Artikel Prävention

Debatte: Einsamkeit bedroht die Gesundheit

21.01.2026 Janosch Schobin 2 Min. Lesedauer

Hinter vielen Arztbesuchen stecken unerfüllte soziale Bedürfnisse, sagt Janosch Schobin. Der Soziologe empfiehlt daher den Einsatz von Soziallotsen, die Menschen aus ihrer Isolation holen.

Eine alte Frau steht vor einem Fenster, das durch eine Jalousie und Spitzevorhängen verdunkelt wird.
Einsamkeit ist ein ähnlich hohes Gesundheitsrisiko wie Rauchen oder Bewegungsmangel.
Foto: Dr. Janosch Schobin, Soziologe im Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.
Dr. Janosch Schobin, Soziologe im Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.

Chronische Einsamkeit ist ein in Teilen gesellschaftlich erzeugter Stressor mit erheblicher gesundheitlicher Relevanz. Zahlreiche Studien zeigen, dass anhaltende Einsamkeit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und einen vorzeitigen Tod deutlich erhöht. Das schmerzhafte Gefühl fehlender tragfähiger Bindungen wirkt dabei wie andere chronische Belastungen: Es aktiviert dauerhaft Stressachsen, schwächt das Immunsystem und beeinflusst gesundheitsrelevantes Verhalten. Einsamkeit ist damit ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko – von einer Tragweite vergleichbar mit Rauchen oder Bewegungsmangel.

Medizinisch relevante soziale Bedürfnisse sind zudem kein Randphänomen. Hausärztinnen und Hausärzte begegnen ihnen täglich, etwa in Form unspezifischer Beschwerden, häufiger Arztkontakte, Schlafstörungen oder psychosomatischer Symptome. Hinter vielen Konsultationen steht ein soziales Problem – etwa fehlende soziale Einbindung, Verlusterfahrungen oder prekäre Lebenslagen. Diese Bedarfe werden erkannt, können aber bislang nur begrenzt adressiert werden. Es fehlen strukturierte Möglichkeiten, Patientinnen und Patienten gezielt aus der medizinischen Versorgung in soziale Angebote zu vermitteln. Zwischen Praxis, Kommune, Ehrenamt und Zivilgesellschaft bestehen kaum verlässliche Schnittstellen.

„Wer Gesundheit fördern will, muss soziale Beziehungen als Ressource anerkennen.“

Dr. Janosch Schobin

Soziologe im Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.

Hier setzt das Konzept des Social Prescribing an: Ärztinnen und Ärzte oder andere Gesundheitsberufe können neben Medikamenten auch soziale Aktivitäten „verschreiben“ – etwa Kulturangebote, Nachbarschaftsinitiativen oder Beratungsstellen. Eine zentrale Rolle übernehmen dabei speziell qualifizierte Link Worker (Soziallotsen), die Patientinnen und Patienten individuell beraten, passende Angebote erschließen und eine nachhaltige Anbindung an soziale Strukturen ermöglichen. Ein flächendeckendes Social Prescribing könnte ein Schlüssel zur Lösung zentraler Versorgungsprobleme sein. Zugleich ist es politisch brisant, denn es wirft die Frage auf, ob und in welchem Umfang Mittel aus dem medizinischen System in soziale Infrastrukturen fließen müssten. Wer Gesundheit fördern will, muss soziale Beziehungen als grundlegende Ressource anerkennen.

Illustration (farblich gehalten in lila): Aus der Vogelperspektive sind 5 Menschen in einem Raum zu sehen. Sie stehen um einen Sockel herum, auf dem ein Tablett mit der Aufschrift "Zusatznutzen" steht und in dessen Mitte liegt eine goldene Pille. Die Person links im Bild hat ein Preisschild in seiner Hand, auf dem ein Eurozeichen abgebildet ist. Von oben kommt ein Lichtkegel, der die Pille und das Tablett besonders hervorhebt.
Medikamente werden immer teurer und belasten die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Kostentreiber sind vor allem neue Medikamente, die nicht an feste Preisvorgaben gebunden sind. Welche Hürden die Arzneimittelbepreisung überwinden muss und welche konkreten Vorschläge es gibt, zeigt unsere neue G+G Story.
16.01.20262 Min

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.

Pressekonferenz

Vorstellung des neuen Public Health Index

Wo steht Deutschland beim Thema Prävention im internationalen Vergleich?