Daten und Analysen Versorgung

Zahl der Blutspenden in Deutschland stagniert

08.01.2026 Hilke Nissen 3 Min. Lesedauer

Die Versorgung mit Blut ist unverzichtbar für Operationen, Notfälle und Therapien. Deutschland benötigt jährlich mindestens 3,7 Millionen Spenden. Doch die Zahlen stagnieren seit 2020 knapp darunter. Die neue EU-SoHO-Verordnung sieht bis 2027 einheitliche Standards und sichere Vorräte vor.

Image: Rechts unten im Bild ist eine gelbe Blase. In ihr sind zwei Hände abgebildet, die sozusagen einen Tropfen halten. Darüber ist ein Graph abgebildet. Links daneben ist eine Blase mit dem Bild eines gefüllten Blutbeutels während der Spende.
Um die Anzahl der Blutspenden zu steigern, müssten die Spendenprozesse vereinfacht und vor allem junge Menschen mobilisiert werden.

Blut, Zellen und Gewebe aus menschlicher Spende sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken. Auch bei Krieg, Terroranschlägen oder Naturkatastrophen kann eine Bluttransfusion über Leben und Tod entscheiden. Deshalb spielt die landes- und europaweite Blutversorgung eine entscheidende Rolle. Ausreichende Blutspenden sind nach Meinung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) unerlässlich. 

Ausreichend Blut und Plasma sichern die medizinische Versorgung

Für die Versorgung der Krankenhäuser mit Blutkonserven werden in Deutschland nach aktuellen Berechnungen des Paul-Ehrlich-Instituts zur Deckung des medizinischen Bedarfs an Erythrozytenkonzentraten täglich rund 10.000 Vollblutspenden (circa 3,7 Millionen pro Jahr) benötigt. Von 2015 bis 2020 gingen die Blutspenden von 4,1 auf rund 3,7 Millionen zurück.

Seit 2020 gibt es wieder leichte Anstiege, aber die Zahlen verharren seitdem bei durchschnittlich 3,6 Millionen auf einem niedrigeren Niveau als vor 2020 (vgl. Grafik). Das DRK rechnet auf Anfrage mit einer Planungsgröße von etwa 15.000 täglichen Spenden. In der Europäischen Union (EU) werden nach Angaben der European Blood Alliance täglich zwischen 67.000 und 70.000 Blutkonserven benötigt. 

Vollblut ist das vollständig entnommene Blut und enthält alle natürlichen Blutbestandteile: rote Blutkörperchen (Erythrozyten), Blutplasma, Blutplättchen (Thrombozyten) und weiße Blutkörperchen (Leukozyten).  Rund 90 Prozent der beim DRK gesammelten Spenden sind Vollblutspenden, die nach der Entnahme standardisiert in Komponenten aufgeteilt werden. Aus einer Vollblutspende entstehen in der Regel ein Erythrozytenkonzentrat, Plasma sowie, je nach Aufbereitung, ein Thrombozytenkonzentrat. Die Bestandteile kommen bei Operationen, schweren Blutverlusten, Gerinnungsstörungen und in der Onkologie zum Einsatz.

Neben der Vollblutspende gibt es zur Plasmagewinnung die Plasmapheresespenden, bei denen durch ein spezielles Verfahren das Blutplasma abgetrennt wird und die restlichen Blutbestandteile dem Spender zurückgeführt werden. Das Plasma wird für die industrielle Fraktionierung genutzt, etwa zur Herstellung von Immunglobulinen oder Gerinnungsfaktoren. 2024 stammten in Deutschland 74 Prozent des gewonnenen Plasmas aus Apheresespenden.

Blutversorgung auf Kante: weniger Blutspenden seit 2020

Blutspendesystem in Deutschland

Das deutsche Blutspendesystem ist dreigliedrig. Den Großteil der Spenden (rund 78 Prozent) gewinnt das DRK. Die vier DRK-Blutspendedienste betreiben mehr als 50 feste Spendezentren und organisieren täglich mehrere hundert mobile Termine in Gemeinden, Unternehmen, Hochschulen und öffentlichen Einrichtungen – 2023 insgesamt mehr als 40.000.

Weitere Spenden stammen aus Krankenhaus- und Universitätsblutbanken sowie staatlichen und kommunalen Einrichtungen wie der Bundeswehr. Rund zehn Prozent der Spenden kommen von privaten Blutspendediensten. Alle Blutspenden in Deutschland sind freiwillig und unentgeltlich; Spendedienste können jedoch Aufwandsentschädigungen wie Verpflegung oder Fahrtkostenzuschüsse anbieten.

Deutschland liegt im EU-Vergleich nur im Mittelfeld

Europaweit unterscheiden sich Erhebungsmethoden und Blutspendenzahlen stark. Länder wie Tschechien und Zypern verzeichnen 90 und mehr Spenden pro 1.000 Einwohner jährlich. Deutschland liegt anhand einer nationalen Monitoring-Studie mit rund 44 Spenden im europäischen Mittelfeld.

Die Unterschiede resultieren zum einen in den nicht standardisierten internationalen Daten. Zum anderen gibt es unterschiedliche Spendeinfrastrukturen und kulturelle Faktoren der Spendebereitschaft. 

Versorgung mit Blut, Gewebe und Zellen in der EU langfristig sichern

In der EU soll kein Mangel an Blut, Zellen oder Gewebe die Versorgung gefährden. Doch genau hier drohen Engpässe. Bislang war der Umgang mit Blut, Gewebe und Zellen durch unterschiedliche EU-Richtlinien reguliert – diese waren teilweise lückenhaft bei Sicherheit und Qualität. Die neue EU-SoHO-Verordnung (SoHO: Substances of Human Origin) ersetzt die bestehenden Richtlinien und schafft ein einheitliches europäisches Regelwerk mit verbindlichen Qualitäts- und Sicherheitsstandards für diese sensiblen Spenden. Eine neue EU-Plattform soll die Datenqualität verbessern. Die Verordnung will zugleich sicherstellen, dass alle Mitgliedstaaten genügend Vorräte an Blut, Zellen und Gewebe bereithalten, um eine belastbare Versorgung sicherzustellen: Bis 2027 müssen alle Mitgliedstaaten Strategien für sogenannte „kritische SoHO“ entwickeln, darunter Blut und Plasma, deren Vorräte in mehreren Ländern sinken. Zudem müssen sie SoHO-Notfallpläne erstellen, die bei ernsthaften Versorgungslagen und drohenden Gefahren für die menschliche Gesundheit greifen.

In Deutschland arbeitet das Bundesgesundheitsministerium (BMG) derzeit an einem nationalen SoHO-Gesetz zur Umsetzung der EU-Vorgaben. Die Frist bis August 2027 rückt näher, spätestens ab dann müssen alle Mitgliedstaaten die Vorgaben praktisch erfüllen.

Blutspenden retten täglich Leben

Um die Blutspenderaten in Deutschland langfristig zu steigern, betonen DRK und Paul-Ehrlich-Institut die Notwendigkeit, Spendenprozesse zu vereinfachen – etwa durch an Spender angepasste Öffnungszeiten und mobile Angebote. Aufklärungs- und Motivationskampagnen, auch in sozialen Medien, sollen vor allem junge Menschen erreichen, um langfristig die Anzahl der Blutspenden zu erhöhen.

Mehrere AOKs kooperieren mit dem DRK-Blutspendedienst und belohnen Spenden je nach Region mit Prämien oder Bonuspunkten. Internationale Beispiele zeigen zusätzliche Wege: In Dänemark werden Spender ab der zehnten Spende ausgezeichnet, in den Niederlanden warb die gemeinnützige Stiftung Sanquin 2018 unter #myfirstblood erfolgreich über das Computerspiel „League of Legends“ junge Erstspender an. Zu den grundlegenden Voraussetzungen für die Blutspende zählen ein Mindestalter von 18 Jahren, ein Körpergewicht von mindestens 50 Kilogramm sowie ein guter Gesundheitszustand.

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