G+G Kassentreffen: Gesundheitspolitik für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
Die elfte Podcast-Folge des „G+G Kassentreffen – Wer kommt, was geht?": Zu Gast ist Dr. Susanne Johna, Erste Vorsitzende des Marburger Bundes und Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer.
Dass sie Ärztin werden möchte, stand für Dr. Susanne Johna schon mit 15 Jahren fest. Schuld daran war der Vater ihrer besten Freundin, der selbst als Arzt im Krankenhaus arbeitete. Gewerkschaftlich und berufspolitisch engagiert sich die Mutter zweier erwachsener Kinder seit 2013. Seit 2019 ist sie Erste Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), seit 2023 Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer. In der aktuellen Ausgabe des „G+G Kassentreffens“ spricht Johna mit Linda Peikert und Ralf Breitgoff über den Einfluss und die Rolle einer Gewerkschaft auf Gesundheitspolitik, die anstehende Reformagenda und wie viel Zeit noch bleibt für die Arbeit als Ärztin.
Der MB ist die gewerkschaftliche, gesundheits- und berufspolitische Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. So steht’s in der Satzung. In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Verband aber oft auf den Krankenhausbereich reduziert – mutmaßlich, weil es dort die meisten angestellten Ärztinnen und Ärzte gibt. Das stört Susanne Johna nicht unbedingt, weil die Strukturen in der ambulanten Versorgung halt so sind wie sie sind: „Um einen Tarifvertrag zu erarbeiten, brauchen Sie ja einen irgendwie gearteten Arbeitgeberverband, weil Sie das nicht mit jeder Einzelpraxis machen können. Unsere Idee ist natürlich jetzt zunächst über medizinische Versorgungszentren einzusteigen.“ Aber – und das sagt sie als Gewerkschafterin nicht ganz ohne Stolz – der MB habe schließlich einen Mustertarifvertrag für angestellte Ärztinnen und Ärzte im niedergelassenen Bereich erarbeitet, der reichlich genutzt werde.
Das „relevante Einnahmeproblem“ der GKV
Einer der Schwerpunkte 2026 für die Ärztegewerkschaft liegt auf den Tarifverhandlungen an den Universitätsklinika in Deutschland. Der letzte Tarifabschluss dort habe zwar deutliche Verbesserungen gebracht: etwa die Reduzierung der regelmäßigen Wochenarbeitszeit, die Einführung einer elektronischen Arbeitszeiterfassung sowie mehrere strukturelle Klärungen. Allerdings sei vieles davon bis heute nicht oder nicht vollständig umgesetzt worden, kritisiert die 60-Jährige. Darüber hinaus will der MB sich „in der kommenden Tarifrunde auf eine lineare Entgeltforderung beschränken“.
Abstriche angesichts finanziell angeschlagener Krankenkassen kommen für Johna nicht in Frage, auch wenn die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) für den Großteil der Personalkosten im stationären Bereich aufkommt. „Zunächst mal erstaunt mich, dass wir in der GKV-Problematik, die natürlich unstrittig gibt, so isoliert auf die Ausgabenseite schauen. Meiner festen Überzeugung nach haben wir ein relevantes Einnahmeproblem und das wird in den nächsten Jahren steigen“, sagt Johna mit Blick auf den demografischen Wandel und den Ausstieg der Babyboomer aus dem Erwerbsleben und fordert tiefgreifende Strukturreformen. „Es reicht nicht auf die Ausgabenseite zu gucken und schon gar nicht zu sagen ‚Jetzt muss das Personal irgendwie das Geld dafür mitbringen‘, dass es der Krankenversicherung besser geht.“
Die Krankenhausreform und Stolperfallen bei der Facharztausbildung
Und natürlich möchte eine ärztliche Gewerkschaft auch die Reformagenda mitgestalten. Die Krankenhausreform müsse jetzt unbedingt in trockene Tücher kommen, fordert die Erste Vorsitzende, nicht ohne auch noch gewerkschaftliche Änderungswünsche am Krankenhausreform-Anpassungsgesetz (KHAG) zu formulieren. Die Regelungen zur sogenannten Arbeitnehmer-Überlassung liegen dem MB im Magen. Sie wurden einst zum Schutz von Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern geschaffen, sorgen aber nun für Probleme bei der Facharztausbildung. „Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung werden ja durch die Krankenhausreform deutlich beeinflusst werden, als dass an den Krankenhäusern durch diese feine Differenzierung der Leistungsgruppen häufig nicht mehr eine volle Weiterbildungsbefugnis erteilt werden kann“, erläutert Johna. In der Folge müssten die Kolleginnen und Kollegen viel mehr als heute zwischen verschiedenen Arbeitgebern wechseln müssen. „Ideal stellen wir uns als Marburger Bund sogenannte Verbundweiterbildungen vor, wo dann vielleicht ein, zwei Kliniken einen Verbund bilden“, die dann das notwendige Spektrum abbildeten und die Ärzte nicht mehrere Arbeitsverträge schließen müssten.
Außerdem spricht Susanne Johna im G+G Kassentreffen über die geplante Primärversorgung beziehungsweise ein Primärarztsystem, erläutert warum sie die Debatte um die sogenannte doppelte Facharztschiene, wie sie sich Deutschland als einziges Land in Europa gönnt, für eine Scheindebatte hält – also fachärztliche Versorgung nicht nur an Kliniken, sondern auch im niedergelassenen Bereich, und äußert ihre gesundheitspolitischen Wünsche, wenn sie denn wenigstens einen frei hätte.
Datenschutzhinweis
Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.
Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.