt werden. Als zentrale Hemmnisse identifizieren die Autoren fehlende Zustimmung ärztlicher Führungskräfte, mangelnde organisatorische Verankerung sowie tradierte Rollenbilder im Klinikalltag.

Der DKG zufolge belegen die Zahlen der Auszubildenden und Studierenden schon jetzt die  steigende Anziehungskraft des Pflegeberufs. Von 2014 bis 2024 hätten die Krankenhäuser 90.000 zusätzliche Pflegekräfte als Vollzeitkräfte beschäftigt – ein Anstieg von 28 Prozent. Doch wie können neu gewonnene Kolleginnen und Kollegen im Beruf gehalten werden? Eine Möglichkeit: Mitarbeiterbindung. Sie beginnt bei medizinischen und pflegerischen Fachkräften bereits nach der Ausbildung – ein Schritt, den 89 Prozent der von der DKG befragten Kliniken umsetzen. Hinzu kommen finanzielle Anreize und gesundheitsfördernde Angebote, die oftmals zum Standard gehören, etwa ergonomisch optimierte Arbeitsplätze und Supervisionen.

Zudem hätten Klinikbetreiber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sukzessive ausgebaut. Im Jahr 2025 ermöglichen nach DKG-Angaben 84 Prozent der Häuser einen flexiblen Einsatz in anderen Arbeitsbereichen, 72 Prozent offerieren strukturierte Wiedereingliederungsprogramme nach der Elternzeit. Auch das altersgerechte Arbeiten rückt stärker in den Fokus: Mit internen Bereichswechseln, Spezialisierungen und neuen Tätigkeitsschwerpunkten reagieren Krankenhäuser demnach auf individuelle Belastungsprofile.

Akademisierung der Gesundheitsberufe

Darin sieht vor allem die Universitätsmedizin einen Hebel zur Fachkräftesicherung und Versorgungsqualität. Die Versorgung werde komplexer, internationale Standards verlangten längst ein Studium – und nur so ließen sich Forschung und evidenzbasierte Praxis stärken, sagen Befürworter. Kritiker warnen hingegen vor Praxisferne und Abgrenzungsproblemen, vor höheren Ausbildungskosten und längeren Lernzeiten. Klassische Ausbildungswege etwa in Pflegeberufen würden entwertet. Und: Eine hochschulische Qualifizierung ersetze keine patientenorientierte Behandlung.

Teamplayer statt Einzelkämpfer

Die zunehmend komplexe Medizin ermöglicht zudem differenzierte Berufsbilder; das Gesundheitspersonal spezialisiert sich – mehr Einzelfachexperten, weniger Generalisten. Das Credo heißt: Aufgaben delegieren, im Team handeln, Standesdünkel und Kompetenzstreit überwinden. Andreas Tyzak vom Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands sagt: „Fachberufe sollten durchlässiger werden.“ Ein Gesellschaftsjahr könnte junge Leute für einen medizinischen Beruf begeistern, so Tyzak. Doch das dürfte nicht genügen. So brechen je nach Statistik zwischen 25 und 30 Prozent der Pflege-Azubis ihre Ausbildung ab. Laut Statistischem Bundesamt befanden sich Ende 2024 insgesamt 147.100 Menschen in einer Ausbildung zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann. 

Ein großes Versprechen beim Berufseinstieg: Digitalisierung. Sie soll Arbeitsprozesse vereinfachen, Doppelstrukturen vermeiden – im Idealfall. Doch technische Mängel und fehlende Interoperabilität beschränken bislang den Nutzen im Alltag von Praxen und Kliniken. Dr. Alexia Zurkuhlen, Vorständin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), betont: „Menschen, die einen Beruf in der Pflege wählen, entscheiden sich sehr bewusst für diese sinnstiftende Tätigkeit.“ Dabei stehe häufig der Wunsch im Vordergrund, Menschen beizustehen. „Dass für diesen Teil der Aufgaben wieder mehr Zeit ist, daran sollten alle ein Interesse haben, deshalb darf Digitalisierung nicht langfristig den Aufwand in der Dokumentation erhöhen, sondern soll entlastend wirken.“ 

Ein weiterer Aspekt: „Pflegepersonal möchte ausdrücklich mehr und flexibler entscheiden dürfen, aber erste Gesetzeskorrekturen kommen zu zögerlich“, kritisiert Zurkuhlen. Auch bei der Aus- und Fortbildung brauche es dringend bundeseinheitliche Regelungen. Stella Merendino, Sprecherin für Krankenhaus- und Notfallversorgung der Linksfraktion im Bundestag, erwartet vor allem in der Pflege eine bedarfsgerechte Personalausstattung, tarifliche Bezahlung, verlässliche Jobzeiten und höhere Wertschätzung.   

Auch abseits von Krankenhäusern und Pflegeheimen, in der haus- und fachärztlichen Versorgung, tut sich einiges. So versucht die KBV mit der Kampagne „Lass dich nieder!“ Nachwuchs zu gewinnen. Beispielsweise richtet eine Kassenärztliche Vereinigung vor Ort eine neue Praxis komplett ein und stellt einen jungen Arzt oder eine Ärztin ein. Ziel ist, dass der Nachwuchs später die Praxis als Selbstständiger übernimmt.

Um die Krankenversorgung auf dem Land zu sichern, schlägt DKG-Chef Gaß vor, dass temporäre ambulante Einrichtungen kurzfristige Engpässe überbrücken können. Denkbar sei auch ein Angebot, bei dem Mediziner zu festgelegten Zeiten direkt vor Ort seien – etwa in Form einer mobilen Sprechstunde. Ergänzend ließen sich Fahrdienste organisieren, die Patienten zuverlässig zur nächstgelegenen Praxis brächten.

Wie Fachpersonal künftig gewonnen werden kann, entscheidet sich nicht zuletzt am Ausgang der laufenden Strukturreformen im Gesundheitswesen – besonders an der Krankenhausreform und der geplanten Reform der Notfallversorgung. Solange diese politische Antworten ausstehen, bleibt die Arbeit im Gesundheitswesen strapaziös.

Foto von einem Skelett und einem leeren Arztzimmer
Über Barrieren hinweg! Sektorenübergreifende Versorgung als Prophylaxe gegen Fachkräftemangel und Überkapazitäten. Drei Reportagen, drei Beispiele - in unserem digitalen Format G+G Story.
18.03.20252 Min

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