Japan tritt zum Check-up an
Kaum ein Land der Welt hat ein so weitreichendes Präventionsprogramm wie Japan. Alle Erwerbstätigen und Schulkinder müssen sich einmal im Jahr einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen. Doch was bringt diese Strategie? Ein Selbsttest.
Es ist 8 Uhr morgens und der Wartesaal der Keijinkai Klinik im japanischen Sapporo ist voll. Doch hier sitzen keine verletzten oder kranken Menschen. Alle Wartenden – die Mehrzahl im Alter zwischen 30 und 50 Jahren – sind hier, um ihren obligatorischen Gesundheits-Check (japanisch: ippan kenshin) zu absolvieren. Alle Einwohner Japans, die bei einem Unternehmen angestellt sind, müssen sich einmal im Jahr wortwörtlich auf Herz und Nieren untersuchen lassen. So verlangt es das Gesetz (siehe Kasten „Gesetzgeber sieht umfangreiche Untersuchungen vor“ auf Seite 27). Selbstständige, Rentnerinnen und Rentner sowie Hausfrauen oder Studierende können sich freiwillig dem kostenlosen Check-up zur Gesundheitsvorsorge unterziehen. Ihre Kommune schickt ihnen dafür einmal im Jahr einen Gutschein zu. Japan hat ein staatliches Krankenversicherungssystem, das für alle Einwohner des Landes verpflichtend ist.
Natsumi Moriya arbeitet in einem Büro gleich neben der Klinik. Die 55-Jährige findet das Vorsorgeprogramm sinnvoll. „Ich glaube, das ist ein gutes System.“ Früher hätten Unternehmen ihre Mitarbeiter manchmal gezwungen, gefährliche Arbeiten zu verrichten, ohne sich um deren Sicherheit oder Gesundheit zu scheren. Mit der Einführung der Gesundheits-Checks könne einem solchen Missbrauch ein Riegel vorgeschoben, sagt sie.
Alltagskleidung gegen Trainingsanzug tauschen
Im Umkleideraum der Klinik erhält jeder einen blauen Trainingsanzug. Die eigenen Kleider werden in einen Spind eingeschlossen. Es soll bequem und praktisch zugehen bei den Untersuchungen. Außerdem bekommt jeder Teilnehmende einen Gebäudeplan, der die 30 verschiedenen Stationen ausweist, die es unter Umständen anzusteuern gilt. Je nach Alter und beruflicher Gesundheitsgefährdung gibt es mehr oder weniger Tests. Für Menschen um die 20 bedeutet der Check-up kaum mehr als eine Blutdruck-Messung. Über 50-Jährige müssen dagegen einen halben Arbeitstag für das Screening veranschlagen.
Vom Wiegen und Messen zur Magenspiegelung
Die erste Station ist für alle gleich. Wiegen und Messen – auch der Bauchumfang wird vermerkt. Die Ärztin schaut kritisch, trotz Body Mass Index von 20. „Hat sich Ihr Gewicht in den letzten Jahren verändert?“, fragt sie. „Wiegen Sie über fünf Kilo mehr als mit 20?“ möchte sie außerdem wissen. Die Ergebnisse werden in der Klemmmappe vermerkt – ebenso der Blutdruck, der in Zimmer 2 festgestellt wird. Dann geht es zum Bluttest. Urin- und Stuhlproben waren daheim zu sammeln und wurden bereits an der Rezeption abgegeben. Eine Ärztin schaut über die Angaben zu bisherigen Krankheiten, Operationen, Krebserkrankungen bei Familienmitgliedern und Medikamenteneinnahme.
Im ersten Stock geht der Vorsorge-Parcours weiter. Eine Mammographie und ein Gebärmutterabstrich stehen nun an. Danach geht es in den EKG-Raum, dann weiter zum Thorax-Röntgen und zu guter Letzt ist unter Nummer 30 die Magenuntersuchung an der Reihe. Hier besteht die Wahl zwischen dem Barium-Test, der wegen der Verwendung radioaktiver Substanzen stark an Beliebtheit verloren hat, und einer Magenspiegelung, in der die Sonde durch die Nase geführt wird. Die Pflegerin verteilt Nasentropfen an die sechs Wartenden. „Wenn wir in der Nase nicht durchkommen, müssen wir es durch den Mund versuchen“, sagt die Ärztin.
Arbeitgeber erhalten die Testergebnisse
Fünf Stunden nach Ankunft in der Klinik sind alle Tests im Kasten. Man darf sich wieder umziehen. Der Vorsorge-Marathon ist überstanden. Ein paar Wochen später kommen die Ergebnisse – bewertet auf einer Skala von A (keinerlei Hinweise auf gesundheitliche Probleme) bis F (weitere Untersuchungen nötig). Wo Anlass zur Sorge besteht, erfolgt eine Überweisung zu einer Fachärztin beziehungsweise einem Facharzt oder in eine Fachklinik, um den Befund abzuklären.
Bei Arbeitern und Angestellten kommen die Ergebnisse der Untersuchungen direkt zum Chef. Kein Wunder, dass manche Menschen ein paar Wochen vor dem Check-up auf Alkohol verzichten und gesünder essen. Wer nicht zum Test will, kann sich theoretisch weigern. Doch weil dem Arbeitgeber dann unter Umständen eine Geldbuße droht, da er verpflichtet ist, die Ergebnisse der Untersuchungen aller Angestellten an die Behörden zu melden, kommt das in der Praxis kaum vor.
Gesundheitscheck wird zur Selbstverständlichkeit
Japans System ist einzigartig. Kaum ein anderes Land hat ein solch weitreichendes Programm der Sekundärprävention. Laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt es zwar in einigen anderen Ländern wie Frankreich oder Finnland eine Pflicht der Unternehmen, ihre Beschäftigten zur Vorsorge zu schicken. Anders als in Japan ist der Personenkreis jedoch viel enger gefasst und das Intervall zwischen den Check-ups länger. In Japan absolvieren schon Kindergarten- und Schulkinder jährlich einen Gesundheitscheck, sodass es für alle, die hier aufgewachsen sind, selbstverständlich ist, dass jedes Jahr ihre Gesundheit evaluiert wird. Doch inwieweit trägt das System dazu bei, dass Japanerinnen und Japaner im Schnitt zu den gesündesten Menschen weltweit gehören und die höchste Lebenserwartung haben? Yukio Shimasaki, Wissenschaftler an Universität Tokio, hat auf der Basis von Daten aus drei Präfekturen in Japan den Zusammenhang zwischen der Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen und dem Risiko für Bluthochdruck und erhöhte Triglyceridwerte (Blutfettwerten) untersucht. Der Mediziner sieht Hinweise darauf, dass die Gesundheitsvorsorgeprogramme in Japan zu einer besseren Gesundheit der Allgemeinbevölkerung beitragen.
Andere Forschende verweisen auf die Schwachstellen der japanischen Strategie. Der Epidemiologe Naoki Kondo von der Universität Kyoto leitet eine große Studie zur Gesundheit älterer Menschen in Japan – die „Japan Gerontological Evaluation Study“. Menschen, die nicht fest angestellt sind, würden vom System nicht erfasst, moniert Kondo.
Dies betreffe gerade ältere Menschen, die nicht mehr im Arbeitsleben stehen. Ob ältere Japaner zur Vorsorge gingen, hänge von ähnlichen Faktoren ab, wie in anderen Ländern. Menschen mit geringerer formaler Bildung und geringerem Einkommen würden weniger oft zu den Untersuchungen gehen als diejenigen, die gut gebildet und wohlhabend seien.
So wie Noriko Hashimoto. Die 73-jährige Geschäftsfrau lässt keine ihrer jährlichen Untersuchungen aus. Sie lobt die Effizienz des japanischen Systems. „Es ist gut, dass in Japan die ganze Vorsorge in einer Klinik gemacht wird und ich dafür nicht von Arzt zu Arzt rennen muss“, sagt sie. Wer jedes Jahr in die gleiche Klinik gehe, könne auch die aktuellen Ergebnisse mit denen der letzten Jahre vergleichen. „Man hat eine Übersicht“, sagt Hashimoto.
Feinjustierung des Programms empfohlen
Die OECD stellt in ihrem Bericht zu Japan fest: „Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern ist das Ausmaß und die Breite der Gesundheitsuntersuchungen in Japan ungewöhnlich hoch. Es ist unklar, ob alle Tests einen Mehrwert für das System bieten, sowohl im Hinblick auf die Gesundheit der Bevölkerung als auch im Hinblick auf die Kostenersparnis.“ Die OECD empfiehlt eine Feinjustierung des Programms. Japan sollte überlegen, wie man Hochrisikogruppen – beispielsweise Arbeitslose oder Rentner – gezielter erreichen könne. Zudem senkten Vorsorgeuntersuchungen nicht automatisch die Zahl der Krankheitsfälle oder die Sterblichkeit, konstatiert der Bericht.
In der Tat kann jeder selbst entscheiden, was nach der jährlichen Vorsorge passiert. Ein obligatorisches Follow-up gibt es nicht. Wer unklare Befunde oder Hinweise auf Gesundheitsprobleme nicht weiter abklären will, sondern ignoriert, der kann dies tun. Die Untersuchungen mögen Pflicht sein, das Nachfassen ist jedoch Kür und bleibt jedem selbst überlassen.
Gesetzgeber sieht umfangreiche Untersuchungen vor
In Japan sind einige Gesundheitsuntersuchungen gesetzlich vorgeschrieben, unter anderem für Vorschulkinder, Schulkinder und Erwerbstätige. Arbeitgeber sind verpflichtet, ihren Vollzeitbeschäftigten kostenlos eine jährliche „allgemeine Gesundheitsuntersuchung“ bei Einstellung und anschließend jährlich anzubieten. Die Beschäftigten sind verpflichtet, daran teilzunehmen. Die allgemeine Gesundheitsuntersuchung umfasst eine standardisierte Reihe von Untersuchungsinhalten, beispielsweise Anamnese, Gewicht, Sehkraft, Hörvermögen, Blutdruck sowie Urinzucker und -eiweiß. Um psychischen Erkrankungen vorzubeugen, psychische Belastungen der Erwerbstätigen zu verringern und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sind Arbeitgeber mit mehr als 50 Beschäftigten verpflichtet, einmal jährlich die Stressbelastung ihrer Mitarbeitenden zu erfassen.
Menschen im Alter von 40 bis 74 Jahren wird jährlich die spezifische Gesundheitsuntersuchung zur Prävention lebensstilbedingter Erkrankungen angeboten. Die Untersuchungen müssen einem landesweit einheitlichen Standard entsprechen. Beschäftigte in diesem Alter, die bereits die allgemeine Gesundheitsuntersuchung erhalten, müssen die gleichen Untersuchungen nicht erneut durchführen lassen. Zusätzlich zu den verpflichtenden Untersuchungen werden zahlreiche weitere Gesundheitschecks empfohlen und von verschiedenen Akteuren wie Kommunen, Arbeitgebern und beschäftigungsbasierten Versicherungen angeboten.
Quelle: OECD Reviews of Public Health: Japan (2019)
Mitwirkende des Beitrags
Agnes Tandler
Autorin
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